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Sie überlebte den Holocaust: Henny Brenner ist tot

Ihr Buch „Das Lied ist aus“ bewegt noch immer. Nun ist sie mit 95 Jahren verstorben.

© Amac Garbe

Der Ort, an dem Henny Brenner die wohl demütigendsten Stunden ihres Lebens verbringen musste, ist heute ein angesagter Kulturort. Die ehemaligen Goehle-Werke in Dresden heißen jetzt Zentralwerk, dieses ist seit einigen Jahren ein Kunstquartier. Doch im Zweiten Weltkrieg produzierten die Goehle-Werke Teile für Waffen, vor allem Flakzünder. An den Arbeitstischen: Zwangsarbeiter. Für die feinmechanischen Arbeiten mit Pinzette und Lupe wurden Jugendliche eingesetzt. Unter ihnen war auch die Jüdin Henny Brenner. Ihr Buch „Das Lied ist aus“, in dem sie von Zwangsarbeit, Bombardierung und Flucht schreibt, bewegte viele Leserinnen und Leser. In der Nacht zum 18. Mai ist Henny Brenner in Weiden in der Oberpfalz verstorben.

Geboren 1924 als Henny Wolf, wuchs sie in einer großbürgerlichen Dresdner Familie auf. Ihr Vater betrieb das „Palast-Theater“ in der Alaunstraße. Ihre Mutter war Jüdin, und so waren sie ab 1933 nicht mehr sicher. Man beschimpfte und hetzte die Familie. 1941 wurde Henny Brenner zur Zwangsarbeit in den Goehle-Werken verpflichtet, wo unter anderem auch Victor Klemperer arbeitete. 1945 stand die Deportation der Familie kurz bevor, doch die Wirren der Bombardierung Dresdens im Februar ermöglichten es der Familie, sich in Dresden zu verstecken. Einmal sagte Henny Brenner, wie sie nach ihrer Heirat hieß: „Ich verdanke den Bomben, die Dresden zerstörten, mein Überleben.“ Die Familie floh später nach Berlin – diesmal vor der Roten Armee.

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2014 kam der Sächsische Verdienstorden

Nachdem sie in Berlin Zuflucht gefunden hatten, zog die Familie Wolf in die Oberpfalz, wo Henny heiratete. 2001 schrieb sie das viel beachtete, autobiografische Buch „Das Lied ist aus“, das unter anderem an vielen Dresdner Schulen Stoff war. Immer wieder setzte sie sich als Zeitzeugin für die Aufklärung über die Verbrechen des Nazi-Regimes ein. Hierfür wurde Henny Brenner 2014 der Sächsische Verdienstorden verliehen. Immer wieder besuchte sie Dresden, zum Beispiel 2015 auf Einladung der Betreiber des Zentralwerks. Diese arbeiten die dunkle Geschichte der Goehle-Werke auf und veranstalteten ein Bühnengespräch mit der Zeitzeugin. Die Schriftstellerin Franziska Gerstenberg beschreibt das in der zweiten Ausgabe des Buchmagazins „Stadtluft Dresden“, das 2017 erschienen ist.

Henny Brenner lebte bis zu ihrem Tod in Weiden in der Oberpfalz, die dortige Lokalzeitung berichtete als Erste über ihren Tod. Aus Familienkreisen erfuhr die SZ, dass Henny Brenner nach kurzer Krankheit am 16. Mai verstorben ist.

Henny Brenner: „Das Lied ist aus. Ein jüdisches Schicksal in Dresden.“ Pendo Verlag, 128 Seiten, 14.90 Euro.

In einer früheren Version des Artikels gaben wir als Datum des Todes von Henry Brenner versehentlich den 18.5. an. Auch zog die Familie von Henry Brenner nicht in die Pfalz, sondern in die Oberpfalz. Diese Fehler bitten wir zu entschuldigen.

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