merken
PLUS

Bischofswerda

Alles Handarbeit: XXL-Pantoffeln aus Neukirch

Kathrin Beck führt die kleine Manufaktur in vierter Generation. Auf Kundenwunsch kommt jetzt ein Klassiker zurück ins Angebot.

Kathrin Beck zeigt einen Riesen-Pantoffel. Kunden fragten nach dem Überschuh. Seit Beginn dieses Jahres wird er wieder produziert.
Kathrin Beck zeigt einen Riesen-Pantoffel. Kunden fragten nach dem Überschuh. Seit Beginn dieses Jahres wird er wieder produziert. © Steffen Unger

Neukirch. Schuhgröße 54.  Ein Riese würde sich in solchen Schuhen vielleicht wohl fühlen. Gedacht sind die Pantoffeln dieser Größe,  die ein kleiner Betrieb in Neukirch herstellt, aber für Normalwüchsige.  Sie können bequem mit Straßenschuhen in die breiten Latschen hineinfahren und los rutschen. Man kennt es von Schlössern, wie dem Prunksaal der Meißener Albrechtsburg, wo Besucher nur in Pantoffeln aufs Parkett dürfen. 

Für Sachsens Schlösser produzieren Kathrin und Heiko Beck (noch) nicht. Dafür aber für Otto Normalverbraucher.  "Kunden, die zu Hause Laminat verlegt haben, nutzen die Pantoffeln zum Beispiel für Handwerker oder den Pflegedienst", sagt die Betriebsinhaberin. Nach einer mehr als zehnjährigen Pause werden die übergroßen Hausschuhe seit Beginn dieses Jahres wieder produziert. "Kunden haben danach gefragt. Deshalb haben wir sie wieder ins Sortiment genommen."  Um die Überschuhe in XXL produzieren zu können, musste die Firma ein neues Stanzeisen anfertigen lassen. 

Anzeige
Jetzt mitmachen: #ddvlokalhilft-Umfrage
Jetzt mitmachen: #ddvlokalhilft-Umfrage

Händler ganz aus der Nähe trotzen mit spannenden Ideen der Krise. Überraschungen und Überraschendes! Unser Newsblog:

Alles Handarbeit - Kathrin Beck und ihr Mann Heiko nutzen dafür unter anderem die Leisten, mit denen schon ihre Vorfahren gearbeitet hatten.
Alles Handarbeit - Kathrin Beck und ihr Mann Heiko nutzen dafür unter anderem die Leisten, mit denen schon ihre Vorfahren gearbeitet hatten. © Steffen Unger

Der Urgroßvater von Kathrin Beck, Ludwig Schotte, gründete den Handwerksbetrieb im Jahr 1929. Produziert wurden zunächst Holzschuhe und Holzpantoffeln.  Die Sohlen wurden aus Erlenholz ausgesägt, die Wölbung für den Fuß ausgefräst, alles entgratet und verschliffen und anschließend mit Leder überzogen.

Diese robusten Schuhe waren besonders  für Land- und Steinarbeiter unentbehrlich. Heute gibt es kaum noch einen Betrieb in Deutschland, der  solche Schuhe herstellt. Das Familienunternehmen pflegt diese Tradition noch immer. Vor allem für Trachtenvereine, historische Festumzüge und Museen werden diese Schuhe in Neukirch angefertigt.

Handarbeit vom Zuschnitt bis zum Nähen

Seit langem sind sie nur noch ein Nischenprodukt. Kerngeschäft sind die klassischen stoffbezogenen  Hauspantoffeln und -schuhe mit Brand-, Gummi- und Einlegesohle sowie gepolsterter Ferse für Damen, Herren und Kinder -  teils Eigenproduktion, teils zugekauft von anderen Betrieben. Hinzu kommt  der Riesen-Pantoffel für die Wand, in dem jeweils vier Paar Besucher-Hausschuhe Platz finden.  

Produziert wird in Handarbeit - angefangen beim Zuschnitt von der Filzrolle bis zum Nähen und Kleben. Etwa zwei Stunden brauche sie, um einen großen Besucherpantoffel samt der vier Paar Besucherschuhe herzustellen, berichtet Kathrin Beck. 

Ein Neukircher Klassiker - der Gäste-Pantoffel für die Wand. In jedem finden vier Paar Hausschuhe für Besucher Platz.
Ein Neukircher Klassiker - der Gäste-Pantoffel für die Wand. In jedem finden vier Paar Hausschuhe für Besucher Platz. © Steffen Unger

Verkauft werden die Schuhe ausschließlich direkt. Kathrin und Heiko Beck, die ohne Angestellte arbeiten, fahren dafür auf Wochenmärkte nach Dresden, Bautzen, Kamenz, Neustadt und Pulsnitz sowie an den Wochenenden übers ganze Jahr zu Dutzenden Festen  vom Seifhennersdorfer Leinewebertag  im März bis zum Bautzener Wenzelsmarkt im Dezember. Hinzu kommt ein kleines Geschäft, dass das Ehepaar vor einigen Jahren neben seiner  Werkstatt eingerichtet hat. Ein ehemaliges Wohnzimmer wurde dafür umgebaut. 

Wochenmärkte sind für Industriewarenhändler zurzeit aber tabu, Feste müssen reihum abgesagt werden. Dadurch ist der Umsatz nahezu komplett weggebrochen. Kathrin Beck stellte einen Antrag auf Soforthilfe. Bis zu Beginn dieser Woche  gab es darauf noch keine Antwort, berichtet die Neukircherin.

Da die Kunden jetzt nicht zu ihr kommen dürfen, hat sich Kathrin Beck etwas einfallen lassen:  Sie bietet während der Zeit der Corona-Pandemie einen Lieferservice in der näheren Umgebung an und fährt auf Anruf zu den Kunden nach Hause. Mit im Gepäck hat sie dann mehrere Modelle und Größen des gewünschten Schuhs, so dass die Kunden wählen und probieren können. 

Über einen Umweg in die Schuhmacherwerkstatt

In normalen Zeiten arbeiten Kathrin und Heiko Beck montags in ihrer Werkstatt und fahren ab Dienstag auf die Märkte. Jetzt produzieren sie auch an den anderen Wochentagen und schaffen Reserven - schon mit Blick auf die Zeit nach Corona. 

Beide sind Seiteneinsteiger. Kathrin Beck,  jetzt 51 Jahre, arbeitete einst im Maschinenbau. Ihr Mann, 57, war Kfz-Schlosser. Über ihre Eltern beziehungsweise Schwiegereltern kamen sie in den Familienbetrieb. Kathrin Beck übernahmen das Unternehmen 1996 von ihrem Vater Erwin Hultsch, unter dessen Namen der Betrieb noch heute firmiert.

Hultsch-Schuhe ist in und um Neukirch vielen ein Begriff. Das Ehepaar lebt die Tradition nicht nur in seiner Werkstatt. Auch auf historischen und Handwerkermärkten gibt es Interessierten gern Einblick in das Schuhmacherhandwerk. 

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Bischofswerda