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Pirna

„Ich habe nie aufgegeben“

Nach einem schweren Fahrradunfall kämpfte sich Toralf Arold aus Pirna wieder ins Leben zurück. Er hat eine Botschaft.

Toralf Arold aus Pirna arbeitet als Hausmeister in der Awo-Kita am Schlängelbachweg. Rund ist sein Leben nicht verlaufen.
Toralf Arold aus Pirna arbeitet als Hausmeister in der Awo-Kita am Schlängelbachweg. Rund ist sein Leben nicht verlaufen. © Norbert Millauer

Es duftet nach frisch gemähtem Gras. Die Hälfte des Rasens hat Toralf Arold bereits geschafft. Er arbeitet als Hausmeister in der Integrativen Kindertageseinrichtung Schlängelbachweg. „Hier bin ich endlich gut angekommen“, lautet sein Fazit.

Keine Selbstverständlichkeit, denn der Pirnaer hat viel durchgemacht. An den Dienstag im August 2005 wird er sich immer erinnern. Damals wohnt er in Meißen, ist 21 Jahre alt und will nur schnell zu dem großen Rewe-Markt radeln, um Milch und etwas Obst zu kaufen. Die Strecke ist kurz. Auf der großen Kreuzung geschieht dann das Unfassbare: Ein Kleintransporter übersieht Toralf Arold beim Queren und schleudert ihn über die Straße. Mit dem Kopf prallt er an der Bordsteinkante auf. Da seine Verletzung so schwer ist, wird er mit dem Hubschrauber in eine Dresdner Klinik geflogen. „Im Hubschrauber musste sie mich wiederbeleben. Das hat man mir erst später erzählt“, berichtet Arold. Zwei Wochen liegt er im Eigenkoma und wird dann nochmals in ein künstliches Koma versetzt, da die Verletzungen so schwerwiegend sind. Als er aufwacht, ist der junge Mann halbseitig gelähmt. Schmerzen? „Es war schrecklich.“ Klar ist, dass er es seinen Traum, auf die Walz zu gehen aufgeben muss. Kurz zuvor hatte er seine Tischlehre beendet. „Plötzlich war da nur noch Leere, mein altes Leben war vorbei“.

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Aber Toralf Arold ergibt sich nicht dem Selbstmitleid, sondern kämpft. Mit viel Mut, Eigeninitiative und Hoffnung erlernt er wieder das Laufen. Zahlreiche Therapien folgen. Seinen Beruf wird er wegen der damit verbundenen hohen Belastung nie mehr mehr ausüben kommen. Er muss umdenken. Hilfe bekommt er von dem SRH Beruflichen Trainingszentrum Dresden, wo er eine sogenannte Eignungsprüfung macht. Herauszufinden ist, was geht und was nicht. Bei der Arbeitserprobung übt er sich unter anderem in den Bereichen Nähen, Kochen und Buchbindung. Schnell wird für ihn klar, dass er seine berufliche Perspektive in der Buchbindung sieht. Er schöpft Hoffnung.

Doch im September 2008 muss Toralf Arold einen weiteren Schlag hinnehmen. Er erleidet einen schweren epileptischen Anfall verursacht durch Vernarbungen im Gehirn. Alles wieder auf Null. Jetzt hat Toralf Arold schlimme Gedanken, Suizid scheint ihm ein Ausweg zu sein …

Seinem Bettnachbarn und Mitpatienten in der Klinik, verdankt er die Rettung. „Er sagte mir damals, dass nach meinem Tod zwar für mich alles vorbei wäre, aber ich hätte auch Verantwortung für meine Familie, meine Freundin und Freunde. Diese Verantwortung wollte ich ihnen nicht aufbürden“, sagt der heute 36-Jährige mit leiser Stimme. Er kommt aus dem Tief aus eigener Kraft heraus und beginnt eine Buchbinderlehre, die er 2012 erfolgreich abschließt. Allerdings erhält er nur Absagen auf seine zahlreichen Bewerbungen. „Das Gefühl, keiner will einen, ist deprimierend.“ Aber wieder gibt er nicht auf. Über den Rentenversicherer nimmt er erneut Kontakt zum SRH Trainingszentrum in Dresden auf. Da er von Haus Handwerker ist und schon immer gerne mit Menschen zusammengearbeitet hat, liebäugelt er mit einer Umschulung zum Hausmeister. Volltreffer. In einer erneuten Arbeitserprobung testet Toralf Arold zunächst schrittweise seine Belastbarkeit bei Hausmeistertätigkeiten. Danach geht es für vier Wochen in ein Praktikum beim Inklusionsunternehmen Paso doble aus Radeberg als Hausmeister. Wieder muss er Bewerbungen schreiben. Diesmal mit Erfolg. Die Integrative Kindertageseinrichtung am Schlängelbachweg in Pirna stellt ihn im November 2018 ein. „Ein Volltreffer“, sagt der Pirnaer. Die Arbeit macht ihm Spaß; er ist gefordert aber nicht überfordert. „Die Kollegen kennen meine Geschichte und unterstützen mich sehr“, sagt Arold. Seine Aufgaben sind vielseitig. „Oftmals kommen die Kinder und fragen mich, was ich mache. Wenn es möglich ist, dann dürfen sie mir auch manchmal helfen. Ich finde es wichtig, Vertrauen in Kinder zu setzen“, sagt der Vater eines dreijährigen Sohnes.

Toralf Arold schaut auf den grünen Rasen und stellt fest: „Ich bin glücklich, weil ich nie aufgegeben, sondern gekämpft habe. Deshalb möchte ich allen Menschen, die ebenfalls am Boden lagen oder Schweres durcherleben, Mut machen. Es geht immer weiter. Schließt sich eine Tür, so öffnen sich andere.“

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