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Bautzen

"Ich schimpfe nicht auf die Tschechen"

Am ersten Tag ihrer Wahlwanderung treffen die SZ-Reporterinnen einen Tischler aus Sohland. Er erzählt, warum er das Wort Grenzkriminalität nicht mehr hören kann.

Schon mehrfach wurde bei Firmen in Sohland eingebrochen. Doch das ist inzwischen Vergangenheit, sagt Tischlereichef Steffen Schirner. Er selbst hat aufgerüstet.
Schon mehrfach wurde bei Firmen in Sohland eingebrochen. Doch das ist inzwischen Vergangenheit, sagt Tischlereichef Steffen Schirner. Er selbst hat aufgerüstet. © SZ/Uwe Soeder

Sohland. Bevor Steffen Schirner mit dem Erzählen anfangen kann, muss er eine Sache klären. "Ich bin der Steffen", sagt er. Und damit erst keine Fragen dazu aufkommen, fügt er schnell hinzu: "Wir machen hier nicht viel mit Sie und und solchem Mist." Mit "hier" meint der Tischler Sohland an der Spree. Seit mehr als 52 Jahren lebt er hier. Schirner engagiert sich im Gemeinderat, er ist Mitglied im Schützenverein und im Verein der Schule. Wenn sich einer mit dem Ort an der Grenze zu Tschechien auskennt, dann er. Deshalb starten wir - die SZ-Reporterinnen Marleen Hollenbach und Theresa Hellwig - den ersten Tag unserer Wahl-Wanderung bei ihm. 

In seiner Werkstatt ist es laut. Eine Säge kreischt, ein Akkuschrauber heult auf.  Schirner  spricht lauter, um die vielen Geräusche zu übertönen. Er erzählt von seinem Betrieb, von den 22 Mitarbeitern, von den Transportern,  die er zu Reisemobilen umbaut.  Stolz berichtet er davon, wie seine Angestellten das Innenleben der Fahrzeuge in kleine Wohnlandschaften verwandeln. Doch wir wollen mehr wissen. 

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Ein Thema, das viele Menschen entlang der Grenze beschäftigt, ist die Kriminalität. Fühlt sich der Tischler sicher? Schirner bittet uns in sein Büro. Wir schleppen unsere Rucksäcke eine steile Treppe hinauf - und stehen plötzlich in einem Zimmer voll mit Kostbarkeiten. Eine aufwendig gestaltete Vitrine aus Holz, ein massiver Schreibtisch, dazwischen ein paar Familienfotos. Vor fünf Jahren sei es schlimm gewesen, berichtet der Tischler. Damals folgte ein Einbruch dem nächsten. In einem halben Jahr machten sich Diebe gleich fünfmal auf dem Gelände des Sohlanders zu schaffen. Schirner verlor wertvolles Werkzeug, seine Autos wurden aufgebrochen.

Vor dem Start zur ersten Etappe: die SZ-Reporterinnen Marleen Hollenbach (links) und Theresa Hellwig.
Vor dem Start zur ersten Etappe: die SZ-Reporterinnen Marleen Hollenbach (links) und Theresa Hellwig. © SZ/Marleen Hollenbach

Wie war das damals? Wie fühlte sich das an? "Da geht man schon mit einem anderen Gefühl in die Werkstatt", gibt Schirner zu. Als die Diebe weg waren, kamen die Fernsehkameras. Etliche TV-Sender berichteten von ihm, von seiner Geschichte. "Viele haben mir damals gesagt, ich soll den Tschechen die Schuld dafür geben. Doch das wollte ich nicht", sagt er. Der Tischler beschäftigt selbst Mitarbeiter aus dem Nachbarland. Schon allein deshalb weiß er, dass es falsch ist, in solchen Klischees zu denken. "Natürlich gibt es auch Tschechen, die hier klauen. Aber in 80 Prozent der Fälle sind es Spitzbuben von hier", betont er.

Inzwischen hat die Polizei auch den Täter ermittelt, der für die Einbrüche verantwortlich war. Eine Kippe half ihnen dabei. "Man hat mir gesagt, dass es sich um einen Bautzener handelt", sagt Steffen Schirner.

Wir erschrecken kurz, als er plötzlich dreimal auf den Tisch klopft. Zum Glück, so meint er, gehöre das der Vergangenheit an. Der Tischler hat aufgerüstet, er hat Alarmanlagen befestigt, sich abgesichert. Seitdem hat er Ruhe. "Und jetzt fahren wir los", sagt er und nimmt uns in seinem Auto mit. Während wir auf seiner Rückbank sitzen, erfahren wir, dass immer mehr Familien nach Sohland ziehen, dass sich viele Firmen dort angesiedelt haben. Schirner zeigt uns eine Wiese, auf der schon bald neue Eigenheime stehen sollen. 

Die erste Etappe ihrer Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Sohland nach Schirgiswalde.
Die erste Etappe ihrer Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Sohland nach Schirgiswalde. ©  SZ-Grafik

Den meisten Menschen im Ort gehe es gut, betont er, während er das Auto um eine schmale Kurve lenkt. Dennoch spürt auch er den Frust der Nachbarn. "Das liegt nicht an der Politik vor Ort, auch nicht an der Landespolitik, sondern daran, was in Berlin entschieden wird", sagt Schirner. Wir werden später noch Leute treffen, die genau das bestätigen. Doch jetzt stehen wir erst einmal vor einer riesigen Skisprung-Schanze.

Zwei Herren warten schon auf uns. Reiner Schwaar und Günther Rößler. Beide gehören zum Skiclub Sohland - und beide haben uns viel zu erzählen. 2015 war die Anlage noch in einem schlimmen Zustand. Damals stand der Verein vor der Entscheidung - aufhören oder weitermachen. Die Mitglieder stellten einen Förderantrag. Doch das Geld reichte nicht aus, um die Sportstätte auf den neusten Stand zu bringen. Reiner Schwaar übernahm die Initiative. Er suchte nach Unterstützern. Mit Erfolg. Unternehmen der Region, hiesige Banken, die Kommune - die Liste der Sponsoren ist lang. Doch einfach war es nicht. Reiner Schwaar würde sich deshalb wünschen, dass Vereine leichter und schneller an Fördergelder gelangen können.

Mittlerweile trainieren 30 Kinder und Jugendliche auf dem Ski-Areal in Sohland und starten bei Wettkämpfen auf höchsten Niveau. Vielleicht, so meint Günther Rößler, übt hier bereits der Olympiasieger von morgen.

Wir verlassen die Schanze und begeben uns nun endlich zu Fuß auf die Wanderschaft. Auf dem Spreeradweg geht es in Richtung Schirgiswalde. Der Weg führt durch ein Waldstück, dann vorbei an einer alten Halle. Schon lange scheint sich hier kein Eigentümer mehr an den vielen Graffiti an den Wänden zu stören. Auch die Fenster, die zersplittert in ihrer Verankerung hängen, interessieren wohl keinen mehr. Hier treffen wir eine Gruppe von Bautzenern, die von der Wahlwanderung gelesen hat. Sie ärgern sich über einiges, was passiert in ihrer Region – und wollen es uns erzählen. Die alte Weberei, das ist vor allem für Klaus Barchmann dabei ein symbolischer Ort: „Unsere Gegend war einmal eine Textilindustrie, aber das ist alles weg“, sagt er. Schade sei das, die Betriebe verschwinden, die Gaststätten in der Region schließen nach und nach. Enttäuschung scheint aus seiner Stimme zu klingen, als er sagt: „Auch die Touristen bleiben aus.“

Ärgernis am Wegesrand: Zwischen Sohland und Schirgiswalde trifft die SZ einige Spaziergänger. Sie ärgern sich über das heruntergekommen Gebäude. 
Ärgernis am Wegesrand: Zwischen Sohland und Schirgiswalde trifft die SZ einige Spaziergänger. Sie ärgern sich über das heruntergekommen Gebäude.  © SZ/Theresa Hellwig

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In der DDR, so sagt er, war das alles noch anders. Da hätte man sich mehr gekümmert. Sicher, damals war nicht alles gut, findet auch seine Frau – und doch: „Die Politiker heute, das sind doch die größeren Verbrecher“, findet Heidrun Barchmann. „Da ist alles ein abgekartetes Spiel“, ärgert sie sich. Erst vor Kurzem hat sie das wieder in der Zeitung gelesen, die Sache mit der Ursula von der Leyen, die wie aus dem Nichts EU-Kommissionspräsidentin wurde. Und auch die Sache mit dem Klima. Die da oben, die haben entschieden, dass es den Strukturwandel geben soll - „aber selber fliegen die Abgeordneten nur mit dem Flugzeug“, sagt Heidrun Barchmann, ihre Stimme wird lauter dabei. „Die Politiker müssen auch mal an die Kleinen denken“, findet sie. Dann muss sie weiter.

Das Trio läuft in Richtung Sohland. Doch wir müssen in die entgegengesetzte Richtung. Schirgiswalde ist nicht mehr weit.