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Wanderfalken genervt von Wanderern

Die Vögel kriegen immer weniger Junge. Jetzt werden ihre Nistplätze in der Sächsischen Schweiz abgeschirmt, noch bevor sie sich niederlassen.

Der Falke ist im Bielatal aus dem Horst gefallen. Er überlebte nur durch Handaufzucht.
Der Falke ist im Bielatal aus dem Horst gefallen. Er überlebte nur durch Handaufzucht. © Michael Hörenz

Ein sonniger Tag an den Schrammsteinen. Die frostharte Wildwiese träumt unterm Schneezucker. Emsig pickert der Buntspecht. Vielleicht sucht er noch eine Frau, sagt Ulrich Augst. Um die Spechte sorgt sich der Artenschützer nicht. Er sorgt sich um Falco peregrinus, den Wanderfalken. Zwischenzeitlich galt der Bestand des bedrohten Vogels als stabil. Doch seit Ende der 2000er zeigt die Nachwuchskurve deutlich abwärts. Auch die Zahl der Brutpaare geht seit einigen Jahren zurück. Wenn das so weitergeht, sagt Augst, steht der Fortbestand der Falkenpopulation in der Sächsischen Schweiz auf dem Spiel.

Ulrich Augst, 66, ist gewissermaßen der Wanderfalkenpapst des Nationalparks. Der Sebnitzer hat die pfeilschnellen Jäger noch kennengelernt, bevor sie in den 1970ern aus dem Elbsandstein verschwanden. Und er war dabei, als man sie Anfang der 1990er zurückholte, mit einem großangelegten Auswilderungsprogramm. Mehr als siebzig junge Wanderfalken wurden damals ausgesetzt, erzählt er. „Das hat viel Zeit und Geld gekostet.“ Heute gibt es im Elbsandsteingebirge wieder 24 bekannte Falkenreviere. Augst beobachtet die Horste, protokolliert den Bruterfolg. Das Ergebnis: Die Fortpflanzungsrate ist von einst rund 2,5 Jungen pro Paar auf unter eins gesunken und kommt nicht mehr hoch. Auch Uhu und Schwarzstorch sind auf dem absteigenden Ast. „Das muss Ursachen haben“, sagt er.

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Ab 1. März gelten pauschale Schutzzonen für Brutplätze des Wanderfalken. Für den Uhu gibt es die Ruhezonen jetzt schon ab 1. Februar. Hier pinnt Ulrich Augst ein entsprechendes Schild im Brandtgebiet bei Hohnstein an.
Ab 1. März gelten pauschale Schutzzonen für Brutplätze des Wanderfalken. Für den Uhu gibt es die Ruhezonen jetzt schon ab 1. Februar. Hier pinnt Ulrich Augst ein entsprechendes Schild im Brandtgebiet bei Hohnstein an. © Dirk Zschiedrich

Für Augst kommt dafür weder das Wetter in Betracht, noch ein eventueller Nahrungsmangel. Es liegt an den Menschen, sagt er, an den Wanderern, Spaziergängern, Kletterern und Boofern. Selbst nachts kehre keine wirkliche Ruhe ein. „Es ist einfach zu viel los im Wald.“ Der Ornithologe schätzt, dass sich die Besucherzahl im Nationalpark seit dessen Gründung in etwa verdreifacht hat. Mit Zahlen belegen lässt sich das zwar nicht. Die Zunahme des Besucherverkehrs steht jedoch außer Frage. Wurden Mitte der 2000er noch knapp zwei Millionen Gäste pro Jahr gezählt, geht man heute von drei Millionen aus.

Ulrich Augst setzt den Feldstecher an die Augen und richtet ihn auf die Felszacke, die hinterm Wildwiesensaum aufragt. Man nennt sie den Hohen Torstein. 1998 hat er hier den ersten Falkenhorst entdeckt. Seitdem haben die Tiere etwa ein halbes Dutzend Stellen an dem Felsen zum Brüten benutzt. Aber es gibt eine Lieblingsstelle, ein mehrere Meter tiefes Loch, groß genug, dass zwei Mann darin ein Nickerchen halten könnten. Es ist der sogenannte Alpha-Horst. Den gibt es an jedem Brutplatz, sagt Augst. Werden die Vögel dort gestört, weichen sie auf weniger geeignete Stellen aus, auf schmale Felsbänder etwa, wo Gewittergüsse die Brut wegspülen könnten oder die Jungen sich beim Flügelspreizen gegenseitig in die Tiefe stoßen.

Um Störungen vorzubauen, werden jedes Jahr Horstschutzzonen markiert. Das nähere Umfeld der Brutplätze ist dann für jeglichen Besuch gesperrt. Die Sperrungen wurden meist Ende März eingerichtet, wenn Augst die genaue Position des jeweiligen Horsts herausgefunden hatte. Womöglich war das aber zu spät, sagt er. Bei 24 Revieren kann er nicht überall zugleich mit dem Fernglas auf der Lauer liegen. Inzwischen wurde manches Brutpaar vielleicht schon das erste Mal vergrault.

Dieses Jahr wird es nun erstmals anders laufen: An allen bekannten Falkenbrutplätzen werden ab dem 1. März pauschal Horstschutzzonen eingerichtet und der Radius großräumiger gezogen. So sollen die Vögel sich den besten Brutplatz auswählen können, statt gefährliche Ausweichquartiere zu beziehen. Nationalparksprecher Hanspeter Mayer sagt, man werde beim Ausweisen der Schutzzonen Augenmaß bewahren. „Wir hoffen auf das Verständnis der Besucher.“

Das tut auch Vogelschützer Augst. „Wir brauchen die Felsen, um Spaß zu haben. Aber die Tiere brauchen sie, um zu überleben“, sagt er. „Das ist der große Unterschied.“ Seiner Ansicht nach werden die Beschränkungen des Besucherstroms nicht allzu schmerzlich sein. Südseiten, die schon im zeitigen Frühjahr sonnig und trocken und damit attraktiv für Kletterer sind, werden von Falken eher gemieden. Brutgeschäft und Hitze vertragen sich nicht. Dennoch kündigt Nationalparksprecher Mayr an, dass man die Einhaltung der Schutzzonen kontrollieren werde. Würden Verstöße festgestellt, seien empfindliche Strafgelder zu erwarten.

Dass die neue Taktik Erfolg haben wird, macht Ulrich Augst vor allem am Beispiel der tschechischen Nachbarn fest. Im böhmischen Teil des Nationalparks werden Horstschutzzonen von je her am 1. März vorbeugend und großzügig ausgeschildert. Und die Tschechen gehen noch weiter. Das Klettern ist in der Kernzone ihres Nationalparks im ersten Halbjahr generell tabu. Auch Freiübernachtungsstellen, von denen es auf sächsischer Seite 58 Stück gibt, sind dort nicht zu finden. Die jährlichen Bruterfolge im böhmischen Gebietsteil steigen jedenfalls. Beim Wanderfalken liegen sie seit Jahren deutlich über dem langjährigen Mittel von 1,6 Jungtieren pro Paar. Augst ist überzeugt: „Da muss was dran sein.“

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Die Lage der Horstschutzzonen wird auf den Internetseiten des Nationalparks Sächsische Schweiz und des Sächsischen Bergsteigerbundes nachzulesen sein.

Artenschützer Ulrich Augst (l.) und Nationalparksprecher Hanspeter Mayr vor dem Hohen Torstein im Schrammsteingebiet. Der Fels zählt zu den 24 Brutrevieren des Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz.
Artenschützer Ulrich Augst (l.) und Nationalparksprecher Hanspeter Mayr vor dem Hohen Torstein im Schrammsteingebiet. Der Fels zählt zu den 24 Brutrevieren des Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz. © Dirk Zschiedrich

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