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Grünes Gewölbe: Was hat der Schatz von Trier damit zu tun?

Die Parallelen zum Coup in Dresden sind unübersehbar. Aber im Landesmuseum in Trier scheiterten die Täter beim Versuch, den Römer-Schatz zu stehlen.

© GDKE/Rheinisches Landesmuseum Trier/Th. Zühmer/Kri

Die Glassplitter glänzen im Schein der Deckenlampe wie funkelnde Diamanten. Marcus Reuter lässt die Finger darüber schweben, ohne sie zu berühren. Ein paar Scherben liegen obenauf, die anderen stecken fest in der Glasplatte, die den Vitrinenwürfel bedeckt – Überbleibsel eines Einbruchs. „Hier, hier und hier haben sie mit Vorschlaghämmern draufgehauen, immer wieder“, sagt Marcus Reuter, der Direktor des Rheinischen Landesmuseums in Trier.

Die lilafarbenen Vitrinen im Münzkabinett, die zerstörte Glasplatte – alles sieht noch so aus wie an jenem Herbsttag, den der studierte Archäologe nie vergessen wird. Und der sich genau sieben Wochen später noch einmal mit Macht ins Bewusstsein schiebt, als am anderen Ende Deutschlands ins Grüne Gewölbe in Dresden eingebrochen wird.

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Es ist der 8. Oktober 2019, 3.50 Uhr. Ein Anruf schreckt Reuter aus dem Schlaf. Vier Minuten zuvor sind Einbrecher in das Museum eingedrungen, erfährt er. Stiller Alarm wurde bei der Polizei ausgelöst. Parallel dazu hat jemand den Notruf gewählt, weil er ein Klirren hörte. Der 53-jährige Reuter wohnt um die Ecke. Er rennt los.

Die Täter sind auf ein Baugerüst geklettert, haben ein Fenster im ersten Stock aufgebrochen, Sensoren quer durch die Ausstellung römischer Kunst passiert und die drei Zentimeter dicke Scheibe der Tür zum Münzkabinett zerstört.

Mit brachialer Gewalt drangen die Einbrecher in das Rheinische Landesmuseum ein.
Mit brachialer Gewalt drangen die Einbrecher in das Rheinische Landesmuseum ein. © Kriminalpolizei Trier

Es ist der Weg zum Goldschatz von Trier – 2.518 Stücke, der weltgrößte Fund von Goldmünzen aus der römischen Kaiserzeit. Reinheitsgrad fast 100 Prozent, 18,5 Kilogramm. Goldwert: gut 860.000 Euro. Kultureller Wert: unbezahlbar. Ein Schweizer Sammler hat für eine Münze mal 100.000 Franken geboten.

Reuter weiß von Einbrüchen mit spektakulärer Beute. Etwa vom Bode-Museum Berlin, aus dem 2017 eine 100-Kilo-Goldmünze gestohlen wurde. An all das denkt er, als er zum Museum eilt. „Was, wenn der Schatz weg ist?“ Als er ankommt, haben Streifenwagen das Gebäude fast umstellt.

Die Parallelen zu Dresden: Schnelligkeit und Brutalität

Vier Monate später, Februar 2020. Kriminaldirektion Trier. Christian Soulier ist Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Rheinland-Pfalz. Auf dem Schreibtisch stehen Akten, an den Wänden hängen Dienstpläne, Telefonlisten, ein Kunstplakat und ein Schild, das ihn als Agatha Christie's belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot zeigt, ein Geburtstagsgeschenk der Kollegen. Der 55-Jährige ist seit den 1980er-Jahren Mordermittler und half nach der Wende, die Thüringer Polizei aufzubauen. Auch mit Kunsträubern hat er Erfahrung.

Nach dem Einbruch wird Soulier zum Chef der Sonderkommission „Goldschatz“ berufen. Die besteht aus 25 Ermittlern, darunter Hildegard Finkler, Expertin für Bandenkriminalität. Der Einbruch ins Landesmuseum lässt beide nicht los, und das liegt auch an Dresden. „Als im Grünen Gewölbe eingebrochen wurde, haben wir sofort Kontakt nach Sachsen gesucht und unsere Erkenntnisse übermittelt“, sagt Soulier.

Einen Zusammenhang zwischen Trier und Dresden schließen Soulier und Finkler nicht aus. Es gibt Spekulationen, dass der Einbruch in Trier eine Übung gewesen sein könnte. „Als wir von Dresden hörten, war der erste Gedanke, das ist doch so ähnlich wie bei uns hier“, sagt Finkler. Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt aus Dresden sagt, das werde geprüft, aber ein Zusammenhang lasse sich derzeit nicht belegen.

Christian Soulier war Chef der Soko "Goldschatz", Hildegard Finkler ist Expertin für Bandenkriminalität. Sie sagt:„Dieser Fall wird nicht so schnell zu den Akten gelegt“
Christian Soulier war Chef der Soko "Goldschatz", Hildegard Finkler ist Expertin für Bandenkriminalität. Sie sagt:„Dieser Fall wird nicht so schnell zu den Akten gelegt“ © Tobias Wolf

Als in Trier die Soko „Goldschatz“ gegründet wird, ist Museumschef Reuter erleichtert. „Ich habe mich gefreut, dass sich die Polizei so reinhängt.“ Da sei ihm klar gewesen: Die Sache ist ernst, es ist kein Dummejungenstreich, nicht irgendein Einbruch. „Der Goldschatz ist wie der Schmuck im Grünen Gewölbe einzigartig.“ Parallelen seien unübersehbar. „Die Schnelligkeit, die unglaubliche Brutalität, das zielgerichtete Vorgehen auf eine bestimmte Vitrine und das schnelle Verschwinden der Täter.“

Die 80 Motive auf den Goldmünzen darin waren vor dem Fund völlig unbekannt. Es gibt 29 verschiedene Porträts von Angehörigen des Kaiserhauses, die ältesten sind aus den Jahren 63/64 unter Kaiser Nero, die jüngsten wurden bis etwa 196 geprägt.

Es könnte die Schatulle des Finanzprokurators für Belgien und Germanien gewesen sein, eine Art Steuereintreiber, der in Trier residierte. In einem Bronzetopf war das Gold vor einer Schlacht an der Römerbrücke über die Mosel unter einem Haus vergraben worden. Dort schlummerte er 1.797 Jahre, bis er 1993 bei Baggerarbeiten gefunden und 2013 erstmals komplett ausgestellt wurde.

2.518 römische Münzen gehören zum legendären Goldschatz von Trier. Er schlummerte fast 1.800 Jahre unter einem antiken Kellergewölbe.
2.518 römische Münzen gehören zum legendären Goldschatz von Trier. Er schlummerte fast 1.800 Jahre unter einem antiken Kellergewölbe. © GDKE/Rheinisches Landesmuseum Trier/Th. Zühmer

Gelegenheitseinbrecher schließen die Trierer Kriminalisten aus. Dafür seien die Täter zu professionell vorgegangen, sagt Hildegard Finkler. Die 55-Jährige leitet jetzt die Ermittlungen. Die Soko ist inzwischen zwar aufgelöst, die Suche nach den Tätern aber geht weiter. „Dieser Fall wird nicht so schnell zu den Akten gelegt“, sagt die Hauptkommissarin. Das alte Stadttor aus der Römerzeit, die Porta Nigra, und der Goldschatz im Landesmuseum, die seien auch für die Polizei heilig. Ein Stück Trierer Identität.

Ein ausgebrannter Fluchtwagen wie der Audi S6 in Dresden fand sich in Trier nicht. Ob es weitere Beteiligte gab, ist unklar. In Dresden gehen die Ermittler inzwischen von sieben Tätern aus, die an dem Einbruch ins Grüne Gewölbe beteiligt waren. Es gibt das Phantombild eines Mannes, der den Audi im August 2019 von einem Verkäufer in Magdeburg abgeholt hat.

Die Trierer Polizisten wissen recht genau, wen sie suchen. Eine Infrarotkamera hat die Täter eine gute halbe Stunde vor dem Einbruch vor dem Baugerüst aufgenommen. Die Bilder sind so scharf, dass Kleidungsstücke und Marken wie Nike und Northface erkennbar sind. Nur Farben sind auf Infrarotbildern nicht zu bestimmen.

Beide Einbrecher bewegen sich sportlich-drahtig. Einer ist von normaler Statur, der andere zehn Zentimeter größer und schlank. Der größere bemerkt im Dunklen die Kamera, zieht sich die Sturmmaske tiefer ins Gesicht. Was wollten sie so früh vor dem Einbruch am Museum? 

Christian Soulier geht davon aus, dass sie gestört wurden. Kurz nach drei Uhr gab es einen Einsatz am Hauptbahnhof. Danach fuhr ein Streifenwagen direkt am Museum vorbei. Die Täter, sie seien vielleicht auf Nummer sicher gegangen, hätten noch abgewartet, vermutet der erfahrene Kriminalist.

Als sie drin sind und plötzlich Polizei vor der Tür steht, ist der Rückweg versperrt. Die Inspektion ist 650 Meter und zwei Minuten Fahrzeit entfernt. So lange brauchten in Dresden allein die Wachleute, bis sie die Polizei riefen.

Von dieser 3,70 Meter hohen Mauer sprangen die Einbrecher auf ihrer Flucht vor der Polizei hinab. Im angrenzenden Palastgarten verlor sich ihre Spur.
Von dieser 3,70 Meter hohen Mauer sprangen die Einbrecher auf ihrer Flucht vor der Polizei hinab. Im angrenzenden Palastgarten verlor sich ihre Spur. © Tobias Wolf

Die Einbrecher ändern ihren Plan, laufen zurück, vorbei an der Schatzkammer zum hinteren Notausgang, der in den Hof führt. Sie rennen einen Grashügel hinauf, der sich bis zur Mauerkrone an der Grundstücksgrenze zieht, springen aus 3,70 Metern Höhe auf einen Schotterweg, der zum Palastgarten gehört, dem großen Park hinter dem Museum. Moos- und Grasreste belegen das später.

Polizisten fahren in den Park, suchen und nehmen einen Mann fest. Es hat nichts mit dem Einbruch zu tun. Dass von den Tätern bis heute jede Spur fehlt, ist auch eine Parallele zu Dresden. Während die Fahndung anläuft, macht sich die Spurensicherung im Münzkabinett an die Arbeit. Niemand darf rein, nicht einmal Direktor Reuter. 

Eine Überwachungskamera, die mit dem Lichtschalter gekoppelt ist, liefert jetzt ein Schwarz-Weiß-Bild des Raums. Reuter glaubt, Münzen am Boden zu erkennen, die den Tätern heruntergefallen sind. Ist das der klägliche Rest des Schatzes?

Museumsdirektor Marcus Reuter hatte mehr Glück und das bessere Sicherheitskonzept als sein Kollege in Dresden. Im Grünen Gewölbe flohen die Einbrecher mit wertvollen Diamanten, in Trier mit leeren Händen.
Museumsdirektor Marcus Reuter hatte mehr Glück und das bessere Sicherheitskonzept als sein Kollege in Dresden. Im Grünen Gewölbe flohen die Einbrecher mit wertvollen Diamanten, in Trier mit leeren Händen. © Tobias Wolf

Jetzt, Monate später, spricht der hochgewachsene Mann mit dem ergrauten Vollbart schnell und stakkatoartig, so, als bange er noch immer um den Schatz. „Bis vor einem halben Jahr habe ich es für unmöglich gehalten, dass solch massive Sicherheitsvorkehrungen innerhalb von vier Minuten durchbrochen werden können.“

Die zentrale Frage: Wer stiehlt so etwas?

Acht Stunden lang bleibt an jenem Tag unklar, ob, und wenn, wie viele Münzen weg sind. Dann Erleichterung: Auf dem Kamerabild sind keine Münzen zu sehen, sondern Holzsplitter des Vitrinenwürfels. Die Täter hatten versucht, die Box an der Seite einzuschlagen. Erfolglos. Die Vitrine hielt stand, der Goldschatz blieb.

Wer versucht, so etwas zu stehlen? Vielleicht steckt ein reicher Sammler dahinter, der den Schatz im Tresor verschwinden lassen wollte, sagt Reuter. Das habe es schon gegeben. Die Kunstwerke seien erst nach Jahrzehnten wieder aufgetaucht. Wie beim Dresdner Schmuck hätten die Täter in Trier das Problem gehabt, dass die Münzen unverkäuflich sind, weil jeder weiß, dass sie gestohlen sind. Die einzige Option: das Gold einschmelzen.

Nur die obere von drei Schichten scheint gesplittert. Die Panzerplatte aus den 1990er-Jahren wurde auf Empfehlung des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamts 2013 mit einem massiven Schutz verstärkt.
Nur die obere von drei Schichten scheint gesplittert. Die Panzerplatte aus den 1990er-Jahren wurde auf Empfehlung des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamts 2013 mit einem massiven Schutz verstärkt. © Tobias Wolf

Die Kriminalisten haben den Einbruch minutiös rekonstruiert. Gibt es regionale Bezüge? Ist ein Insider beteiligt? Wann und wie ist das Museum ausgekundschaftet worden? Es ist öffentlich zugänglich. Jeder kann sich als Besucher tarnen. Auf verfügbaren Videos aus der Schatzkammer wurde die Statur der Täter mit Gästen verglichen. 

Die Beamten befragten 100 Mitarbeiter von Museum, Sicherheitsdienst und Fremdfirmen innerhalb weniger Tage, dazu rund 50 „Stammkunden“ aus der Region, verurteilte Straftäter. Ermittler telefonieren Krankenhäuser ab. Die Täter könnten sich beim Sprung von der Mauer verletzt haben. Nichts. Hotelrezeptionisten werden nach auffälligen Übernachtungsgästen gefragt, das Videomaterial zahlreicher Überwachungskameras in der Stadt wird gesichtet. 

Das Rheinische Landesmuseum in Trier gilt als das Dorado Römischer Geschichte in Deutschland.
Das Rheinische Landesmuseum in Trier gilt als das Dorado Römischer Geschichte in Deutschland. © Tobias Wolf
Unter dem Namen Augusta Treverorum wurde von der Kaiserstadt zeitweise das gesamte Römische Reich regiert.
Unter dem Namen Augusta Treverorum wurde von der Kaiserstadt zeitweise das gesamte Römische Reich regiert. © Tobias Wolf
Kunstwerke, Lebenszeugnisse, Kulturgüter und Schätze lassen hier wie kaum anderswo die Blütezeit der Römer an der Mosel erahnen.
Kunstwerke, Lebenszeugnisse, Kulturgüter und Schätze lassen hier wie kaum anderswo die Blütezeit der Römer an der Mosel erahnen. © Tobias Wolf
Antike Thermen, Baudenkmäler, kunstvoll gestaltete Grabmäler und Schmuck sind hier zu besichtigen.
Antike Thermen, Baudenkmäler, kunstvoll gestaltete Grabmäler und Schmuck sind hier zu besichtigen. © Tobias Wolf
Trier ist damit die älteste Stadt Deutschlands und der älteste  Bischofssitz nördlich der Alpen.
Trier ist damit die älteste Stadt Deutschlands und der älteste  Bischofssitz nördlich der Alpen. © Tobias Wolf
Und, es gibt einen kaum bekannten Bezug zu Sachsen. Der letzte Trierer Kurfürst Clemens Wenzelslaus von Sachsen und Polen regierte hier im 18. Jahrhundert.
Und, es gibt einen kaum bekannten Bezug zu Sachsen. Der letzte Trierer Kurfürst Clemens Wenzelslaus von Sachsen und Polen regierte hier im 18. Jahrhundert. © Tobias Wolf

Soulier und seine Kollegin sind sicher, dass die Täter von außerhalb kamen. Vielleicht ist es jene niederländische Bande, die seit zwei Jahren Geldautomaten in der Gegend mit hydraulischen Spreizern aufbricht – Werkzeuge, die Feuerwehrleute benutzen, um Menschen aus Unfallautos zu befreien. Auch in Dresden könnte so ein Spreizer beim Aufbruch des Fensters am Grünen Gewölbe genutzt worden sein.

Zurückgelassene Tatwerkzeuge, neuwertige Hämmer, Nageleisen und Schraubendreher sowie Sporttaschen verstärken die Holland-These der Ermittler. Flaggen niederländischer Provinzen zieren eine der Taschen, auf den Vier-Kilo-Bauhämmern prangt der Name einer Baumarktkette aus dem Nachbarland. „Vielleicht waren die Täter überrascht, wie schnell die ersten Streifen vor Ort waren und haben in der Eile alles zurückgelassen“, sagt Christian Soulier.

So ließen die Einbrecher das Werkzeug am Tatort zurück.
So ließen die Einbrecher das Werkzeug am Tatort zurück. © Kriminalpolizei Trier
Flaggen holländischer Provinzen zieren diese auffällige Tasche.
Flaggen holländischer Provinzen zieren diese auffällige Tasche. © Kriminalpolizei Trier
Einer der beiden Vier-Kilo-Hämmer, die es nur bei einer niederländischen Baumarktkette zu kaufen gibt.
Einer der beiden Vier-Kilo-Hämmer, die es nur bei einer niederländischen Baumarktkette zu kaufen gibt. © Kriminalpolizei Trier
Die Täter haben Schraubenzieher "Made in Germany" verwendet.
Die Täter haben Schraubenzieher "Made in Germany" verwendet. © Kriminalpolizei Trier
Auch der Kuhfuß oder das Nageleisen stammen aus deutscher Produktion.
Auch der Kuhfuß oder das Nageleisen stammen aus deutscher Produktion. © Kriminalpolizei Trier

Die Einbrecher in Dresden hatten Zeit, einen Pulverfeuerlöscher leer zu sprühen, um die Spurensuche zu erschweren. Bei allen Gemeinsamkeiten zwischen den Einbrüchen in Dresden und Trier ist der Direktor des Landesmuseums froh, dass es auch Unterschiede gibt. Etwa das Vitrinenglas. Hielt es den Axthieben im Grünen Gewölbe gerade einmal 30 Sekunden stand, splitterte es in Trier nach minutenlangem Hämmern zwar, brach aber nicht. 

Als der Goldschatz 2013 erstmals komplett ausgestellt wurde, habe das rheinland-pfälzische Landeskriminalamt eine Verstärkung des 20 Jahre alten Panzerglases mit einer zusätzlichen Schicht empfohlen, sagt Direktor Reuter. „Dem sind wir eins zu eins gefolgt. Wir haben die Möglichkeit eines Einbruchs zumindest theoretisch in Erwägung gezogen, obwohl sich das keiner vorstellen konnte.“

In Dresden heißt es aus Sicherheitskreisen, die Empfehlungen der hiesigen Polizei-Experten seien nicht zu 100 Prozent umgesetzt worden. War das den Verantwortlichen zu teuer? Ausschreibungsunterlagen, die Auskunft geben könnten, existieren nicht mehr, räumte der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilienmanagement im Dezember ein. 

Auch die Videotechnik weist beträchtliche Unterschiede auf. In Trier hat eine Infrarotkamera scharfe Bilder aus der Dunkelheit geliefert. Ob in Dresden verwertbare Fotos von den Tätern existieren, ist unklar. Veröffentlicht wurden bisher keine. Wohl, weil die Kameras im Grünen Gewölbe völlig veraltet waren. Festgestellt wurde diese Sicherheitslücke lange vor dem Einbruch, aber erst jetzt im Frühjahr 2020 sollte sie beseitigt werden. Das kostet Geld, viel Geld.

Die im Bundeskanzleramt residierende CDU-Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat eine nationale Sicherheitskonferenz mit dem Bund Deutscher Museen nach Berlin einberufen. Szenekenner halten das für symbolischen Aktionismus.

Das Grüne Gewölbe in Dresden und das Landesmuseum in Trier rüsten derweil auf. Über die Details schweigen beide Museen. Nicht noch einmal will man es Einbrechern so leicht machen. In Dresden äußert man sich nicht einmal zum genauen Ablauf des Einbruchs. Zu groß ist die Blamage für eines der angeblich sichersten Museen der Welt.

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In Trier ist die Welt noch halbwegs in Ordnung. „Wäre dieser Schatz weggekommen, das hätte ich mir mein Leben lang nicht verziehen“, sagt Marcus Reuter. Nicht nur wegen des Goldwerts, sondern wegen der Geschichte und des kulturellen Erbes. Der Direktor ahnt, wie sich die Verantwortlichen in Dresden fühlen müssen. „Das ist eine Katastrophe, das Schlimmste, was einem Museumsdirektor passieren kann, wenn so hochkarätige Stücke unter seiner Ägide verloren gehen.“

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