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K.o.-Tropfen: Willenlos schon nach einem Schluck

Eine Betroffene erzählt, wie sie zum Opfer wurde. Wie die Mittel wirken und wie man sich davor schützt.

Hat sie einfach zu viel getrunken oder hat ihr jemand etwas ins Glas gemischt? Opfer von K.o.-Tropfen können sich daran nicht erinnern. Sie haben einen kompletten Filmriss.
Hat sie einfach zu viel getrunken oder hat ihr jemand etwas ins Glas gemischt? Opfer von K.o.-Tropfen können sich daran nicht erinnern. Sie haben einen kompletten Filmriss. © 123rf/Marco Herrndorff

Die junge Frau weiß von jenem Abend kaum noch etwas. „Ich bin plötzlich in unserer Stammdisco vor der Toilette zusammengesackt. Ein Freund musste mich tragen, und ich wurde vom Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. An mehr erinnere ich mich nicht.“ Vorher hatte sie getanzt – und ihr Glas unbeaufsichtigt stehengelassen. Diesen Moment muss jemand genutzt haben, um ihr K.o.-Tropfen ins Getränk zu mischen. Der Klassiker. Die Frau schildert ihre Geschichte im Internet. Im Schutz der Anonymität tauschen sich etliche Betroffene über ihre Erfahrungen mit K.o.-Tropfen aus. Der Tänzerin wurde rechtzeitig geholfen. Andere haben nicht so viel Glück.

48 Straftaten, die mit diesen Mitteln in Zusammenhang gebracht werden, sind in Sachsen 2018 registriert worden, darunter zwölf Sexualstraftaten. 30 Mal handelte es sich um gefährliche und schwere Körperverletzung. In vier Fällen wurde das Opfer ausgeraubt. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch, denn viele haben Hemmungen, schämen sich und verzichten deshalb auf eine Anzeige“, sagt Kathlen Zink vom Landeskriminalamt.

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Viele haben einen Filmriss

Darüber zu sprechen ist für viele fast unmöglich. Zum Beispiel für eine junge Frau aus Dresden, die 16 war, als ihr jemand die Substanz ins Getränk kippte. Sie sei sehr verunsichert gewesen und habe sich so geschämt, dass sie sich erst ein Jahr später ihrer Mutter anvertraut habe. An eine Anzeige sei nicht zu denken gewesen, sagt sie. „Ich kann mich nach wie vor an kaum etwas erinnern.“ Selbst vier Jahre später sagt sie aus Angst einen Interviewtermin mit der SZ kurz vorher ab.

„K.o.-Tropfen sind ein übles Zeug, um andere vorübergehend auszuschalten“, sagt Prof. Dr. Thomas Demant, der am Städtischen Klinikum Dresden das Labor leitet. Die Substanzen verlangsamen die Hirnaktivitäten. Die Wirkung setzt schon nach zehn bis 20 Minuten ein. Anfänglicher Euphorie folgen Schwindel und plötzliche Schläfrigkeit. „Das Opfer wird willenlos, unter Umständen sogar bewusstlos“, sagt Kathlen Zink.

K.o.-Tropfen kann man weder schmecken, noch riechen. Sie sind farblos. Es besteht kaum eine Chance, sie im Getränk wahrzunehmen. Mehr als 30 verschiedene Substanzen sind bekannt, darunter Barbiturate, Antihistaminika und Antidepressiva. Am meisten verbreitet ist GBL (Gamma-Butyrolacton). Als Industriechemikalie wird es als Lösungs- und Reinigungsmittel verwendet. Nagellacke und Graffiti lassen sich damit entfernen. GBL ist nicht verboten. Jeder kann es kaufen. „Nach kriminalpolizeilichen Erkenntnissen wird es hauptsächlich in Asien hergestellt und über im Ausland betriebene Internetshops bezogen“, erklärt Teresa Nauber vom Bundesgesundheitsministerium. Im Körper wandelt sich GBL zu GHB um (Gammahydroxybuttersäure) und besetzt dort die gleichen Rezeptoren wie Alkohol. Man könnte annehmen, das Opfer sei total betrunken. In der Partyszene wird GHB wegen seiner enthemmenden Effekte als „Liquid Ecstasy“ konsumiert. Allerdings wirken schon wenige Tropfen wie ein Narkosemittel.

Mittel nur schwer nachweisbar

Es sind nicht nur Angst und Scham, die Geschädigte davon abhalten, den Täter anzuzeigen. Sie stehen auch unter enormem Zeitdruck: Soll die Anzeige vor Gericht Bestand haben, muss ein Laborbefund zweifelsfrei belegen, dass K.o.-Tropfen im Spiel waren. Allerdings lassen sich die Mittel nur circa acht Stunden im Blut und maximal zwölf Stunden im Urin nachweisen, bis sie vollständig abgebaut sind.

„Stellen Sie sich das mal vor: Die Frau ist von den Tropfen erst sediert, später fühlt sie sich wie erschlagen. Bis sie ahnt, dass ihr ein Unrecht widerfahren ist, vergehen Stunden. Und dann soll sie sich schnell besinnen und erst zur Polizei und danach noch zum Arzt gehen“, sagt Lucia Groß vom Weißen Ring in Dresden. Denn die Kosten für die Laboruntersuchung werden in Sachsen nur übernommen, wenn vorher eine Anzeige erstattet wurde, erklärt Sabine Wutzler von der Opferhilfe Sachsen. Die Kraft dafür brächten nur Wenige auf.

Ab März soll sich das ändern. Glauben Geschädigte, dass sie unter Drogeneinfluss vergewaltigt worden sind, haben sie einen gesetzlichen Anspruch auf eine „vertrauliche Spurensicherung“. Die Untersuchungen auf Sperma, K.o.-Tropfen oder Alkohol bezahlen dann die gesetzlichen Krankenkassen. Frauen können sich vertraulich an Ärzte oder Kliniken wenden, auch bevor sie zur Polizei gehen. Das geht Opferverbänden und Staatsanwälten nicht weit genug. Sie fordern, GHB wie eine Droge zu behandeln und zu verbieten. Die Gesundheitsminister der Länder haben im vergangenen Sommer den Bundesgesundheitsminister dazu aufgefordert, rechtliche Regelungen zu prüfen. Passiert ist nichts.

Auch Männer werden vergewaltigt

Betroffen sind nicht nur Frauen, wie ein aktueller Fall aus Manchester zeigt. Dort ist Anfang Januar ein Angeklagter wegen sexuellen Missbrauchs von 48 Männern verurteilt worden. Er hatte seine bewusstlosen Opfer dabei gefilmt, wie er sich an ihnen verging. 195 Männer soll er über einen Zeitraum von zehn Jahren missbraucht haben, vermutet die britische Polizei.

Geschädigte fühlen sich danach meist ausgeliefert. Es plagt sie, dass sie die Kontrolle über sich selbst verloren haben. Sie grübeln permanent darüber nach, was genau passiert sein könnte. „Das kann zu Schlaflosigkeit, Konzentrationsproblemen bis hin zur Depression führen“, erklärt Prof. Dr. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater am Uniklinikum Dresden. Lucia Groß vom Weißen Ring bestätigt: „Die Unsicherheit macht die Opfer rasend.“

Viele ziehen sich zeitweise aus dem sozialen Leben zurück oder sind reizbar und aggressiv. Aber das menschliche Gehirn sei darauf ausgelegt, ein solches Verbrechen zu verarbeiten. „Die Wahrscheinlichkeit, daran seelisch zu erkranken, ist gering“, sagt Ursula Hämmerer. Die Oberärztin leitet die Akutpsychiatrie am Klinikum Chemnitz – und ist für Opfer von Gewaltverbrechen, die die Opferhilfe der Polizei oder der Weiße Ring ihr zuleitet, Ansprechpartnerin in der Traumaambulanz. Rößner sieht das anders. Für ihn sind lebenslange negative Auswirkungen denkbar.

Nicht immer Alkohol im Spiel

Inzwischen gibt es im Internet und in Apotheken Armbänder oder Teststreifen, mit denen man selber überprüfen kann, ob GHB im Getränk ist. Ein Labortest, den der Westdeutsche Rundfunk mit solchen Mitteln von Rechtsmedizinern durchführen ließ, zeigte aber, dass sie nicht wirklich sicher sind. Nur eines der getesteten Produkte reagierte zuverlässig. Genereller Hauptkritikpunkt ist, dass die Streifen nur für GHB ausgelegt sind. Auf die vielen anderen Substanzen, die als K.o.-Tropfen im Umlauf sind, reagieren sie nicht.

Für Thomas Demant ist es daher „immer noch das Beste, wenn man in bestimmten Milieus sein Getränk nicht offen stehenlässt“. Leider beschränken sich die Fälle nicht auf zwielichtige Etablissements. In den Foren ist von geschlossenen Parties unter Schulfreunden die Rede und von netten Runden, wo scheinbar unverfänglich zum Getränk eingeladen wurde. Es ist noch nicht einmal immer Alkohol im Spiel. So schreibt eine Nutzerin bei Kleiderkreisel, dass ihr ein Red Bull ausgegeben worden war. Danach habe sie Herzrasen, Hitze- und Kälteschübe bekommen und den Blick nicht mehr fokussieren können. „Mein Kopf war wie in Watte gepackt. Ich hörte nur noch wie kilometerweit entfernt und sah nur einen sehr kleinen Bereich scharf.“

So funktioniert der Tropfentest:

Verschiedene Hersteller bieten Armbänder oder Teststreifen an, die auf GHB (Gamma-Butyrolacton) reagieren. Dafür werden zwei Tropfen des Getränks auf ein Testfeld getupft. Ist es manipuliert, verändert das Feld seine Farbe. Vier Armbänder von Xantus-Drinkcheck kosten 9,95 Euro, der K.o-Tropfen-Test von Drink Detective 4,99 Euro. 

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Weißer Ring Sachsen mit 22 Außenstellen; Landesbüro Sachsen; Tel.: 0351 85074496

www.sachsen.weisser-ring.de

Opferhilfe Sachsen mit neun Beratungsstellen

www.opferhilfe-sachsen.de

Traumaambulanzen gibt es z.B. in Dresden, Chemnitz und Colditz. 

Überblick: sz-link.de/Traumaambulanz

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