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Kein Geld für Mamas Beerdigung

Nach dem plötzlichen Tod einer fünffachen Mutter in Dresden wird ein Bestatter zur größten Stütze der Kinder. Nun will er auf deren Schicksal aufmerksam machen.

"Hier finde ich Ruhe": Nicole Pankratz ist so oft wie möglich am Grab ihrer Mutter und ihrer Schwester.
"Hier finde ich Ruhe": Nicole Pankratz ist so oft wie möglich am Grab ihrer Mutter und ihrer Schwester. © Sven Ellger

Dresden. Sie ist oft hier. So oft wie möglich. Meist bringt Nicole neue Blumen für das Grab mit, die sie vorher hinter Supermärkten aus Containern geholt hat. Zum Wegwerfen sind die viel zu schade. Um Blumen zu kaufen, fehlt Nicole das Geld.

Es bedeutet ihr viel, dass das Grab ihrer Mutter auf dem Inneren Neustädter Friedhof immer gepflegt aussieht. Neben den Blumen ist es mit Engeln und Kerzen geschmückt. Auf die Begrenzungssteine hat Nicole selbst blaue Herzen gemalt. 

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"Oft bin ich drei, vier Stunden hier", sagt die 27-Jährige. "Und dann ist mir alles andere egal und ich kann zur Ruhe kommen." Manchmal lege sie sich auch einfach nur neben das Grab ins Gras und höre Musik.

Manuela Dittrich wurde nur 45 Jahre alt. Nicoles Mutter starb im vergangenen November an einer Lungenembolie. "Die vier Jahre zuvor war ich im Streit mit ihr und wir hatten kaum Kontakt", sagt Nicole. Sie ist das älteste von fünf Geschwistern. Als die Mutter im Krankenhaus im Koma lag, sei sie bis zum bis zum letzten Herzschlag bei ihr gewesen. Dennoch quälten sie bis heute die Selbstvorwürfe. Sie kann kaum glauben, dass Mamas Tod schon wieder ein halbes Jahr her sein soll.

Die fünffache Mutter Manuela Dittrich starb im vergangenen November. Sie wurde nur 45 Jahre alt.
Die fünffache Mutter Manuela Dittrich starb im vergangenen November. Sie wurde nur 45 Jahre alt. © Sven Ellger

Bestattet werden sollte die Mutter gemeinsam mit Leyla, einer ihrer Töchter, die bereits 2004 im Alter von anderthalb Jahren bei einem Unfall gestorben war. Da der St.Pauli-Friedhof, auf dem Leyla damals beerdigt wurde, aber inzwischen geschlossen ist und dort keine weiteren Beisetzungen möglich waren, ließ die Familie ihre sterblichen Überreste noch einmal umbetten.

Bei der Beerdigung waren sie alle und trugen gemeinsam der Sarg der Mutter. Nicole, die sich bis dahin hauptsächlich um Leylas Grab gekümmert hatte, brachte deren Sarg zur neuen Grabstelle. Für die Familie kam nur eine Erdbestattung im Sarg infrage, wenngleich die im Vergleich zur Urnenbestattung deutlich teurer ist. Aber wer sollte diese Frage stellen?

Der Bestatter Benjamin Wolf nahm sich damals mit seinem Unternehmen Muschter Bestattungen der Familie an. Bald schon wurde dem 31-Jährigen klar, dass sich dieser Auftrag von vielen anderen unterscheiden würde. "Diese Familie hat ihre Mutter verloren, ihren Mittelpunkt, der alles zusammengehalten hat", sagt er.

Obwohl er selbst mithilfe eines Unternehmens, das Rechnungen vorfinanziert, bereits im November das Geld für die Beerdigungskosten erhielt, wollte er die Familie nicht so einfach ihrem Schicksal überlassen. Inklusive der Friedhofsgebühren für 20 Jahre Liegezeit und der Kosten für Leylas Umbettung war ein Betrag von 8.200 Euro zusammengekommen und es zeigte sich bald, dass niemand in der Familie in der Lage sein würde, für diese Summe aufzukommen. Auch Nicole nicht, die zu dieser Zeit als einzige über eine ausreichende Bonität verfügte und daher die Verantwortung übernehmen musste. 

Acht Monate später lasten die Schulden noch immer auf ihr. Nach persönlichen und emotionalen Krisen versäumte die Familie alle Möglichkeiten, Hilfe vom Sozialamt zu erhalten. "Es fehlten schlicht die nötigen Unterschriften auf den Anträgen", sagt Benjamin Wolf. "Und die wurden dann ablehnt." Auch der letzte Ehemann der Mutter habe sich nicht helfend einbringen können.

Aus dem Bestatter Wolf ist längst auch der Sozialarbeiter Wolf geworden. Schon für die Anreise zur Trauerfeier holte er die Familienmitglieder mit seinem Auto ab. Seitdem begleitet er gemeinsam mit seiner Frau Adriana jeden Schritt der Familie. Wenn es sein muss, lassen sich die beiden auch nachts um zwei anrufen. Ende Juli steht ein gemeinsamer Zahnarztbesuch mit einer der Schwestern im Terminkalender.

"Ich kann kaum in Worte fassen, wie dankbar ich Herrn Wolf bin", sagt Nicole. Als sie sich am Grab begegnen, umarmen sie sich fest. Was ist schon Corona, gegen das hier?

Bestatter Benjamin Wolf wird im Fall dieser Familie auch zum Sozialarbeiter.
Bestatter Benjamin Wolf wird im Fall dieser Familie auch zum Sozialarbeiter. © Sven Ellger

"Nicole geht es emotional und psychisch so schlecht, dass sie eine Begleitung braucht, die wir ihr gern geben möchten", sagt Benjamin Wolf. "Wir machen uns große Sorgen um die Familie in ihrem Trauerprozess." 

Noch immer setzt sich der Bestatter dafür ein, mit dem Sozialamt eine Lösung zu finden, sucht aber gleichzeitig nach anderen Optionen, die Familie wenigstens von der finanziellen Last zu befreien. Durch öffentliche Aufrufe, zum Beispiel auf Facebook, konnte Wolf bereits rund 3.500 Euro an Spenden unter dem Stichwort "Hilfe für Mama" zusammentragen. 

Die neuste Idee: Für kommenden Montag plant er ein exklusives Koch-Event zugunsten der Familie. Sein Freund Hartmut Kohn ist seit 20 Jahren Koch im Restaurant Kahnaletto. Gemeinsam mit ihm können bis zu zehn Gäste ab 19 Uhr ein italienisches Drei-Gang-Menü zubereiten - und danach natürlich auch genießen. Zutaten und Getränke werden gestellt. Die Teilnahme kostet 80 Euro, von denen 50 Euro direkt auf das Spendenkonto der Familie fließen. Anmeldungen sind über Facebook oder per Mail an [email protected] möglich.

Aber auch wer kein italienisches Essen mag oder nicht gern kocht, könne die Familie unterstützen, so Wolf. "Jeder noch so kleine Betrag würde den Mädchen so sehr helfen."

Spenden an: Bestattung Muschter, IBAN DE31 8504 0000 0408 7755 00, BIC COBADEFFXXX, Betreff: "Hilfe für Mama" oder über Paypal an [email protected] .


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