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Kleinkriminelle tyrannisieren Roßwein

Mehrere Stadträte sind nicht mehr bereit, wegzuschauen. Wie sie das Problem anpacken, wollen sie mit der Polizei klären.

In einer Nacht Ende April 2020 haben Unbekannte in Roßwein von zehn Fahrzeugen insgesamt 17 Reifen zerstochen. Viele Einwohner sind darüber noch immer fassungslos und fordern die Kommunalpolitiker zum Handeln auf.
In einer Nacht Ende April 2020 haben Unbekannte in Roßwein von zehn Fahrzeugen insgesamt 17 Reifen zerstochen. Viele Einwohner sind darüber noch immer fassungslos und fordern die Kommunalpolitiker zum Handeln auf. © Symbolfoto: Dietmar Thomas

Roßwein. Angeschoben hat Sven Dittrich die etwa einstündige Diskussion im Stadtrat. Er stellte sich als Wahl-Roßweiner vor. Nachdem er hier aufgewachsen war, habe er in Freiberg gelebt, sei aber vor fünf Jahren wieder zurückgekehrt – in eine Stadt, „die mal ruhig war“, so Dittrichs Einschätzung. Das habe sich für sein Empfinden gründlich geändert.

Er erzählte von drei Einbrüchen binnen zwei Wochen auf seinem Grundstück im Bereich Wunderburg. Doch das sei nicht alles. Dittrich erinnerte daran, dass Unbekannte Ende April 17 Reifen an zehn Autos zerstochen haben. Erst vor ein paar Tagen habe er selbst die Polizei darüber informiert, dass jemand ohne Führerschein ein Auto lenkt. Und seit Jahren gebe es Ärger mit Minderjährigen, die durch die Stadt ziehen und nicht nur Wände beschmierten.

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 „Wie lange wollen wir uns noch gefallen lassen, dass Roßwein von Jugendlichen tyrannisiert wird? Was unternehmen Stadträte und Bürgermeister, damit wieder Normalität einkehrt?“, wollte Sven Dittrich wissen.

Rathauschef Veit Lindner (parteilos) schilderte, dass der Kommune weitgehend die Hände gebunden seien. Das Ordnungsamt sei mit insgesamt vier Mitarbeitern so gut wie nie zuvor besetzt, doch deren Handlungsspielraum halte sich in Grenzen. Anzeigen gegen Jugendliche seien bisher oft ins Leere verlaufen, selbst dann, wenn es Beweise gibt. 

„Wir haben gerade den Fall, dass ein 16-Jähriger gemeinnützige Arbeit leisten und den Zaun am Schuldurchgang bearbeiten muss. Ansonsten wurden viele Verfahren mit Schäden zwischen 800 und 1.500 Euro eingestellt“, schilderte der Bürgermeister. Er erinnerte an den Versuch der Kommune, dem Problem mit einem von ihr beauftragten Wachschutz beizukommen. Das war nicht gelungen.

Damit wollten sich mehrere Räte nicht zufriedengeben. Steffen Thiele (SPD) machte darauf aufmerksam, dass die kommunalen Ordnungsämter mit der Änderung des Polizeigesetzes mehr Befugnisse haben. Darauf hatte schon der Leiter des Döbelner Polizeireviers Andree Wagner hingewiesen, als er vor einem Jahr die Kriminalstatistik 2018 vorstellte und auswertete. Damals konnte er das Gefühl der Roßweiner, dass die Straftaten zunehmen und die Stadt krimineller wird, nicht wirklich mit Zahlen untersetzen. Für 2019 sieht das ein wenig anders aus.

Insgesamt 212 Straftaten haben die Beamten im vergangenen Jahr für Roßwein und die Ortsteile aufgenommen. Das waren 18 mehr als 2018. 121 Taten wurden aufgeklärt und 92 Tatverdächtigen zugeordnet. Dabei handelt es sich überwiegend um Erwachsene, aber auch sieben Heranwachsende, 13 Jugendliche sowie vier Kinder.

 „Die Zahl der tatverdächtigen Kinder und Jugendlichen ist im Vergleich zu 2018 weitgehend gleich geblieben“, listete die Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz Jana Ulbricht auf. Für den Döbelner Polizeichef war den Anteil junger Straftäter schon voriges Jahr bedenklich. Er sagte: „Das sollten wir gemeinsam hinterfragen.“ Laut Lindner gibt es alle zwei Monate Treffen von Mitarbeitern der Stadtverwaltung und der Polizei.

Statistik belegt mehr Straftaten

Der aktuellen Kriminalstatistik entnimmt Jana Ulbricht weiter, dass es im Vorjahr in Roßwein in vielen Kategorien Zuwächse gab: Die Beamten nahmen 22 Körperverletzungen auf, sechs mehr als im Jahr davor. Es gab 17 Anzeigen wegen Beleidigungen. Das sind sieben mehr. Mit den angezeigten 55 Sachbeschädigungen sind zwölf mehr als 2018 zu verzeichnen. 

Die Zahl der besonders schweren Diebstähle stieg um zehn auf 38 Fälle.Diese Tendenz scheint den Roßweinern recht zu geben, dass sie sich nicht unbegründet sorgen. „Wir sollten uns hinsetzen und überlegen, ob wir das Ordnungsamt personell noch besser oder anders ausstatten können“, sagte Steffen Thiele. Seines Wissens sei ein Teil der Mitarbeiter auf geringfügiger Basis im Einsatz: „Wie sinnvoll ist das?“ 

Weiterhin sollte geprüft werden, wie die Kommune durch das Installieren von Kameras Straftaten besser und effektiver nachweisen kann. „Da gibt es trotz Datenschutzgesetz Möglichkeiten“, behauptete Thiele. Auch in diesem Punkt sei der Stadtrat mit Entscheidungen gefragt.

Ähnlich sieht es Jens Tamke (AfD). Er störe sich schon lange an den vielen Schmierereien im Stadtgebiet. Die Reifenstecherei habe ihr Übriges getan. „Ich weiß von Leuten, die inzwischen bereit sind, nachts auf Streife zu gehen“, sagte er. „Weggucken hat uns dorthin gebracht, wo wir jetzt sind.“

Von der von Bürgermeister Lindner vorgeschlagenen Runde mit Vertretern der Polizei versprechen sich Räte wie Jördis Marschner (Die Linke), aufgezeigt zu bekommen, wie weit Zivilpersonen gehen dürfen, wenn sie Täter auf frischer Tat ertappen. Festhalten oder nicht? Diese Frage ist aber selbst für Polizisten schwer zu beantworten. 

Einen Straftäter festzuhalten, dazu sei vom Gesetz her jedermann legitimiert. Allerdings müsse dies auch verhältnismäßig sein, so Polizeisprecherin Jana Ulbricht. „Grundsätzlich gilt, niemand sollte sich selbst in Gefahr bringen.“

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Für Informationen zu Straftaten jedweder Art sei die Polizei dankbar. „Bisweilen führen auch vermeintlich unwichtige Hinweise bei den Überprüfungen zu entscheidenden Ermittlungsergebnissen“, sagte Ulbricht.

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