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Kamenz: Klettern gegen den Corona-Frust

Der ausgefallene Sportunterricht während der Krise bereitet vielen Eltern Sorgen. Die Kletterhalle in Wiesa bietet Alternativen.

In der Kinder-Kletter-Halle in Kamenz-Wiesa hat auch Silja Spaß an Bewegung. Auf 80 Quadratmetern gibt es über 1.000 Griffe.
In der Kinder-Kletter-Halle in Kamenz-Wiesa hat auch Silja Spaß an Bewegung. Auf 80 Quadratmetern gibt es über 1.000 Griffe. © privat

Kamenz. Als die Schulen Mitte März wegen Corona schlossen, fiel auch der Sportunterricht für Monate aus. Darüber hinaus stagnierte der Vereinssport. Das sorgte bei vielen Eltern und vor allem bei den Kindern für Frust. "Es ist allgemein bekannt, dass die paar Stunden Schulsport in der Woche sowieso schon viel zu wenig sind", sagt auch Heike Raßbach, Inhaberin der Kinder-Kletter-Halle Kletteraffe in Kamenz-Wiesa. Durch den Ausfall von Schwimm- und Sportunterricht kamen neue Probleme zu Tage. Gerade für bewegungsfreudige Kinder. Aber nicht nur.

Auffällig: Bei Heike Raßbach fragten in der Zeit nach dem Lockdown viele neue Interessenten an. "Ich habe mittlerweile einen neuen Kurstag dazu genommen, denn Dienstag und Mittwoch reichen nicht mehr aus", sagt die 50-Jährige. Das ist einerseits erfreulich für die Trainerin, sorgt aber andererseits auch für Sorgenfalten. "Ich sehe hier ein großes Bewegungsdefizit bei den Sechs- bis Achtjährigen. Zumal die Kinder mit immer größeren Problemen herkommen. Ein einfacher Sprung mit geschlossenen Beinen ist für viele ein Problem, eine Vorwärtsrolle auch. Nicht erst seit Corona ist das bekannt, doch die Krise schärfte den Blick darauf", weiß sie. 

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Matten sorgen für Sicherheit

In ihrer Kletterhalle war es zweieinhalb Monate still. Die Unternehmerin konnte zwar die Corona-Hilfe für Selbstständige nutzen, doch die Ungewissheit war nervenaufreibend. Noch immer schaut sie bang auf die Entwicklung der Fallzahlen. Natürlich ist sie froh, dass momentan die Anfragen nach den Kletterkursen boomen. Doch sie weiß um das dünne Eis, auf dem sie sich bewegt. Mindestabstand, Hygieneregeln - nicht so leicht umzusetzen. Aber möglich.

Geklettert wird im Kletteraffen ohne Seil. Absprungmatten sorgen für Sicherheit. Die Raumhöhe beträgt 2,70 Meter. Damit bleibt die mögliche Fallhöhe unter zwei Metern und die Verletzungsgefahr geht gegen Null. Auf 80 Quadratmetern darf getobt und gesportelt werden. Gruppen bis zwölf Kinder sind ideal. Sonst wird es eng.

Wer hier seinen Kindergeburtstag ausgestaltet, kann die Küche und das kleine Kino mit original Stühlen aus dem ersten Leipziger Kino anmieten. Nach aufregender Kletter-Tour kann man beim mitgebrachten Film entspannen und zusammen essen. "Ich hatte aktuell eigentlich noch viel mehr Ideen, wollte mein kleines Café-Angebot vergrößern, doch auch das hat Corona ausgebremst", sagt Heike Raßbach. 

Selbstvertrauen wird gestärkt

Sie hat sich hier vor Jahren einen Traum erfüllt. Mit der Zeit ist die Konkurrenz im Umland gewachsen. Doch die Individualität des Kletteraffen überzeugt immer noch.  Viele Gäste kommen aus Bautzen, Dresden oder Radeberg. „Ich freue mich, wenn Kinder heutzutage aus ihrer überbordenden medialen Welt heraus geholt werden", sagt die Wiesaerin. Täglich erlebt sie Grundschüler, die sich nicht einmal trauen, aus einer Höhe von 50 Zentimetern herunter zu springen. "Das hat etwas mit fehlendem Vertrauen und Selbstvertrauen zu tun. Teilweise mit der Übervorsichtigkeit der Eltern." 

Auch Mama Corina Sauer hat den Kletteraffen für sich entdeckt. "Ich habe lange nach einem Freizeitsport für meinen Sohn gesucht. Es war nicht leicht, wir haben einiges ausprobiert", sagt sie. Er ist ein wildes Kind mit viel Bewegungsdrang. Heike Raßbach macht klare Ansagen, man spürt pädagogisches Geschick. Wer hier mitmachen möchte, muss sich an Regeln halten. Das tut allen gut. 

"Osteopathen und Orthopäden der Region schicken mittlerweile ihre kleinen Patienten zu mir in die Kletterhalle", sagt die 50-Jährige. "Wir stehen im Austausch." Klettern als Therapie ist beispielsweise sinnvoll bei Rückenproblemen, Wahrnehmungsstörungen, Gleichgewichtsschwierigkeiten oder schlechter Koordination. "Beim Klettern nutzt man ja beide Hände und beide Füße gleichzeitig", sagt die Trainerin. Sämtliche motorische Fähigkeiten werden angeregt und trainiert. Es verbessert die Konzentrationsfähigkeit und das Körpergefühl, fördert Gleichgewichtssinn und die Entwicklung von Aufmerksamkeit, stärkt  Achtsamkeit und Wachsamkeit. Was für viele Eltern auch wichtig ist: Das Training mündet nicht in Wettbewerben und Ausscheiden. "Ich muss nicht am Wochenende zu Turnieren fahren", ist Corina Sauer froh.

Früher eine alte Bäckerei

Früher war die Kletterhalle eine der drei Wies’schen Bäckereien. Emil Sommer erbaute das Eckgebäude 1910. Heikes Raßbachs Opa, Helmut Rammer, backte hier bis 1974 Brot, Brötchen und Kuchen. Die Enkelin erinnert sich. „Ich bin hier aufgewachsen, den Duft von frischem Brot habe ich noch in der Nase“, sagt sie. An einem der Fenster der heutigen Kletterhalle standen die Kuchenreste und Streusel zum Naschen. „Immer wenn ich hinein komme, denke ich daran.“

Wo früher die Öfen glühten, die Kundschaft anstand und ein Kamin durch die Mitte des Raumes führte, sind seit Jahren Betonwände installiert. Manche schräg, andere gerade. Daran unzählige Kletter- und Bouldergriffe in bunten Farben und mannigfaltigen Formen. „Es sind auf über 1.000“, sagt die Wiesaerin. Bereits 2005 übernahm sie das Haus, baute sich hier ein gemütliches Nest.

Ab September starten die neuen Kurse, auch die zusätzlichen am Donnerstag. Freies Klettern ist ebenso immer mittwochs von 15 bis 17 Uhr ohne Anmeldung möglich. Neu im Angebot ist auch ein Kurs für Erwachsene  - dienstags 19 bis 21 Uhr. 

www.kinder-kletterhalle-kamenz.de

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