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Der Pflegeheim-Schock

Zweite Preiserhöhung nach einem Jahr: Bewohnern und Angehörigen drohen bis zu knapp 1.000 Euro mehr monatlich. Der Träger rät, Hilfe zu beantragen.

Hinter der Idylle des Köttewitzer Pflegeheimes rumort es.
Hinter der Idylle des Köttewitzer Pflegeheimes rumort es. © Norbert Millauer

Bewohner des Pflegeheimes Köttewitz und ihre Angehörigen stehen nach einem Jahr vor der zweiten Erhöhung der Kosten. Müssen seit Juni 2019 schon rund 500 Euro mehr monatlich gezahlt werden, sollen es nun ab Pflegegrad 2 sogar 934 Euro sein. Ein Bewohner mit Pflegegrad 3 zahlt bisher monatlich 1.599,91 Euro, nun könnten es 2.534,72 Euro werden. Im Beispiel eines Angehörigen, der sich an sächsische.de gewandt hatte, bedeutet es am Ende, rund 900 Euro aus eigener Tasche bezahlen zu müssen, weil Rente und das, was die Pflegekasse zahlt, nicht reichen. Und dabei ist das Köttewitzer Heim kein Luxushaus.

Komplizierte Kalkulation

Die Volkssolidarität als Träger des Köttewitzer Heimes hat denn auch gleich empfohlen, beim Sozialamt Hilfe oder Wohngeld zu beantragen. Die Anträge werden aber erst bearbeitet, wenn die endgültigen Kosten feststehen. Und das kann erst nach Ende der Verhandlungen zwischen Volkssolidarität und AOK sein. Die im April den Betroffenen angekündigten Kosten sind die maximal möglichen, sagt die AOK. Mit der verhandelt die Volkssolidarität, wie andere Träger, für jedes Heim separat. Im Landkreis betreibt die Volkssolidarität Pirna Heime auch in Stolpen, Sebnitz und Bad Gottleuba.

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Grundlage für die Kostenerhöhung der Volkssolidarität sind unter anderem steigende Ausgaben für Löhne, Pflege, Unkosten und Service. Verpflegung und Investitionen zum Beispiel sind Posten in der Kalkulation, für die die Pflegekasse nicht aufkommt.

Über die geplante Erhöhung zum 1. Juni wurden Bewohner bzw. Angehörige im April gemäß Sächsischem Betreuungs- und Wohnqualitätsgesetz informiert, im Mai begannen die Verhandlungen. Aus Sicht der AOK stehen sie unmittelbar vor dem Abschluss. In Ausnahmefällen kann der Abschluss erst in dem Monat des Inkrafttretens zustande kommen, sagt AOK-Sprecherin Hannelore Strobel. Da der Träger, in diesem Fall also die Volkssolidarität, die Betroffenen rechtzeitig informiert hat, sind alle Fristen eingehalten.

Eine rückwirkende Erhöhung ist ausgeschlossen, sagt die AOK. Die Volkssolidarität Pirna hatte das nicht ausdrücklich ausgeschlossen, alles sei Verhandlungssache. Ihrer Geschäftsführerin zufolge könnten sich die Verhandlungen auch noch hinziehen. Der bisherige Vertrag mit der AOK läuft bis Ende Mai. Würde erst später ein neuer abgeschlossen, blieben die bisherigen Sätze geltend. 

Alles, was am Ende unter der Forderung der Volkssolidarität liegt, ist  nicht gut für die Bewohner und ihre Angehörigen. Ein schwacher Trost: Noch teurer als angekündigt kann es nicht werden. Diesmal nicht. Die Sätze gelten immer für ein Jahr. Nächstes Jahr wird also wieder verhandelt. Und: Eine Obergrenze für Steigerungsbeträge gibt es laut AOK nicht.

Kritik und Fragen und Antwort

Die Betroffenen warten nun jeden Tag auf Post, um zu erfahren, was sie konkret erwartet. Nachdenklich stimmt die Begründung der Bitte der Angehörigen, die sich an sächsische.de gewandt hatten, ihren Namen nicht zu nennen: „Wir möchten nicht, dass unsere Angehörige im Pflegeheim Köttewitz unseren Unmut, den wir gegenüber dem Heim haben, ausbaden muss.“ Die Volkssolidarität versichert, mit allen, die sich mit Fragen an sie gewandt haben, gesprochen zu haben.  Persönlich oder auch telefonisch.

Die Familie macht kein Geheimnis daraus, dass sie mit dem Heim bzw. dem Träger unzufrieden ist. „Wenn es bedeutet, den Service zu verbessern, dass nach fünf Jahren endlich mal die Deckenlampe und die Heizkörper gereinigt werden, ist auch eine Erhöhung von über 900 Euro monatlich nicht gerechtfertigt.“ Zudem könnten Heizkosten in Größenordnungen gespart werden, wenn automatische Ventile an den Heizkörpern installiert würden. Die Geschäftsführerin der Volkssolidarität hat schriftliche Fragen von sächsische.de dazu vom April mit dem Verweis auf die noch laufenden Verhandlungen nicht beantwortet.

Was kostet was und wer bezahlt was?

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Die Politik hat die Probleme in der Pflege erkannt. Die Lösungen kommen nur schrittweise.

  • In Deutschland kostete voriges Jahr ein Pflegeheimplatz im Durchschnitt im Monat 3.000 Euro. Dabei gibt es regional zum Teil große Unterschiede.
  • Für die Unterbringung im Pflegeheim mussten 2019 im Bundesschnitt knapp 1.900 Euro pro Monat selbst bezahlt werden.
  • Zu den Pflegekosten kommen die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, Investitionskosten, eine Ausbildungsumlage und Kosten für Zusatzleistungen.
  • Der zu zahlende Eigenanteil an der Pflege ist seit Anfang 2017 nicht mehr abhängig vom Pflegegrad.
  • Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten müssen die Pflegebedürftigen selbst bezahlen.
  • Reichen die Rente bzw. das Ersparte nicht, werden Verwandte ersten Grades zur Kasse gebeten. Dabei gilt jedoch eine Grenze, der sogenannte angemessene Selbstbehalt. Nach dem Angehörigen-Entlastungsgesetz gilt, dass erwachsene Kinder für ihre Eltern zum Beispiel  Sozialhilfe nur zurückzahlen müssen, wenn sie über ein Bruttojahreseinkommen von mehr als 100.000 Euro verfügen. Das bedeutet, dass öfter Sozialämter einspringen müssen.

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