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Kassierer zwischen Frust und Versuchung

Die Mitarbeiter des Kraftverkehrs in Löbau-Zittau haben in den 1950er Jahren oft für Schlagzeilen gesorgt – mitunter auch negative.

Ein in Werdau gebauter H 6B-Bus mit Anhänger. Dadurch ließ sich die Transportkapazität erhöhen. Kleines Bild: das Logo der volkseigenen Kraftverkehrsbetriebe.
Ein in Werdau gebauter H 6B-Bus mit Anhänger. Dadurch ließ sich die Transportkapazität erhöhen. Kleines Bild: das Logo der volkseigenen Kraftverkehrsbetriebe. © Archiv

Busfahren vor über 60 Jahren in der Oberlausitz war nicht vergnügungssteuerpflichtig. Die Auslastung der Omnibusse ließ sich oft mit der einer Sardinenbüchse vergleichen. Und dann drängelte sich durch dicht an dicht stehende Fahrgäste noch eine Schaffnerin oder ein Schaffner, um abzukassieren. Den Frust mancher Passagiere über diesen „Komfort“ bekamen die Kollegen mit der kurbelbetriebenen Fahrscheinbox mitunter deutlich zu spüren, obwohl sie meist höflich blieben und sogar noch einen Witz auf Lager hatten.

Eines Tages im Jahr 1956 hatten notorische Meckerer noch einen Grund mehr, um ihren Unmut Luft zu machen: In einem Bus nach Bernstadt, einem in Werdau gebauten IFA H6B, in der Neuzeit als „Alter Sachse“ bekannt geworden, wurden im Anhänger Tiere transportiert. Es handelte sich um drei Ferkel „von einem werktätigen Bauern“ als Expressgut-Fracht. Güter im Bus mitzunehmen war damals nicht unüblich, denn es fehlte vorn und hinten an Transportkapazität. Es gab also nicht nur die allseits bekannte „Ferkeltaxe“, den schienengebundenen Triebwagen, sondern auch den „Ferkelbus“.

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Schweine im Autobus

Die Reaktion einiger Fahrgäste auf den Vorfall folgte sofort: Unter der Überschrift „Das war eine Fahrt“ erschien ein Leserbrief in der „Sächsischen Zeitung“, in dem gefordert wurde, dass Schweine nicht in einen Autobus gehören. Der zuständige VEB Kraftverkehr wiegelte die Schuld auf das Begleitpersonal des Busses ab: „Die Kollegin Schaffnerin hat es versäumt, die Fahrgäste in den Triebwagen (sprich den eigentlichen Bus) einsteigen zu lassen. Sie wurde entsprechend belehrt“, hieß es in einer Reaktion. Also war der Busanhänger vom Typ W 701 eine verbotene Fahrgastzone? Von eigenen Leitungsschwächen war in der Antwort des Kraftverkehrs nichts zu lesen. Sie ließ offen, ob und wie konkret man die Öffentlichkeit vorher über die seinerzeit üblichen Transportgewohnheiten informiert hatte – wahrscheinlich gar nicht.

Hier ging also die Schaffner-Kritik nach hinten los. Doch es gab damals auch Bus-Schaffner, die zu Recht in der Kritik standen, ja, die sogar vor dem Strafrichter landeten. Das kassierte Fahrgeld, so war es festgelegt, war am selben, spätestens jedoch am nächsten Tag auf einer Bank oder Sparkasse für den VEB Kraftverkehr einzuzahlen. Ein hoher Vertrauensvorschuss, den der Betrieb da gewährte. Zwar wurde kontrolliert, jedoch nur ein- oder zweimal im Monat. Das nutzten zwei Schaffnerinnen des Kraftverkehr Eibau schamlos aus.

Mehrere Hundert Mark unterschlagen

Die eine unterschlug im Dezember 1955 exakt 440 DM und kaufte davon Weihnachtsgeschenke - für ihren Freund eine Hausjacke und zwei Flaschen Schnaps. An ihre Mutter zahlte sie geborgtes Geld zurück. Die andere nahm ihre 354 unterschlagenen Mark für Weihnachtseinkäufe, für eine Kindtaufe und für ein neues Radio. Als die beiden diebischen Schaffnerinnen vor dem Richter standen, versuchten sie, sich herauszureden. Sie hätten das Geld auf dem Nachhauseweg vom Dienst verloren. Eine von ihnen sei dabei sogar gestürzt. Der Richter machte ihnen jedoch klar: „Mit volkseigenen Geldern kann man nicht Weihnachtsmann spielen.“ Beide Schaffnerinnen wurden wegen Unterschlagung zu sieben bzw. sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Bewährungsklausel enthielt das Strafmaß nicht. Und zur Vertrauensstellung Busschaffner dürften beide keinen Zugang mehr gefunden haben.

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