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Landkreis profitiert von Zuwanderung

Die Geburtenrate ist zu niedrig, um die Einwohnerzahl zu halten. Belebung kommt weiter von außen.

Die Bevölkerungszahl im Landkreis hat sich stabilisiert. Aber das könnte sich wieder ändern.
Die Bevölkerungszahl im Landkreis hat sich stabilisiert. Aber das könnte sich wieder ändern. © SZ Grafik

Die Bevölkerungsentwicklung im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat sich stabilisiert. Das geht aus dem aktuellen Demografiebericht hervor, den der Landkreis jetzt veröffentlicht hat. Demnach lebten zum Stichtag 31. Dezember 2018 insgesamt 245.611 Menschen zwischen Sebnitz und Wilsdruff.

Im Vergleich zu 1990 ist das ein Verlust von mehr als zehn Prozent. In den vergangenen fünf Jahren wurde der Abwärtstrend jedoch gestoppt. Das bestätigt auch die noch aktuellere Bevölkerungszahl von Ende 2019, die sich zum Vorjahr erneut kaum verändert hat.

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Das war nicht unbedingt zu erwarten. Im Jahr 2010 waren die Experten in der 5. Regionalen Bevölkerungsprognose für Sachsen noch davon ausgegangen, dass der hiesige Landkreis bis 2020 auf unter 239.000 Einwohner schrumpfen wird. Das ist nicht eingetreten.

In der 6. Prognose von 2015 war dieser Wert für 2020 jedoch erheblich korrigiert worden. Insbesondere wegen des raschen Zuzugs in die Dresdner Randgebiete wurde dem Landkreis sogar ein Wachstum vorausgesagt. Die Spannbreite der optimistischsten und der pessimistischsten Variante reichte von 242.000 bis 253.000 Einwohnern. 

Ausländeranteil erhöht sich

Die tatsächliche Bevölkerungszahl liegt jetzt dazwischen, wie sich bereits auch für dieses Jahr abschätzen lässt. Dass die Zahl überhaupt so hoch ist, dafür hat auch der Zuzug aus dem Ausland gesorgt. Zum Stichtag 31. Dezember 2018 lebten 6.671 Ausländer im Landkreis. Das ist in etwa auch der Wert von 2017.

Im Vergleich zu 2011, als lediglich 3.026 Ausländer im Landkreis wohnten, hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Damit stieg der Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerungszahl im Landkreis von rund 1,2 Prozent auf rund 2,72 Prozent. Diese Menschen sorgen auch dafür, dass das Durchschnittsalter im Landkreis nicht ganz so stark angestiegen ist, wie erwartet wurde. Der Anteil älterer Menschen ist in der Bevölkerung mit deutschen Vorfahren höher.

Solange mehr Menschen sterben als geboren werden, kann sich nur mit Zuzug die Bevölkerungszahl des Landkreises stabilisieren oder erhöhen.
Solange mehr Menschen sterben als geboren werden, kann sich nur mit Zuzug die Bevölkerungszahl des Landkreises stabilisieren oder erhöhen. © SZ Grafik

Weniger Geburten als Sterbefälle

Hauptgrund dafür, dass es kein Bevölkerungswachstum im Landkreis gibt, ist das Verhältnis zwischen Geburten und Sterbefällen. Seit Jahrzehnten werden erheblich weniger Kinder geboren als Menschen hier sterben. Eine Mehrheit der erwachsenen Menschen hat sich gegen Nachwuchs oder zumindest gegen mehrere Kinder entschieden.

Laut Demografiebericht müssten rein rechnerisch einhundert Frauen insgesamt 210 Kinder in ihrem Leben gebären, um die Elterngeneration zu erhalten. Diese Zahl wird aber in ganz Sachsen und ganz Deutschland dauerhaft seit Jahrzehnten unterschritten. Das setzte in großem Maße Ende der 1960er-Jahre nach Einführung der Pille als hormonelles Verhütungsmittel ein.

Letztmalig kam das Gebiet des heutigen Landkreises 1987 dieser Zahl wenigstens nahe. In dem Jahr wurden 202 Kinder je 100 Frauen geboren. Die niedrigsten Geburtenraten gab es 1993 und 1994, als lediglich 74 Kinder je 100 Frauen das Licht der Welt erblickten. "Durch einen Wert unter 2 kann eine natürliche Reproduktion der Bevölkerung nicht stattfinden", heißt es im Bericht.

Als einzige Gemeinde schaffte es Bahretal, von 1990 bis 2018 die Zahlen von Sterbefällen und Geburten wenigstens annähernd gleich zu halten. Das Saldo liegt lediglich bei minus fünf je 1.000 Einwohner. Am anderen Ende dieser Statistik liegt - ebenfalls mit großem Abstand - die Gemeinde Rosenthal-Bielatal mit minus 452.

Große Mobilität in Freital

Im Jahr 2018 gab es 8.873 Zuzüge und 6.348 Fortzüge in beziehungsweise aus dem Landkreis. Dieses Plus ist auch nötig, um die niedrige Geburtenrate auszugleichen. In der genannten Zeitspanne seit der Wiedervereinigung bis 2018 zogen 201.341 Menschen aus dem Landkreis fort und 214.947 Menschen verlegten ihren Wohnsitz in den Landkreis.

Den größten Austausch in der Bevölkerung hat es in dieser Zeit in der Stadt Freital gegeben. Je 1.000 Einwohner gab es knapp 250 Fort- beziehungsweise Zuzüge. Danach folgen Pirna mit einem Wert von rund 150 und Bannewitz mit gut 50. Kommunen können auf eine solche Dynamik nur mit Verzögerung reagieren. Das zeigt sich insbesondere in Freital, wo es erheblichen Bedarf an Kita-Kapazitäten und Personal gibt. Ein großer Anteil der Zuzüge bilden kleine Kinder mit ihren Familien. Da helfen bei der Planung der Kita- oder Hortplätze keine statistischen Angaben über die Geburtenrate in der Vergangenheit.

Die Zahl der Lebendgeborenen hat sich nach dem Tief nach 1990 wieder erholt. Die sinkende Kurve bei den Frauen bremst die Entwicklung aber wieder.
Die Zahl der Lebendgeborenen hat sich nach dem Tief nach 1990 wieder erholt. Die sinkende Kurve bei den Frauen bremst die Entwicklung aber wieder. © SZ Grafik

Gohrisch verliert Familien

Für Familien mit minderjährigen Kindern waren 2018 offenbar auch Bad Schandau, Lohmen und Bannewitz besonders beliebt, denn hier gab es den größten Zuwachs beim Saldo von Zu- und Fortzügen von Familien. Im Vergleichsjahr 2014 lagen in dieser Sparte noch Rathmannsdorf, Königstein und Hermsdorf im Erzgebirge ganz vorn.

Für das Landratsamt ist das ein Indiz dafür, dass die Entscheidung von jungen Familien für einen Wohnort nicht "pauschal an die Wachstumsmetropole Dresden geknüpft ist". Im Umkehrschluss können Kommunen mit familienfreundlichen Entscheidungen durchaus bei Umzugswilligen punkten. 

Das haben die meisten Kommunen längst verinnerlicht. Nicht zuletzt deshalb ist der Saldo bei der Familienwanderung auch meist positiv. 2014 verzeichneten dennoch zehn Kommunen im Landkreis mehr Wegzüge als Zuzüge von Familien. Im Jahr 2018 waren es mit  Hermsdorf im Erzgebirge, Gohrisch und Hartmannsdorf-Reichenau nur noch drei. Bitter für die beiden letztgenannten Gemeinden ist, dass sie auch schon 2014 unter den Verlierern waren.

Sieben Kommunen sind gewachsen

Die Bevölkerungsentwicklung macht Handlungsbedarf auf politischer Ebene deutlich. Die demografische Entwicklung hat bedeutenden Einfluss auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Dabei geht es sowohl um das Fachkräfte-Potenzial, die Anzahl möglicher Kunden, die finanzielle Ausstattung des Staates und nicht zuletzt um die Stützen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl hauptberuflich als auch im Ehrenamt tätig sind.

Mit dem Verlust von rund zehn Prozent der Bevölkerung seit 1990 steht der Landkreis im sächsischen Vergleich noch ganz gut da. Lediglich der Landkreis Leipzig hat bei den Kreisen weniger Verlust zu verzeichnen. Im Freistaat insgesamt ging die Bevölkerungszahl um mehr als 14 Prozent zurück. Eine gegenläufige Entwicklung verzeichnen jedoch die Städte Dresden und Leipzig, die größer geworden sind im Vergleich zu 1990.

Auch im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gibt es Kommunen, die gewachsen sind. Dazu zählen Bannewitz, Wilsdruff, Dohna, Kreischa, Dohma, Bahretal, Struppen und Tharandt. Prozentual die größten Verluste verzeichneten dagegen Königstein, Kurort Rathen, Bad Schandau, Hermsdorf im Erzgebirge, Neustadt, Sebnitz, Altenberg, Hartmannsdorf-Reichenau, Rathmannsdorf und Reinhardtsdorf-Schöna, die seit 1990 mehr als ein Viertel der Einwohner verloren haben.

Neben diesen Gemeinden attestiert das Landratsamt den größten Handlungsdruck aufgrund der negativen Bevölkerungsentwicklung außerdem Gohrisch, Hohnstein,  Rosenthal-Bielatal, Bad Gottleuba-Berggießhübel und Liebstadt.

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