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Döbeln

Lebenswerk zu verkaufen

Fast 20 Jahre haben die Pohls einen Fachwerkhof aufgebaut. Dafür suchen sie nun Käufer. Jeden nehmen sie aber nicht.

Fast 20 Jahre haben Elsbeth und Jürgen Pohl ihren Klosterbucher Fachwerkhof aufgebaut. Jetzt steht der zum Verkauf.
Fast 20 Jahre haben Elsbeth und Jürgen Pohl ihren Klosterbucher Fachwerkhof aufgebaut. Jetzt steht der zum Verkauf. © Dietmar Thomas

Leisnig/Klosterbuch. Wer sein Haus und Grundstück verkaufen will, der muss sich dafür selten rechtfertigen. Bei Elsbeth und Jürgen Pohl ist das ein wenig anders.

„Die Leute fragen sich, ob wir jetzt abhauen wollen.“ Damit begründet Elsbeth Pohl, weshalb sie ein paar Worte zu ihren und den Verkaufsabsichten ihres Mannes sagen will. Nein, offen sei mit dieser Frage noch niemand auf sie zugekommen. Aber hintenherum – wie so manches Mal in den vergangenen Jahren. Denn die 2001 nach Klosterbuch Zugezogenen sind ein wenig anders als die meisten Alteingesessenen. Sie öffnen ihr Haus und schaffen Anlaufpunkte für Menschen mit Alkohol- und Drogenproblemen, lassen Strafgefangene in deren Zeit als Freigänger den Hof kehren oder nehmen sich junger Flüchtlinge an, während die andernorts nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden.

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Die Hände in den Schoss zu legen, dafür blieb in den vergangenen Jahren wenig bis gar keine Zeit. Wer Jürgen Pohl kennt, der hat ihn selten „in feinem Zwirn“ gesehen. Anders an einem Vormittag in der vergangenen Woche. „Ich bin seit 1. Februar offiziell Rentner“, begründet der 64-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln, weshalb er einmal nicht in Arbeitssachen steckt.

Der wahre Grund ist: Er kommt gerade vom Arzt. Sowohl er als auch seine Frau hatten in der Vergangenheit zeitweise große gesundheitliche Probleme. Selbst wenn es beiden im Moment wieder bessergeht: Sie wollen und müssen kürzer treten. „Wir merken, das ist so nicht mehr zu schaffen wie in jüngeren Jahren“, gibt Jürgen Pohl zu.

Jeder von beiden hat inzwischen zwei erwachsene Töchter und mehrere Enkel. „Allerdings will niemand von unseren Kindern die Nachfolge hier auf unserem Hof antreten“, so Elsbeth Pohl. „Das heißt, dass wir ihn verkaufen werden. Wir wollen unser Lebensmodell niemandem aufdrängen.“

Zusammen mit der Hausbank, der Postbank, gehen die Pohls inzwischen offensiv in die Vermarktung. Auf verschiedenen Portalen ist der Hof für mehr als eine halbe Million Euro zum Verkauf angeboten worden. „Wir haben den Wert schätzen lassen und eine Teilsumme wieder abgezogen, weil uns durchaus bewusst ist, dass in die Sanierung auch Fördermittel geflossen sind“, sagt die 63-Jährige.

Mehrere Interessenten seien inzwischen schon vorstellig geworden. Doch die Chemie habe noch nicht gepasst – genauso wenig das jeweilige Konzept. „An jeden verkaufen wir nicht“, so Elsbeth Pohl. Dafür steckten zu viel Arbeit, Kraft und Leidenschaft in dem Anwesen.

Nahezu 18 Jahre ist es her, dass Jürgen Pohl und damals noch Elsbeth Seyerle mit der Beräumung der sogenannten Lehrerhäuser in Klosterbuch begannen. „Was wir hier für Dreck rausgeschleppt haben, das wollen Sie gar nicht wissen“, erzählen die beiden. Ein Jahr später, 2002, stand Klosterbuch unter Wasser, und wie ihre neuen Nachbarn mussten Pohls von vorn anfangen.

Aus einem der Häuser, in denen früher die Lehrer der Fürstenschule Grimma wohnten, die in der Außenstelle im Kloster unterrichteten, wurde ein Gästehaus mit Pensionszimmern. Ein Stall entstand, obendrüber ein Veranstaltungsraum für die Dorfgemeinschaft, für Projekte auf dem Hof und die berufliche Nutzung der Unternehmerin Elsbeth Pohl. Das Wohnhaus wurde energetisch saniert, erhielt unter anderem eine Erdwärmeheizung und zur Feldseite eine Glasfront. Die zeigt, wie traditionelles und modernes Wohnen in einem Fachwerkhaus verbunden werden können. Elsbeth Pohl baute den Verein „Begreifen“ für Menschen mit Behinderungen auf, Jürgen Pohl einen Archehof für bedrohte Tiere.

„Wir hatten einige schwierige Zeiten“, sagt Jürgen Pohl ganz offen, wenn er zurückdenkt. Zwar seien sie immer satt geworden, aber die Löhne der Mitarbeiter zu zahlen, sei nicht jeden Monat einfach gewesen. Indes sei der Hof schuldenfrei. „Durch harte Arbeit und konsequentes Sparen“, wie Elsbeth Pohl hinzufügt.

Beiden würde es am besten gefallen, wenn sich jemand mit ihrem Konzept anfreunden könnte und auch mit der Dammpflege, dem Pensionsbetrieb und dem Bewirtschaften der Streuobstwiese dort weitermacht, wo die Familie aufhört. „Ich könnte mir jemand mit pädagogischen Kenntnissen vorstellen, eine junge Familie mit eigenen oder Pflegekindern, die hier leben und arbeiten will“, erklärt die 63-Jährige. Eine andere Möglichkeit sieht sie darin, dass der Hof als Projekt beziehungsweise Außenstelle einer Einrichtung weitergeführt wird.

Um den passenden Käufer zu finden, bedienen sich die Pohls ihres großen Netzwerkes, sind aber auch für Interessenten offen, die ihnen neue Ideen vorstellen. Sie bieten ihren Nachfolgern schon jetzt Hilfe als Mentor an. „Aufdrängen werden wir uns aber nicht“, versprechen sie.

Beiden sei bewusst, dass es noch ein oder zwei Jahre dauern könnte, bis sie den passenden Nachfolger gefunden haben. Steht der vor der Tür, dann wissen sie bereits, wohin mit ihren Sachen. Im früheren Bahnhof haben sie vom Eigentümerverein ein Appartement gemietet. Von dort aus wollen sie das angehen, was sie für ihren (Un-)Ruhestand planen.

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