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Feuilleton

Offener Brief an Kevin Kühnert

Der Juso-Chef liebäugelt mit Sozialismus. SZ-Redakteur Marcus Thielking kann die Aufregung nicht ganz verstehen.

Juso-Chef Kevin Kühnert.
Juso-Chef Kevin Kühnert. © Gregor Fischer/dpa

Lieber Kevin Kühnert!

Wissen Sie vielleicht, ob der Papst katholisch ist? Diese Frage stellt sich mir nach der Diskussion über das Interview, das Sie diese Woche der Wochenzeitung Die Zeit gegeben haben. Hilfe, der Juso-Chef ist Sozialist! Sie wollen Betriebe wie BMW kollektivieren, und wenn es nach Ihnen ginge, „sollte jeder maximal den Wohnraum besitzen, in dem er selbst wohnt“ – also keine privaten Vermieter mehr. 

Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Seitdem laufen mal wieder in der Republik die Drähte heiß. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs meinte sogar: „Was hat der geraucht? Legal kann es nicht gewesen sein.“ Dabei haben Sie in dem Interview doch bloß gesagt, was bei den Jusos Programm ist. Ein bisschen kommt es mir vor, als würde sich alle Welt plötzlich darüber aufregen, dass der Papst gegen Abtreibung und Sex vor der Ehe ist.

Der Name Jusos steht für Jungsozialisten, und Sozialismus ist das Gegenteil von Kapitalismus. Gut, das kann jetzt natürlich nicht jeder wissen. Ist ja auch schon 30 Jahre her, dass wir in Deutschland echten Sozialismus hatten. Allerdings betonen Sie in dem Interview mehrfach, dass Sie einen „demokratischen“ Sozialismus wollen. Das hat also nichts mit der Deutschen Demokratischen Republik zu tun. 

Wobei ich Ihren Vorschlag, BMW in Kollektiveigentum zu überführen, schon ganz schlüssig fand. Von mir aus können Sie sowieso gleich alle BMW-Fahrer enteignen. Die fahren nämlich wie die gesengten Säue. Vor allem aber sieht dieser komische Elektro-Kleinwagen von BMW aus wie ein moderner Zweitakter aus dem VEB Automobilwerk Zwickau. Rennpappen mit Batterien sozusagen.

So ähnlich muss man sich wohl auch Ihr Gesellschaftsmodell vorstellen. Ihnen schwebt da eine „upgedatete Form“ des Sozialstaats vor, das heißt mit „Homeoffice und Ähnlichem“. Nach den Kapitalisten in Turnschuhen kommen nun also die Sozialisten mit Smartphones und Instagram. Manchmal finde ich es schade, dass Honecker und Ulbricht das alles nicht mehr erleben können.

Die AfD plakatiert jetzt übrigens mit dem Slogan: „Sozial, ohne rot zu werden.“ Oder war es national, ohne braun zu werden? Man kommt völlig durcheinander. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Wenn die Rechten den Nationalismus wieder aus der Mottenkiste holen und damit erfolgreich sind, warum sollen dann die Linken nicht den Sozialismus von den Toten auferstehen lassen? Man muss es wohl so sehen: Das mit Demokratie und Freiheit war ein gut gemeintes Experiment, aber die Menschen sind halt nicht dafür geschaffen.

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Übrigens beruft sich sogar das aktuelle Grundsatzprogramm der SPD ausdrücklich auf den „demokratischen Sozialismus“. Aber das muss nichts heißen. Im CDU-Programm steht schließlich auch irgendwas vom „christlichen Menschenbild“, und das AfD-Programm spricht sogar von den „humanistischen Grundlagen unserer Kultur“. Okay, und ich bin der Kaiser von China.

Ihr Marcus Thielking

Der "Offene Brief" ist eine satirische Rubrik aus dem Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung.