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Eine Lingnerstadt, zwei kontroverse Pläne

Die Stadt Dresden hat einen Siegerentwurf ermittelt. Doch der sieht ganz anders aus als von den Räten gefordert.

© Archivfoto: Jürgen-M. Schulter

Die raue Stimme ist unvergessen. Vor 85 000 Menschen sang Rockstar Joe Cocker im Sommer 1988 auf einer Wiese in der Dresdner Lingnerstadt. Sein Hit „Unchain My Heart“ war damals noch ganz frisch. Die Wiese, die inzwischen den Namen des verstorbenen Künstlers trägt, soll bald verschwinden. Genauso wie die Überbleibsel des benachbarten, alten Robotron-Kombinats. Freude lösen die Pläne für die Lingnerstadt aber nicht bei allen aus.

Hinter dem Dorint-Hotel an der Grunaer Straße ist ein neues Quartier mit 90 Wohnungen und zwei Schulen geplant. Dafür hatte die Stadtverwaltung zu einem Werkstattverfahren aufgerufen, an dem sich fünf Architekturbüros beteiligten. Der Siegerentwurf steht nun fest. Er stammt von dem Leipziger Büro „Knoche Architekten BDA“ und sieht direkt hinter dem Hotel eine parallel verlaufende Häuserreihe vor. Angedacht sind drei geschlossene Blöcke mit fünf Geschossen. Auf der anderen Seite der Blüherstraße, der Cockerwiese, wird die Bebauung fortgesetzt. Dort ist ein vierter Block geplant. An diesen schließen sich eine Turnhalle und ein Schulhaus an, in dem zwei Schulen untergebracht werden sollen. Der neue Campus wird dem Entwurf zufolge bis vor zur Lennéstraße reichen. Begrenzt wird das neue Quartier durch die Herkulesallee, die mit ihren Baumreihen in Richtung St. Petersburger Straße verlängert wird. Die Blickachse zum Rathausturm bleibt erhalten.

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Die heutige Lingnerallee war früher die Johann-Georgen-Allee. Das repräsentative Eckgebäude mit der Nummer 39 möchte Unternehmer Frank Wießner gern wieder aufbauen. Doch laut Siegerentwurf dürfte er an der Stelle gar nicht bauen. 
Die heutige Lingnerallee war früher die Johann-Georgen-Allee. Das repräsentative Eckgebäude mit der Nummer 39 möchte Unternehmer Frank Wießner gern wieder aufbauen. Doch laut Siegerentwurf dürfte er an der Stelle gar nicht bauen.  © Deutsche Fotothek/SLUB Dresden

Wirklich zufrieden wirkt Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) nicht mit dem Entwurf. Der jahrelange Konflikt um die Bauflucht, also die gerade Linie, in der die Häuser angeordnet werden sollen, könne nicht als behoben angesehen werden. Er erwarte deshalb eine intensive Diskussion im Stadtrat, welcher das letzte Wort über die Bebauung haben wird.

Verärgert sind bereits jetzt einige Stadträte. Denn der Siegerentwurf hat ein wichtiges Detail völlig ignoriert. So hatte sich der Bauausschuss schon 2015 mehrheitlich darauf verständigt, dass die westliche Seite der Lingnerallee zwischen Blüherstraße und Skatepark bebaut werden soll. „Doch das ist offenbar überhaupt nicht an die beauftragten Büros weitergeleitet worden“, sagt Tilo Wirtz von den Linken. Entsprechend seien fast ausschließlich Entwürfe abgegeben worden, die eine gerade Bebauung entlang der Herkulesallee vorsehen. Gemeinsam mit Gunter Thiele von der CDU will Wirtz jetzt einen Antrag in den Stadtrat einbringen, wonach der Siegerentwurf nach den Kriterien von 2015 umgearbeitet werden soll. Thiele geht noch weiter. „Da die Verwaltung hier Informationen einfach weggelassen hat, wollen wir erreichen, dass der Stadtrat noch eher, nämlich schon bei der Erarbeitung von Aufgabenstellungen bei Wettbewerben und Werkstattverfahren mit einbezogen wird.“

Tilo Wirtz hat sich Fotos der früheren Bebauung an dem Ort angesehen. „Es gibt ein sehr prägnantes Eckgebäude an der Blüherstraße zur früheren Johann-Georgen-Allee. Dieses bildet einen wunderbaren Abschluss zur benachbarten Grünfläche, die als Ausstellungswiese genutzt wurde“, sagt er. Man könne den Siegerentwurf dahingehend abwandeln, dass der Teil östlich der Blüherstraße mit einem Wohnhaus und dem Schulcampus erhalten bleibt, aber der westliche anhand der Forderung nach kleinteiliger Bebauung nach den historischen Flurstücksgrenzen neu geplant wird.

Es gibt bereits Pläne, die genau das vorsehen. Frank Wießner, der in Dresden bereits einiges gebaut hat und das Narrenhäusel nach historischem Vorbild wiedererrichten will, hat darüber mit vielen der dortigen Grundstückseigentümer gesprochen. „Sie alle möchten, dass die sehr repräsentative Bebauung wieder entsteht“, sagt er. Natürlich nach den heutigen Bauvorschriften. Sämtliche Keller der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häuser seien noch im Boden erhalten. „Ich spiele hier mit offenen Karten: Mir gehört dort kein Grundstück, aber ich habe Kaufoptionen, falls dort gebaut werden darf“, sagt er. Ihn wundert es, dass die Stadt jetzt neue Fluchten vorsieht und die Blickbeziehung zum Rathaus hochhält. „Immerhin hat es den Blick auf den Rathausturm ja so früher nie gegeben.“

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Zudem müssten die Eigentümer entschädigt werden, wenn sie nicht bauen dürften. Wießners Berechnung zufolge wären das mehrere Millionen Euro, die der Steuerzahler im Falle eines Umlegungsverfahrens berappen müsste.

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