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Direktor vom Lugstein gefeuert

Die neuen Pächter werfen Jochen Löbel Betrug vor. Der zieht gegen seine Kündigung zu Felde.

Der Lugsteinhof beherrscht den Zinnwalder Erzgebirgskamm. Jetzt wurde Jochen Löbel, Hoteldirektor seit über 25 Jahren, fristlos gekündigt.
Der Lugsteinhof beherrscht den Zinnwalder Erzgebirgskamm. Jetzt wurde Jochen Löbel, Hoteldirektor seit über 25 Jahren, fristlos gekündigt. © Egbert Kamprath

Er hat das wohl bekannteste Gesicht der Hotellerie im Osterzgebirge: Jochen Löbel, Direktor des Hotels Lugsteinhof in Zinnwald. Seit fünfundzwanzig und einem halben Jahr führt er die Geschäfte des landschaftsprägenden Baus. Doch Löbels Gesicht wird man im Lugstein bis auf Weiteres, ja vielleicht nie mehr sehen. Löbel ist fristlos entlassen. Man wirft ihm Betrug vor. Dabei ging es ihm all die Jahre nie ums Materielle, sagt er, sondern immer ums Ideelle. Er habe seinen Job nicht nur gemacht, sondern ihn gelebt. Und jetzt? Er ringt um Worte, die nicht zu verletzt klingen sollen: "Es tut schon ein bisschen weh."

Der Lugsteinhof, rund 100 Zimmer, rund 54.000 Übernachtungen jährlich, steht am Scheideweg. Nicht nur wegen Corona. Er soll verkauft werden. Bis die Finanzierung steht, agieren die Eigentümer in spe als Pächter. Seit dem 1. März steuert die Windsor Servicegesellschaft aus Dresden den Betrieb. Sämtliches Personal wurde samt aller Ansprüche übernommen. Auch Jochen Löbel. Er hatte auf der Betriebsversammlung den Windsor-Chefs seine Unterstützung versichert und dafür auch bei der Belegschaft geworben. 

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Löbel hatte Lust, die Erneuerung des Hauses mitzugestalten. Die Windsor, die schon ein kleineres Hotel in Dresden betreibt, will für Umbau und Modernisierung des angejahrten Lugsteins 3,5 Millionen Euro investieren. Andreas Sämann, 53, seit Anfang März Windsor-Manager im Lugstein, erklärte Mitte März gegenüber SZ, gern auf Löbels Erfahrung zurückgreifen zu wollen. Auf die Frage, ob es Platz für zwei Leiter im Haus gäbe, verglich Sämann sich und Löbel mit D-Zügen, die aufeinander zurasen, aber die auch rechtzeitig wieder bremsen könnten. "Wir sind Profis genug."

Jochen Löbel in seinem Lugstein-Leiterbüro. Zutritt zum Hotel hat er seit seiner Kündigung Ende März nicht mehr. "Es tut schon ein bisschen weh."
Jochen Löbel in seinem Lugstein-Leiterbüro. Zutritt zum Hotel hat er seit seiner Kündigung Ende März nicht mehr. "Es tut schon ein bisschen weh." © Frank Baldauf

Laut Sämann sollte Jochen Löbel das Tagesgeschäft leiten. Er selbst würde sich das Strategische vorbehalten, außerdem Controlling, Warenwirtschaft, Bauprojekte. Eingehend unterhalten haben sich beide Männer seit dem Betriebsübergang offenbar nicht. Das Corona-Chaos zog herauf. 

Sämann sagt von sich, dass er am liebsten "aus der Bewegung" führt, seine Leute zwischen Tür und Angel anspricht, nicht extra in ein Büro bittet. Löbel, zehn Jahre älter, Ex-Offizier, ist aus anderem Holz. Er legte Wert auf regelmäßige Meetings mit seinen Bereichsleitern. "Er war sehr akkurat", sagt eine langjährige Angestellte. Aber keineswegs unnahbar. "Wir konnten mit allen Sachen zu ihm kommen, auch mit privaten."

Löbel arbeitete viel. Ganze Jahre ohne Urlaub. Freie Tage, die ihm zugestanden hätten, ließ er sausen. Er hat darüber nie geklagt, sagt er. Die Plustage summierten sich, bis jetzt auf rund eintausend. Achttausend Überstunden. Für ihn sei das nur eine Zahl gewesen, sagt Löbel, keineswegs ein Anspruch, den er hätte einfordern wollen. Er sei davon ausgegangen, dass mit ihm darüber gesprochen würde. Das sei aber nicht erfolgt. Dann habe er die Kündigung erhalten, wegen Arbeitszeitbetrugs.

Andreas Sämann sieht die Dinge anders. Er hat die Auflistung von Löbels immenser Mehrarbeit als unloyalen Akt gegenüber dem Unternehmen aufgefasst, das durch Corona ohnehin in der Krise steckt. Er wolle sich diese Rechnung nicht "aufs Butterbrot" schmieren lassen. Er wirft Löbel verantwortungslosen Umgang mit seiner Arbeitszeit vor. Löbel müsse genau belegen, wann und wieso er die Mehrarbeit geleistet habe. Dass das gelingt, daran habe er seine Zweifel, sagt Sämann.

Andreas Sämann ist seit Anfang März der neue Manager im Lugsteinhof. Er plant weitreichende Umbauten in dem geschichtsträchtigen Haus.
Andreas Sämann ist seit Anfang März der neue Manager im Lugsteinhof. Er plant weitreichende Umbauten in dem geschichtsträchtigen Haus. © Karl-Ludwig Oberthuer

Löbel zweifelt keineswegs. Er weiß genau, sagt er, in welchem Schrank seines Büros seine Arbeitszeitnachweise aus den letzten 25 Jahren verwahrt liegen. Zum Büro hat er keinen Zutritt mehr. Sämann sagt, Löbel könne jederzeit mitteilen, welche Unterlagen er brauche, sie würden ihm dann übergeben. Er sagt auch, dass er kein Problem damit hätte, sich mit Löbel vor dem Arbeitsgericht zu treffen. "Dann werden wir ja sehen, was der Richter sagt."

Jochen Löbel hat bereits Klage eingereicht. Er ist sich sicher: Mit der fristlosen Kündigung kommt Windsor nicht durch. Dass er dann eben betriebsbedingt, also ein paar Monate später, wird gehen müssen, ist ihm auch klar. Es gehe doch gar nicht um die Plustage, sagt er, die abzuschreiben er größtenteils bereit gewesen wäre. Es gehe darum, reinen Tisch zu machen für den Neuanfang.

Andreas Sämann sagt das so nicht. Er zollt Jochen Löbel Respekt für die vielen Jahre. "Und dieser Respekt bleibt auch." Doch mancher ruhe sich zu sehr aus auf seinen Erfolgen, lebe zu sehr in der Vergangenheit. Das Management des Lugsteinhofs habe in den letzten zwei, drei Jahren nicht mehr gut gearbeitet: Negativergebnisse trotz Umsatzsteigerung, zu teure Wareneinkäufe, mangelnde Hygiene...#

Der Lugsteinhof hatte ein Vorleben als Ferienheim des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Die ganze Geschichte - jetzt als "Akte Lugstein" im Handel.
Der Lugsteinhof hatte ein Vorleben als Ferienheim des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Die ganze Geschichte - jetzt als "Akte Lugstein" im Handel. © Jörg Stock

2019 fuhr der Lugstein tatsächliche einen handfesten Verlust ein, nach Löbels Unterlagen gut 100.000 Euro. Das erklärt er mit gestiegenen Personalkosten. Man habe höhere Löhne zahlen müssen, um die Mitarbeiter nicht an andere Häuser zu verlieren. Im Übrigen will er auf die Vorwürfe nicht weiter eingehen. "Es darf ja kein gutes Haar an mir bleiben", sagt er. "Die vierzig Mitarbeiter wissen, dass es anders ist."

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