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Man muss schon zeigen, wo man herkommt

Manuel Schmid, Sänger von Stern Meissen, wurde kurz vorm Mauerfall geboren. Für ihn ist Ostrock dennoch kein lästiges Etikett. Er lebt für diese Art von Musik.

Manuel Schmid ist seit 2012 Sänger von Stern Meissen.
Manuel Schmid ist seit 2012 Sänger von Stern Meissen. © Karl-Ludwig Oberthür

Manuel Schmid, geboren 1984 in Altenburg, wo er auch heute ein Tonstudio betreibt, ist seit 2012 Sänger von Stern Meissen. Mit der Band, inzwischen die dienstälteste in Deutschland, gibt er unter normalen Umständen bis zu 50 Konzerte pro Jahr. Durch Corona fiel 2020 nahezu alles aus. Dafür bringen Schmid und Kollegen jetzt ein neues Album heraus.

Herr Schmid, wie fühlt es sich an, Frontmann einer Band zu sein, die fast doppelt so alt ist wie Sie selbst?

Late Night Shopping Dresden
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Zur langen Einkaufsnacht unter dem Motto "Late Night Shopping" lädt das City Management Dresden am Freitag, 2. Oktober, in die Dresdner Innenstadt ein. Vom Neumarkt an der Frauenkiche bis zur Prager Straße beteiligen sich zahlreiche Händler und die großen Einkaufsgalerien an der Aktion.

Es ist mir auf jeden Fall eine Ehre. Bekommt man die Chance, etwas Bewährtes, etwas Gutes weiterzuführen, muss man sie doch nutzen. Und ich habe diese Chance mit Begeisterung genutzt.

Teilten die gestandenen Kollegen Ihre Begeisterung?

Zunächst gab es zwei Fraktionen. Die einen waren gleich von mir angetan, die anderen skeptisch, hatten Zweifel, dass die alten Fans es gut finden, wenn da plötzlich so ein junger, unschuldiger Typ die großen Weltthemen von Stern Meissen besingt. Zum Glück aber hat es funktioniert.

Machen Sie den Job des Frontmanns inzwischen mit größerer Gelassenheit?

Auf keinen Fall! Ich bin immer noch jedes Mal sehr aufgeregt. Was aber den Vorteil hat, dass man durch die Aufgeregtheit eine bessere Leistung abliefert.

Wird die Band durch Sie jünger oder lassen Sie die Kollegen älter aussehen?

Eindeutig ist die Band jetzt jünger, hat einen ganz neuen Schwung. Die anderen Musiker, nein, wir alle sprühen förmlich vor Energie, wenn wir auf die Bühne gehen.

Haben Sie aus diesem Schwung heraus ein Album aufgenommen oder lag es daran, dass Sie durch Corona nicht auftreten konnten und somit Zeit hatten?

Nein, Corona hat damit gar nichts zu tun. Eine Woche vor dem Lockdown war das Album fertig aufgenommen. Die Arbeit an der Platte gestaltete sich zuvor nur sehr langwierig, hatte eigentlich schon 2013 angefangen. Wir haben danach immer mal neue Songs im Konzert gespielt, um zu sehen, ob sie ankommen. 2019 war schließlich klar: Jetzt gehen wir es richtig an.

Die übliche Tour zum neuen Album fällt nun aus. Verschieben kam aber nicht infrage?

Natürlich ist es schlecht, ein neues Album nicht live promoten zu können. Doch wenn man gar nichts macht, wird man schnell vergessen. Insofern ist das jetzt ein guter Zeitpunkt. Vielleicht bleibt es ja dabei und wir können am 19. September in Reichenbach spielen.

Lohnt es sich überhaupt noch, ein Album zu produzieren?

Das ist mittlerweile ein wirklich schwieriges Thema. Und ja, es war meine Initiative, weil ich als Komponist und Texter etwas mitzuteilen habe. Während der Arbeit bekamen die anderen aber zusehends mehr Lust, wieder ein Album zu machen. So etwas schweißt eine Band tatsächlich zusammen. Außerdem lohnt es sich – völlig unabhängig von der kommerziellen Verwertbarkeit – immer, neue Musik zu machen.

Soll das Album in erster Linie alte Fans bei der Stange halten oder doch eher neue gewinnen?

Möglichst beides. Deshalb schlagen wir auch einen Bogen von Elementen der Siebziger bis hin zu aktuellem Rock. Wir haben mit Robert Schumanns „Von fremden Ländern und Menschen“ sogar wieder eine Klassik-Adaption dabei.

Zuletzt firmierte die Band wieder mal als Stern Combo Meissen. Jetzt ist Combo erneut gestrichen worden. Warum?

Combo wirkt, gerade in der heutigen Zeit, ein bisschen unbeholfen. Daher haben wir nach interner Abstimmung im Januar beschlossen, nur noch Stern Meissen zu heißen. Wenn uns Fans aber immer noch Combo nennen, ist das völlig okay.

Die allermeisten Fans haben Sie im Osten, macht das Stern Meissen noch immer zu einer ostdeutschen Band?

Na ja, vielleicht allein schon durch den Punkt, dass wir Musik nicht wegen des Geldverdienens machen. Wir sind da fundamentalistischer unterwegs, beschäftigen uns mit Dingen länger und intensiver als viele Westkollegen. In den Texten versuchen wir immer noch, wie zu DDR-Zeiten, Botschaften zwischen den Zeilen zu platzieren. Heute nicht mehr, weil sie sonst zensiert würden, sondern um so die Hörer etwas zu fordern.

Typisch ostdeutsch ist es für eine Band, großen Wert auf die Texte zu legen?

Ja, das kann man so sagen. Wobei es natürlich auch im Westen Musiker gibt, die einen ähnlichen Anspruch haben. Doch man muss schon wissen und offen zeigen, wo man herkommt.

Als Ostrock-Band bezeichnet zu werden, stört Sie also nicht?

Nein, warum auch? Man muss sich doch dafür nicht schämen. Zudem bin ich mit dieser Musik aufgewachsen. Und hätten meine Eltern nicht so viel Stern Meissen gehört, wäre ich sicher nie bei dieser Band, die ich schon als Kind verehrt habe, gelandet. Mein Vorteil ist ja, dass ich aufgrund meines Alters keine miesen Erinnerungen an die DDR haben kann, da also auch völlig neutral und völlig unpolitisch an die Musik dieser Zeit herangehe. Von daher würde ich sagen, es ist anspruchsvolle, handgemachte Rockmusik einer Band aus Ostdeutschland. Kürzt das jemand auf Ostrock ab, finde ich das völlig in Ordnung.

Im Herbst 2020 erscheint die neue CD der Ostrock Band Stern Meissen.
Im Herbst 2020 erscheint die neue CD der Ostrock Band Stern Meissen. © PR Stern Meissen

Es macht Ihnen nichts aus, dass Sie deshalb im Westen kaum Erfolg haben?

Dieser Erfolg ist mir gar nicht so wichtig. Eher schon, Teil einer solchen Legende zu sein. Als Band wollen wir einfach nur gute Konzerte spielen, ganz egal, wo wir sie spielen. In meiner ganzen Zeit bei Stern Meissen habe ich noch kein halbherzig klatschendes, sondern immer nur begeistertes Publikum erlebt. Zudem äußern sich immer mal wieder Westkollegen sehr anerkennend. Vielleicht geht dasalso irgendwann noch mal was. In Japan beispielsweise haben wir ja schon viele Fans.

Wieso gerade in Japan?

Das fing damit an, dass in den 80er-Jahren das Album „Weißes Gold“ dort veröffentlicht wurde und sich ziemlich gut verkaufte. Die Japaner haben halt eine besondere Beziehung zum Porzellan. Als wir dann 2015 „Bilder einer Ausstellung“ herausbrachten, lieferte unsere Plattenfirma auch einige Paletten mit CDs nach Japan. Denn es gab da eine ganze Menge Leute, die das Album explizit bestellt hatten.

Wäre es da nicht Zeit, dort auch live aufzutreten?

Cool wäre das schon. Doch der Aufwand ist angesichts unseres Anspruchs an Licht- und Tontechnik riesig, ohne entsprechende Partner niemals zu stemmen. Sollte sich jedoch jemand finden, der uns unterstützt, machen wir uns sofort auf den Weg.

Zurück ins eigene Land: Wie gut sind die Deutschen aus Ost und West 30 Jahre nach der Wiedervereinigung zusammengewachsen?

Das könnte besser sein. Materiell hat sich vieles vereint, läuft auf vergleichbarem Niveau ab. Doch ideologisch gibt es Gräben, ticken die Ostdeutschen immer noch ein bisschen anders.

Sehen Sie selbst sich als Ostdeutschen?

Nein, das nicht. Ich bin Deutscher im Sinne eines gesamtdeutschen Verständnisses, käme wahrscheinlich im Westen genauso gut klar wie jetzt in Altenburg oder Leipzig. Meine Kindheit in der DDR habe ich aber ausschließlich in guter Erinnerung, bin auch gerne in den Kindergarten gegangen. So etwas wirkt lange nach und prägt das Selbstverständnis.

Könnte Ihre Musik zu einem besseren Ost-West-Verständnis beitragen?

Im Idealfall schafft Musik etwas Derartiges schon. Wir sind heute aber von so vielen Sachen abgelenkt, sind ständig online und alle vernetzt, hören einander jedoch nicht wirklich zu. Wir hören also auch Musik nicht mehr so intensiv wie in Zeiten, als sie für ein Lebensgefühl stand und sehr viel bewirken konnte.

Unabhängig von der Wirkung: Wie lange wird es Stern Meissen noch geben?

Da ist definitiv kein Ende in Sicht. Wir werden weiter live spielen und garantiert noch weitere Alben veröffentlichen.

Das Interview führte Andy Dallmann.

Das Album: Stern Meissen, Frieden ist. A & O/Buschfunk

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