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Feuilleton

Meine Angst ist größer als eure

Wer wie ich irgendwie „anders“ aussieht, kann sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlen vor rassistischen Attentaten. Ein Gastbeitrag von Cedric Rehman.

Cedric Rehman schreibt Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten.
Cedric Rehman schreibt Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten. © privat

Von Cedric Rehman

Es war eine spontane Regung, am Morgen nach dem Anschlag von Hanau meinen Gefühlen auf Facebook Ausdruck zu verleihen. Noch bevor ich Kaffee getrunken hatte und klar denken konnte, teilte ich mit: Niemand ohne Migrationshintergrund sollte sich anmaßen, sich vorzustellen, wie es „uns“ heute geht. Also jenen Menschen, die ihr Leben mit der sperrigen Umschreibung „mit Migrationshintergrund“ verbringen. Oder jenen, die wie ich aufgrund ihres Aussehens für Muslime gehalten werden. Einige zeigten Verständnis. Anderen missfiel, dass ich Betroffenheit gewichte. Sie fühlten in Abrede gestellt, dass auch Menschen ohne Migrationshintergrund genügend Gründe haben, sich vor Rechtsextremen zu fürchten.

Die Annahme, wer äußerlich den Vorstellungen von gewaltbereiten Rassisten genehm ist, der könne sich im Angesicht des rechten Terrors entspannt zurücklehnen, ist natürlich Unsinn. Die Opfer des Anschlags auf die Synagoge von Halle waren weder Juden noch Muslime. Es hätte jeden treffen können, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. 

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Die lange Liste der Opfer von Rechtsextremisten seit 1990 und zuletzt das kaltblütige Kalkül des Attentäters von Hanau legen aber nahe: Halle ist nicht die Regel. Rechtsextremisten suchen sich Gruppen aus, die für sie Geschwüre am gesunden Volkskörper sind. Wer nicht zu diesen Minderheiten zählt, wird grundsätzlich erst einmal als wertvoll betrachtet.

Respekt für Bouffier

Auf der Liste der weltweit auszumerzenden Nationalitäten, die der mutmaßliche Täter der Welt hinterlassen hat, ist auch jene vermerkt, die in der Geburtsurkunde meines Vaters stand. Er kam in Indien zur Welt. Der mutmaßliche Täter formulierte auch das Bestreben, die deutsche Bevölkerung von allen zu reinigen, die er nicht als „reinrassig“ betrachtet. Dabei sei eine Halbierung der Bevölkerung ein anzustrebendes Ziel. Ich kann mir also ausrechnen, wie gering meine Überlebenschance gewesen wäre, hätte ich dem Attentäter gegenübergestanden.

Von Anders Breivik, dem norwegischen Massenmörder von 2011, über Brenton Tarrant, den Attentäter von Christchurch 2019, Stephan B´s nur durch eine verschlossene Tür verhinderten Versuch, ein Massaker an Juden in der Haller Synagoge anzurichten, bis zu Tobias R. in Hanau: Es fanden sich immer scheinbar aus dem Nichts radikalisierte Männer, die dort weitermachen wollen, wo ihre Vorbilder aufgehört haben. Die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass künftig niemand mehr einsam im Verborgenen seinen Wahn in sich hineinfrisst, bis irgendwann der Dampf im Kessel zu groß wird.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier adressierte die Angst „migrantischer“ Menschen nach Hanau mit den richtigen Worten. Der CDU-Politiker äußerte Verständnis für die Sorge um eigene Sicherheit. Er sicherte zu, dass der Staat alles tun werde, damit Migranten, Pass-Deutsche und solche, die als Migranten erscheinen, ohne sie leben können. Dafür verdient Bouffier Respekt. Aber ein Leben ohne Angst um Leib und Leben zu garantieren, dürfte derzeit ein nicht nur ein schwer zu erfüllendes Versprechen sein. Es kann für Bürger dieses Landes auch nicht mehr sein als eine Mindestvoraussetzung, ihre Zukunft mit Optimismus zu sehen. Die Erwartungen sind höher als die Zusicherung, dass der Staat Mördern, wenn möglich, im Vorfeld das Handwerk legt.

Sich ein Leben lang erklären müssen

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) wies in einem Interview nach Hanau daraufhin, dass eine pluralistische Gesellschaft keine Idylle sei. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani geht von der These aus, die Konflikte zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Migranten-Communitys würden ansteigen, weil die dritte Generation sich in ihrem Selbstverständnis längst als deutsch sieht. Sie sei weniger bereit, sich mit einem Platz am Katzentisch der Gesellschaft zu begnügen, schlussfolgert El-Mafaalani. Sie beruft sich auf die historische Tatsache, dass ihre Eltern und Großeltern ihren Anteil haben am Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

Deutsche mit Migrationshintergrund in der dritten Generation wollen es nicht mehr als Naturgesetz ansehen, dass sie bei Jobbewerbungen besser fahren, wenn diese anonymisiert sind und sie ihre nicht-deutsch klingenden Namen verschweigen können. Sie sind es leid, dass sie beim Kampf um den knappen Wohnraum in Großstädten gleichgültig von ihrem Einkommen oder Bildungsstand den längeren Geduldsfaden brauchen. Sie sind müde davon, dass sie sich ein Leben lang erklären müssen. Fragen nach der Herkunft oder der Religiosität werden Menschen in der Regel nicht gestellt, die von der Gesellschaft nach äußeren Merkmalen in die Schublade „deutsch“ einsortiert werden. Alle anderen müssen damit leben, dass schon der Sprachgebrauch ihnen eine Rolle jenseits der Norm zuweist.

Fleißig werden Begriffe formuliert, die bei allem Bemühen um politische Korrektheit doch nur umschreiben, dass viele Deutsche eben nicht „deutsch“ genug sind. Von einer Gesellschaft, für die Staatsbürgerschaft und Nationalität kongruent sind, scheint Deutschland noch weiter entfernt zu sein als andere westeuropäische Länder. Das Land hat im Jahr 2000 spät und gegen große Widerstände das Geburtsrecht neben dem Abstammungs- oder „Blut“-Recht als Kriterium für die Verleihung der Staatsbürgerschaft eingeführt. Erstaunlich erscheint es da nicht, dass eine von Florence Kasumba gespielte schwarze „Tatort“-Kommissarin einen Medienrummel wert ist. Idris Elba als Chief Inspector John „Luther“ erscheint in der Serie wohl auch dem deutschen Zuschauer dagegen schlichtweg als Abbild britischer Normalität.

„Allein unter Weißen“

All das mag banal klingen angesichts der monströsen Tat von Hanau. Aber so sieht der Erfahrungsraum von Millionen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit aus. Nicht erst seit Hanau kommt die Angst hinzu, buchstäblich nicht aus der Haut schlüpfen zu können, wenn Terroristen Jagd auf „Fremde“ machen.

Der immer hasserfülltere Ton, mit dem Menschen, die mir äußerlich gleichen, zunehmend zum Problem dieses Landes erklärt wurden, hat bei mir zum Nachdenken über meine Privilegierung geführt. Ich habe eine deutsche Mutter und einen muslimischen Vater, wurde aber getauft. Ich wuchs in einer bürgerlichen Familie mit zwei akademisch gebildeten Elternteilen auf. Sie sprachen deutsch miteinander. Meine Eltern vermittelten mir die Möglichkeiten und Codes, die wichtig sind, um in der Bildungsschicht dieses Landes nicht als „fremd“ aufzufallen.

Ich gehöre soziologisch betrachtet nun zu einem urbanen Milieu, das ein höheres Einkommen hat, in einem Kreativjob arbeitet und seinen Status zum Beispiel durch das Erledigen von Einkäufen im Bio-Supermarkt zeigt. Nur selten treffe ich dort aber jemand an, der mir äußerlich gleicht. Ich bewege mich privat in einer Filterblase von international Vernetzten und Weitgereisten. Aber auch hier bin ich, wie der Zeit-Autor Mohamed Amjahid schreibt, meist „allein unter Weißen“. Wo wäre ich aber jetzt in meinem Leben, wäre ich in einem anderen Umfeld aufgewachsen und nicht durch Erziehung und materielle Förderung seitens meiner Eltern ein Stück weit geschützt gewesen vor ausgrenzenden Erfahrungen?

Misstrauisch gegenüber dem Blick der Anderen

Nicht lange ist es her, da rollte ich die Augen über anti-rassistische Identitätsdiskurse. Wer seine Herkunft derart vor sich herträgt, betreibe auch nichts anderes als völkische „Kuhstallschnüffelei“, las ich einmal in einem Kommentar. Der Vergleich gefiel mir. Ich vertraute lange darauf, dass Deutschland ein post-modernes Land geworden ist. Dass Identität hier etwas individuell Formbares ist, nach dem Motto: Heute bin ich dies, und morgen eben das. Die 2015 folgenden Jahre ließen mein Seifenblasenbild von unbegrenzten Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung platzen.

Diese Zeit hat mich misstrauisch gemacht gegenüber dem Blick der Anderen. Der Journalist Malcolm Ohanwe benutzt den Begriff der „als muslimisch gelesenen Menschen“. Das kann ein Grieche sein, der wie ein Türke aussieht. So geriet Spekulationen zufolge Theodoros Boulgaridis 2005 auf die Todesliste des NSU. Es können, wie die Publizistin Ferda Ataman schreibt, „Zwangsislamisierte“ sein, die ungefähr so muslimisch sind wie viele Christen in Deutschland christlich. Ich habe ein wenig das Aussehen, aber nicht den Glauben meines Vaters geerbt. Das Problem: Meine Umwelt kann das nicht erkennen.

Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, genau hinzuschauen, was sich jenseits der eigenen Filterblase tut. „Kuhstallschnüffelei“ und der Wunsch, sich durch Abgrenzung von anderen zu definieren, scheint weltweit die Kehrseite der Globalisierung geworden zu sein. Dass auch Deutschland trotz aller angeblichen Immunisierung durch die Vergangenheitsbewältigung nach 2015 voll von ihr erfasst wurde, stellten Privilegierte wie ich zunächst beim Blick in die Kommentarspalten fest. Dann wurden Wahlabende zur Qual. Letztlich schlich sich zur politischen Malaise die persönliche Angst um die eigene Zukunft.

Wir erwarten, dass Deutschland es besser macht

Wenn wir von Rassismus reden, können wir – ohne Verharmlosung der Verhältnisse in Deutschland – von einer globalen Heimsuchung sprechen. In Indien, in Brasilien oder auf den Philippinen verwirklichen Politiker gerade ihre Pendants zu den Illiberalen und Rechtspopulisten, die in manchen europäischen Ländern und den USA bereits erfolgreich sind. Rassismus existiert in Deutschland auch innerhalb von Migranten-Communitys. Der Terror des IS und anderer islamistischer Gruppen bildete die erste Verkörperung eines gruppenbezogenen, eliminatorischen Menschenhasses im 21. Jahrhundert. Auch das ist Faschismus.

Anders Breivik zollte dem IS für seine Methoden Respekt. Man darf davon ausgehen, dass ein gesellschaftszerfressendes Gift zwischen Dschihadismus und Anhängern der „white supremacy“, der These von der Überlegenheit weißer Menschen, hin- und herschwingt. Alles in allem sieht es so aus, als müssten wir uns damit abfinden, dass irgendeine extremistischen Gesinnung uns das Lebensrecht abspricht. Und dass es Menschen gibt, die vielleicht aufgrund psychischer Vorbelastung, sich immer wieder als williges Werkzeug in den Dienst einer Mordideologie stellen.

Was Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in diesem Land vielleicht eint: Wir legen in Fragen des politischen Anstands und der Wahrung der menschlichen Würde hohe Maßstäbe an Deutschland. Wir wissen, dass Attentate immer vorkommen und Rechtspopulisten an die Macht kommen können. In anderen europäischen Ländern ist dies bereits geschehen. Aber wir sind so „deutsch“, dass wir das Trauma der Geschichte dieses Landes teilen. Wir verknüpfen unsere Ängste mit Auschwitz als Blaupause dafür, wo Rassismus in Deutschland hingeführt hat. Selbst wenn die ganze Welt den Verstand verlieren sollte: Wir erwarten, dass Deutschland es besser macht.


Unser Autor:

Cedric Rehman wurde 1978 in Freiburg im Breisgau geboren. Er schreibt Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten für die Sächsische Zeitung. Rehman studierte von 1999 bis 2005 Geschichte, Germanistik und Hispanistik in Freiburg. Er arbeitet seit 2010 als freier Journalist. Sein Vater ist gebürtiger Inder, seine Mutter Deutsche ohne Migrationshintergrund.

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