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Mieze Katz tanzt jetzt Limbo

Nach fünf Jahren Pause schlägt die Berliner Deutschpop-Band Mia neue Töne an und lässt die Konkurrenz ziemlich hüftsteif aussehen.

Sängerin Maria Mummert alias Mieze Katz und ihre Kollegen von Mia haben die längere Pause nicht nur genutzt, um neue Gymnastikübungen zu trainieren, sondern vor allem, um ziemlich coole Songs zu verfassen.
Sängerin Maria Mummert alias Mieze Katz und ihre Kollegen von Mia haben die längere Pause nicht nur genutzt, um neue Gymnastikübungen zu trainieren, sondern vor allem, um ziemlich coole Songs zu verfassen. © PR

Schon die Frontfrau konnte die Sache schnell entscheiden. Entweder war man prompt der Stimme, der Attitüde, dem Wesen von Maria Mummert alias Mieze Katz verfallen. Oder allein die sofortige Flucht kam als Reaktion infrage, sobald diese extrovertierte Dame mit den stets etwas zu großen Gesten irgendwie in Erscheinung trat.Ihre Polarisierungsfähigkeit übertrug sich selbstverständlich auf ihre Band Mia, die niemals zu einer Na-ja-geht-so-Combo taugte. Entweder Liebe oder Hass, kein Dazwischen. Jetzt schickt sich die Truppe allerdings an, Gräben zu überbrücken. Denn ihr neues Album „Limbo“ kann man gar nicht mies finden. Das Ganze ist ein veritabler Stimmungsaufheller in diesen eher trübsinnigen Zeiten, der seine Leuchtkraft niemals aus billiger Heiterkeit oder den beliebten Fließbandchören zieht.

Zu früh fürs Sommermärchen

Mia, dieses Deutschpop-Quartett, das vor 23 Jahren als Schülerband am Berliner John-Lennon-Gymnasium startete, gerne mal Gitarrenriffs durch Elektro-Klanglandschaften hageln ließ, konnte beim politischen Aus-dem-Fenster-Lehnen gut mit jäh auffrischendem Wind leben. Obwohl es für glasklar linksorientierte Musiker sicher doch seltsam ist, von noch linkeren Meinungswächtern als nationalistisch beschimpft zu werden. Als Mia 2003 den Song „Was es ist“ veröffentlichten, waren sie zu früh dran für das, was 2006 dank des Fußball-Sommermärchens normal wurde: der halbwegs entspannte Umgang mit dem eigenen Land.

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Wichtiger als derlei Gezänk war Mieze Katz und Kollegen sowieso stets eine Prise Exzess, noch wichtiger das Tanzen. Dazu lud unbedingt ihr 2004 veröffentlichter Hit „Hungriges Herz“ ein, 2006 wurde die Aufforderung mit „Tanz der Moleküle“ konkreter. Und auch jetzt geht es explizit um rhythmische Körperbewegungen. 

Schon der Albumtitel gibt klar die Richtung vor. Dazu sagt die Band: „Wenn Pessimisten und Optimisten gemeinsam versuchen, aus ihrer Geisteshaltung Tanzmusik zu machen, kommt bei uns ,Limbo‘ raus.“ Was sich weniger konkret auf den exotischen Tanz bezieht, sondern die elektrisierende Mischung aus NDW, Elektro, Funk, Punk und Pop meint. Den harscheren Sound zur ungebrochen schäumenden Lebensfreude.

Eine grundsätzlich aufmunternde Botschaft zur Hüftwackel-Animation etwa transportiert „Tortenguss“. Die Nummer wirkt einen Zacken zu bemüht, kommt aber allemal origineller daher als die Deutschpop-Einheitsware. Auf den knurrenden Bass springt ein zackiger Beat auf, der sich in einen Mitsing-Refrain entlädt. „Alles strahlt im Überfluss und das Neonlicht fließt wie Tortenguss“.

Selbst wenn nicht alle Metaphern einen Poesiepreis verdient haben, sind die Texte des Albums wie die dazugehörigen Musiken zugleich eingängig und dezent widerborstig, lassen sich schnell weghören oder in Ruhe genießen. Das liegt nicht nur daran, dass die vier Musiker sich inzwischen dazu bekennen, erwachsen zu sein. Bei Frontfrau Mieze Katz hat sich zweifellos die Weltsicht generell verändert, als sie vor zwei Jahren zum ersten Mal Mutter wurde. Vor allem aber arbeitet die Truppe nach neuen Prinzipien.

Songs aus dem Tagebuch

Zum einen tauschte man nach dem 2015er-Werk „Biste Mode“ das gesamte Hintergrundteam, das Label, das Management aus. Und man ging dazu über, jedes Detail von Musik über Text bis zum Arrangement im Team zu vollenden. „Wir haben Mia vielleicht nicht komplett neu erfunden, aber doch mächtig durcheinandergewirbelt“, erklärte Mieze Katz in einem Interview und betonte mit Blick auf die Songtexte: „Wir sind keine Schauspieler. Unsere Lieder stammen immer aus dem Leben, sie sind so etwas wie Tagebucheinträge.“

Da passt es, dass Mia eben nicht bejammern, dass sich ständig alle in die Haare kriegen, dafür mit „Crash“ eher das Hohelied des Streits singen. Insofern bleibt die Band sich und ihrem Image nach dem Neustart treu: Anpassen oder anbiedern mögen sich andere. Gut möglich, dass Mieze Katz also immer noch polarisiert. Die Gründe dafür sind definitiv weniger geworden.

Das Album: Mia, Limbo. Four Music/Sony

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