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"Ein verlorenes Jahr"

Wie sieht die neue Normalität ab Freitag in Hotels und Gaststätten aus? Darüber diskutierte Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer jetzt in Görlitz.

Ministerpräsident Michael Kretschmer im Gespräch mit Görlitzer Gastronomen und Hoteliers.
Ministerpräsident Michael Kretschmer im Gespräch mit Görlitzer Gastronomen und Hoteliers. © Pawel Sosnowski

Roland Marth hatte es fast geschafft, sein Landhotel "Gut am See" fertigzustellen. Isolde Iser, seine Partnerin und Leiterin der Anlage, hatte das bislang bestehende Restaurant zu einem gefragten Ort für Hochzeitsfeiern gemacht. Jetzt konnte sie nun endlich den Hochzeitsgesellschaften eine Übernachtung anbieten. Für eine Million Euro hatten Privatleute und Firmen für dieses Jahr Veranstaltungen im "Gut am See" gebucht, erklärt Marth. "Wir waren krachend voll", sagt er. Nun ist alles storniert: Null. Und die Investitionen drücken.

Wiedereröffnung ist ein Hoffnungsschimmer

Christian Weise in seinem "Hotel Emmerich" am Untermarkt
Christian Weise in seinem "Hotel Emmerich" am Untermarkt © nikolaischmidt.de

Wenn ab Freitag die Gaststätten und Hotels in Sachsen wieder öffnen dürfen, dann ist das für Menschen wie Roland Marth ein Hoffnungsschimmer. Oder wie Christian Weise, Architekt und Inhaber des Hotels "Emmerich" am Untermarkt, sagt: "Wir können jetzt planen und den Mitarbeitern eine Perspektive geben". Das ist schon positiv, äußert er im Gespräch mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Der hatte am Freitag innerhalb von wenigen Stunden Gastronomen und Hoteliers aus Görlitz ins "Café Gloria" auf dem Untermarkt gebeten, um mit ihnen über die neue Rechtsverordnung zu sprechen, die das Kabinett an diesem Dienstag beschließen wird. Sie enthält die Bedingungen, die die Branche bei der Wiedereröffnung einhalten werden muss.

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Dazu zählen vermutlich:

  • strenge Hygieneregeln (ob die Personalien der Gäste erhoben werden müssen, steht noch nicht fest)
  • Tische dürfen nur belegt werden mit einem Abstandsgebot von 1,5 Meter
  • an einem Tisch dürfen nur Mitglieder zweier Hausstände sitzen
  • keine Salzstreuer oder Dekorationen auf dem Tisch
  • noch offen ist, ob Kellner Masken tragen müssen
  • keine Vorgabe von Schließzeiten
  • kein Unterschied von Plätzen im Außenbereich und in den Gaststätten 

Die Vorgaben orientieren sich an den Konzepten, die Fachverbände wie die Dehoga und die IHK erarbeitet haben. Kretschmer will auch in dieser Branche weg von Verboten. "Grundsätzlich sollte alles erlaubt werden, wenn man sich nicht anstecken kann". Für ihn ist dabei das Abstandsgebot und der Mundschutz das wichtigste. Das reiche in aller Regel, um sich vor einer Infektion zu schützen. Derzeit würden ohnehin die Ansteckungen eher im privaten Umfeld stattfinden als im beruflichen. Aber das kann sich demnächst auch wieder ändern, wenn es zu mehr Kontakten in Büros oder Werkhallen kommt.

Weniger Umsatz durch Hygieneauflagen

Begeistert sind die Görlitzer Gastronomen von den Bedingungen nicht. Für sie heißt es weniger Kunden auf dem bisherigen Platz. Der Mitbetreiber des "Casanova" auf dem Untermarkt, Rolf Strittmatter, überschlägt die Zahlen schnell. Bei 64 Plätzen im Außenbereich werden es künftig nur noch 32 sein und damit deutlich weniger Umsatz bei gleichbleibend hohem Personaleinsatz. 

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert die Restaurants sogar auf, beim Personal nicht zu sparen. Kellnerinnen, die darauf achten, dass Tische und Stühle nicht zusammengeschoben werden. Genug Köche in der Küche, damit es keinen Wartestau beim Essen und damit ein zu volles Lokal gibt. "Kein Restaurant sollte hier auf Sparflamme kochen", findet Volkmar Heinrich, Geschäftsführer der NGG-Region Dresden-Chemnitz.

Gruppenreisen storniert, Unsicherheit bei Besuchern

Martin Vits in seinem Romantik-Hotel "Tuchmacher" in der Görlitzer Altstadt, in dem während ihres Drehs zum Film "Der Vorleser" auch schon Kate Winslet übernachtete.
Martin Vits in seinem Romantik-Hotel "Tuchmacher" in der Görlitzer Altstadt, in dem während ihres Drehs zum Film "Der Vorleser" auch schon Kate Winslet übernachtete. © - keine Angabe im huGO-Archivsys

Die Forderungen treffen eine Branche, die um das Überleben kämpft. Auch in Görlitz. Martin Vits, Inhaber des Romantikhotels "Tuchmacher" auf der Peterstraße, spricht von einer existenzbedrohenden Situation. "Es geht weniger darum Gewinne zu erwirtschaften, sondern alles zu tun, damit das Unternehmen überlebt". Das gesamte Gruppenreisegeschäft sei bis Jahresende zu 90 Prozent storniert, ob alle Reiseanbieter überleben, mit denen die Hotels zusammenarbeiten, ist offen. Ob und wie der Görlitz-Tourismus wieder anläuft ebenso. Vor allem das Bildungsbürgertum und die Altersgruppe Ü 60 füllte in den vergangenen Jahren die Hotelbetten in Görlitz. Nun gehören sie zu der Risikogruppe in der Corona-Pandemie. Ob sie, wenn Hotels und Restaurants öffnen, auch gleich wieder reisen wie vor der Schließung, ist eher fraglich. 

Matthias Holfert in seiner Gaststätte "St. Jonathan"
Matthias Holfert in seiner Gaststätte "St. Jonathan" © Pawel Sosnowski

Und Matthias Holfert, Inhaber des "Café Gloria" und des benachbarten Restaurants "St. Jonathan", fragt sich auch, was geschieht, wenn sich Kunden tatsächlich in einer Gaststätte infizieren. "Sind wir dann rechtlich geschützt oder können sie gegen uns  klagen?" Er jedenfalls will ein Schild aufstellen: "Betreten auf eigene Gefahr". Die Unsicherheit bei den Besuchern wird das aber nicht verringern.

Görlitz plant Werbekampagne

Weil es die gesamte Branche besonders trifft, gibt es neben der Kurzarbeit und Hilfskrediten weitere Hilfen. So soll die Mehrwertsteuer auf Speisen in Gaststätten ab Juli ein Jahr lang von 19 auf 7 Prozent verringert werden, weitere Rettungspakete schließt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier nicht aus. 

Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu will über die Europastadt Görlitz/Zgorzelec für das Reiseziel Görlitz werben und dabei herausstreichen, dass Görlitz von der Corona-Pandemie kaum betroffen ist. Auch Michael Kretschmer hält Werbung in den Städten und Regionen, wo die Mehrzahl der Görlitzer Städtetouristen herkommen, für richtig, zumal Auslandsreisen derzeit auch nicht abzusehen sind. Zugleich hält Ursu auch weitere Erleichterungen für möglich: das Aussetzen der Gebühr für die Außenplätze sowie deren Ausweitung, wo das machbar ist. 

Roland Marth und Isolde Iser vor ihrem Landhotel "Gut am See".
Roland Marth und Isolde Iser vor ihrem Landhotel "Gut am See". © nikolaischmidt.de

Christian Weise findet das sinnvoll - gerade um den Tourismus wieder anzukurbeln. "Wenn die Hotels voll sind, sind auch die Gaststätten gut besucht", sagt er. Zumal große Familien- oder Firmenfeiern derzeit in Lokalen nicht möglich sind. Die Aussichten für Weihnachtsfeiern sind im Moment noch nicht rosig. "Solange es keinen Impfschutz gibt, helfen nur Abstand halten und Mundmaske", sagt Kretschmer.

Doch Unternehmern wie Roland Marth ist auch klar, dass es in diesem Jahr nur noch darum geht, den Schaden zu begrenzen. "Gerade jetzt im Mai und Juni sind die Hauptumsatzmonate. Es ist ein verlorenes Jahr".

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