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Die Bundeswehr erobert die Festung zurück

Von der Steinzeitkeule bis zum Terminator: Das Militärhistorische Museum Dresden eröffnet seine Königsteiner Außenstelle.

Von Jörg Stock
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"Eine ganz tolle Leistung." Festungschefin Angelika Taube besichtigt mit Oberst Armin Wagner die neue Dauerausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr auf dem Königstein.
"Eine ganz tolle Leistung." Festungschefin Angelika Taube besichtigt mit Oberst Armin Wagner die neue Dauerausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr auf dem Königstein. © Marko Förster

Wenn diese Kanone das Lager beschützt, könnte man die Soldaten darin nicht mal mit einer Limonadenflasche bewerfen, selbst wenn sie hunderte Stundenkilometer schnell fliegen würde. Binnen Sekunden und noch Kilometer vor dem Einschlag erkennt das Waffensystem "Mantis" kleinste Projektile, etwa eine einzelne Mörsergranate, und vernichtet sie mit einer Salve programmierbarer Schrapnellgeschosse. "Mantis" ist der schützende Schirm, die undurchdringliche Mauer für die moderne Festung.

Ein Geschützturm des "Nächstbereichschutzsystems Mantis", so sagen die Fachleute dazu, ist ab sofort im Neuen Zeughaus auf dem Königstein zu besichtigen. Die wüstenfarben getünchte Revolverkanone mit den Abmessungen eines Kleinlasters flankiert den Zugang zur neuen Dauerausstellung "Faszination Festung". Mit der Eröffnung kehrt gewissermaßen auch das Militär auf die Festungsanlage zurück. Das Neue Zeughaus ist eine Außenstelle des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden.

Diese Panzerkanone sollte im Zweiten Weltkrieg die "Festung Dresden" verteidigen helfen. Dahinter die Hülle einer amerikanischen Wasserstoffbombe.
Diese Panzerkanone sollte im Zweiten Weltkrieg die "Festung Dresden" verteidigen helfen. Dahinter die Hülle einer amerikanischen Wasserstoffbombe. © Marko Förster

Die Schau widmet sich mit über 200 Objekten dem menschlichen Streben, sich hinter dicken Mauern in Sicherheit zu bringen, aber auch den Erfindungen, diese Mauern zu durchbrechen, zu untergraben oder zu überfliegen. Den Bogen spannen die Ausstellungsmacher von der Steinzeit bis in die Gegenwart, von den romantischen Burgen der mittelalterlichen Ritter bis zu den Sandsack-Kastellen der Bundeswehr im 21. Jahrhundert. 

Für den Schutz der Feldlager in Afghanistan wurde "Mantis" 2013 angeschafft, aber dann doch nicht eingesetzt. Geschossen haben die deutschen Superkanonen bisher nirgendwo. Ins Museum kommen sie deshalb noch lange nicht. Auf dem Königstein steht nur ein Modell, meistenteils aus Holz gebaut. Das Original würde über fünf Tonnen wiegen und womöglich durch den historischen Sandsteinfußboden des Zeughauses brechen.

Bitte eintreten: Oberst Armin Wagner, Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, öffnet die Pforte zur Außenstelle Neues Zeughaus.
Bitte eintreten: Oberst Armin Wagner, Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, öffnet die Pforte zur Außenstelle Neues Zeughaus. © Marko Förster

"Mantis" ist ein Automat. Zielen und schießen kann er ohne Mensch. Das genaue Gegenteil zum steinernen Kopf einer Keule, der gegenüber in einer Vitrine ruht. Diese Waffe, sicher mehr als viertausend Jahre alt, funktionierte nur im Nahkampf. Beide Exponate weisen die Richtung, in die das Kriegführen sich entwickelt. Der Mensch, so sagt Kurator Thoralf Rauchfuß, bleibt mehr und mehr in seinem Schutzraum, in seiner Festung, und lässt Automaten für sich kämpfen. Ist der T 800, der Kampfroboter aus dem Film "Terminator", der mit gezückten Waffen hoch über der Ausstellung steht, das grausige Ende vom Lied?

Für Oberst Armin Wagner, den Direktor des Militärhistorischen Museums, ist autonome Kampftechnik auch weiterhin Science Fiction. Über den Einsatz tödlicher Gewalt kann kein anderer entscheiden als der Mensch, sagt er. Auch bei "Mantis" ist der vollautomatische Einsatz, wenngleich möglich, nicht erlaubt. Ein Offizier in der Feuerleitzentrale gibt letztlich den Befehl zum Schuss.

Ein alter Bekannter: Dieses Depressionsgeschütz von 1812, einst tatsächlich auf dem Königstein eingesetzt, war schon in der früheren Ausstellung vertreten.
Ein alter Bekannter: Dieses Depressionsgeschütz von 1812, einst tatsächlich auf dem Königstein eingesetzt, war schon in der früheren Ausstellung vertreten. © Marko Förster

Als Museumschef ist Armin Wagner auch Leiter des kleinen Bundeswehr-Außenpostens auf dem Königstein. Als Festungskommandant sieht sich der hochgewachsene Offizier mit dem Stern der Feldjägertruppe am Barett deswegen nicht. Denn nur das Neue Zeughaus befindet sich in der Hoheit der Bundeswehr. Darin dienen auch keine Soldaten, sondern lediglich eine Handvoll Aufsichtspersonal. Und das in zivil. 

Allzu oft hat Armin Wagner seine Königsteiner Außenstelle bisher nicht besucht. Als er 2017 die Führung im Dresdner Haupthaus übernahm, war das Neue Zeughaus bereits seit mehreren Jahren geschlossen. Gleichwohl zählt der Oberst die Wiedereröffnung zu den wichtigsten Projekten des Museums in den letzten Jahren. Konzeptionell schließe die "Faszination Festung" nahtlos an die Dresdner Dauerausstellung an, sagt er. "Hier wie dort steht der Mensch im Mittelpunkt." Wagner hofft auf die Wirkung der Ausstellung als Schaufenster, darauf, dass möglichst viele Festungsgäste - letztes Jahr eine halbe Million - neugierig auf das Hauptgebäude werden.

Düstere Vision zum Begriff Festung: Das abgeschottete Europa, hier auf Korsika, aus dem Blickwinkel eines Wiener Architektenkollektivs.
Düstere Vision zum Begriff Festung: Das abgeschottete Europa, hier auf Korsika, aus dem Blickwinkel eines Wiener Architektenkollektivs. © Marko Förster

Angelika Taube, die Geschäftsführerin der Festung Königstein, zeigt sich glücklich darüber, dass der Saal des Neuen Zeughauses nach der langen Periode des Leerstands nun wieder von den Gästen "gestürmt" werden könne. Auf moderne und inhaltlich anspruchsvolle Weise verdeutliche die Ausstellung die Absurdität von Krieg und Gewalt. Trotz Corona sei die Schau pünktlich fertig geworden und könne nun zur Wiederbelebung des Besucherbetriebs beitragen. "Das ist eine ganz tolle Leistung."

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