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Hoyerswerda

Mit 80 Jahren zurück zu den Anfängen

Der Bernsdorfer Horst Witschaß startete bei der Leichtathletik-WM. Im Sport hat er schon einiges erlebt – und noch vor.

Horst Witschaß bei der WM
Horst Witschaß bei der WM © Foto: privat

Man kann selbst im neunten Lebensjahrzehnt viele schöne Dinge machen – sofern die Gesundheit mitspielt. Zeit dafür ist genug. Aber ausgerechnet Speerwerfen und dann noch bei einer Weltmeisterschaft? Horst Witschaß aus Bernsdorf hat sich das getraut, nur wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag. Insgesamt 4 344 Athleten aus der ganzen Welt hatten sich für die 40 Disziplinen bei der Leichtathletik-Senioren-WM im März im polnischen Torun eingeschrieben, darunter 475 deutsche. Acht Männer waren bei den Speerwerfern der 80- bis 85-Jährigen dabei. In seinem 4. Versuch schleuderte der Mann vom SC Hoyerswerda das 400 g schwere Gerät auf die neue persönliche Bestleistung von 29,26 Metern. „49 Zentimeter haben an Bronze gefehlt“, erzählt der Senior nach der Rückkehr im heimischen Wohnzimmer. Er ist dabei nicht enttäuscht. Die Urkunde hat einen Ehrenplatz an der Wand.

Es war eine WM-Premiere für den drahtigen Mann, aber der Sport hat fast sein ganzes Leben geprägt. Zur Leichtathletik kam er Ende der 40er-Jahre durch seinen älteren Bruder Joachim und dessen Freunde. Sie betrachteten Bilder von den Olympischen Spielen 1936 und improvisierten im Wald: Eine Schnur zwischen zwei Kiefern stellte die Hochsprunglatte dar, für den Stabhochsprung wurde eine Wäschestütze genutzt.

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Das Talent des jungen Bernsdorfers lag im Weitsprung und Werfen. Er war einer der Besten in der Schule beim Schlagballwerfen, wurde 1951 Mitglied bei der SG Chemie Bernsdorf und fand rasch Gefallen am Sperrwurf. Viele junge Leichtathleten aus der Stadt machten damals auf sich aufmerksam. Ingeborg Schwalbe (geb. Günther) wird später besonders erfolgreich sein. Von Mitte der 50er-Jahre an war sie ein Jahrzehnt lang eine der besten Speerwerferinnen der DDR.

Auch Horst Witschaß, der nach der Schule Schlosser im VEB Eisenwerk Bernsdorf lernte, hatte Erfolge mit dem Speer. 1957 zählte er zu den Favoriten bei der DDR-Jugendmeisterschaft im neuen Zentralstadion in Leipzig. Eine Verletzung im Ellenbogen des Wurfarmes verhinderte eine bessere Platzierung als Platz neun. Aber der damals 18-Jährige war vielseitig interessiert und talentiert. Das sollte in seinem Leben von großer Bedeutung sein. Er begann sich zunehmend für Trainingsmethodik zu begeistern. Hilfreich war sein technischer Sachverstand: Mit einem Seilzuggerät aus einem Fahrradfreilauf mit Rückholfeder und Bremsbacken ließ sich der Speer-Abwurf unter verstellbarer Belastung simulieren. Und die Aufgaben wuchsen: Organisatorisches, der Aufbau von Strukturen, das Tüfteln an Trainingsplänen und Gestalten von Sportfesten. Und er drückte die Schulbank, wurde 1963 Sportlehrer in Hoyerswerda, als in der Neustadt gerade die ersten Wohnkomplexe fertig waren. Als Trainer bei der BSG Aktivist Schwarze Pumpe hatte Horst Witschaß großen Anteil, dass die Leichtathleten zu den Besten im Bezirk Cottbus gehörten, auch im Umland zahlte sich die Förderung aus. Bei Kinder- und Jugendspartakiaden waren Sportler aus dem Kreis immer in der Spitze. „In der DDR ist kein Talent verlorengegangen“, sagt der Bernsdorfer. Die Trainer- und Verbandsarbeit, haupt- und ehrenamtlich, später unter anderem als Abteilungsleiter Sport/Touristik im Pionierhaus Grete Walter in Hoyerswerda, als Lehrer und Trainer in Bernsdorf oder in verschiedenen Sportfachverbänden könnte ein Buch füllen. Im Februar 1978 erhielt Horst Witschaß vom Präsidium des Deutschen Verbandes für Leichtathletik die Ehrenplakette – die höchste zu vergebene Auszeichnung. „Bei DDR-Meisterschaften erreichten meine Sportler 29 Medaillen“, berichtet er stolz. „Acht Titel, zehn Mal Silber und elf Mal Bronze.“

Ein großer Rückhalt war immer seine Frau Kristina, mit der er seit 57 Jahren verheiratet ist und die die Hauptlast bei der Erziehung der beiden Sohne trug. Nach 1990 holten sie nach, was zuvor zu kurz gekommen war: Reisen zum Beispiel. Der Speer ruhte. Waren es früher über 64 Meter mit dem 800-Gramm-Gerät, kratzt er jetzt mit dem halb so schweren Speer an der 30-Meter-Marke. „Es ist technisch eine der anspruchsvollsten Disziplinen der Leichtathletik“, sagt Horst Witschaß. Verlernt hat er sie nicht. 1989, nach 25 Jahren Pause, wurde er ohne Vorbereitung mit großem Vorsprung Meister im Bezirk Cottbus, etwas später 5. bei den DDR-Meisterschaften.

Die Pause seitdem war noch länger. Aber untätig war Horst Witschaß nie. „Bewegung muss sein“. Er hat eine Hantelbank im Keller und einen kleinen Pool im Garten, das Grundstück misst 1 200 Quadratmeter. „Da ist immer etwas zu tun.“ Zum Speerwerfen gehts in den Wald, so wie früher in Kindertagen. Zudem trainiert er regelmäßig beim SC in Hoyerswerda. Im Verein ist man froh, einen solchen Sportsmann in den Reihen zu haben, der sich selbst nie ins Rampenlicht drängeln würde. Die WM in Torun war fantastisch. „Eine sehr gute Organisation und eine super Halle“, berichtet der 80-Jährige. Als Winterwurfdisziplin fand das Speerwerfen wie das Diskus- und Hammerwerfen im Freien statt. Silber und Bronze in seinem Wettkampf gingen an Finnland, der Sieg an Lothar Huchthausen aus Sachsen-Anhalt, der diese Altersklasse dominiert.

Als Jahrgang 1935 kann er demnächst nicht mehr die Wege von Horst Witschaß kreuzen. Der denkt schon an die EM in Venedig im September. Und warum nicht auch nächstes Jahr zur WM nach Toronto? Zunächst will er sich aber beim Werfertag seines Vereins ausprobieren – heute ab 16.30 Uhr im Sportforum an der Nieskyer Straße in Hoyerswerda.