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Moderne Kunst im Kaisertrutz

Der Bautzener Kai Wenzel hat die neue Ausstellung in Görlitz konzipiert. Eine Entdeckungsreise.

© Nikolai Schmidt

Von Ines Eifler

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Kai Wenzel hat gerade ein sehr großes Projekt abgeschlossen. Die Galerie der Moderne in Görlitz steht. Nun ist sie geöffnet. Sie war das letzte Puzzleteil, das im großen Vorhaben der kompletten Neugestaltung des Kulturhistorischen Museums noch fehlte. Über fünf Jahre hat es von der Schließung über die Sanierung und die Sächsische Landesausstellung bis hin zur Vollendung der Dauerausstellungen im Barockhaus Neißstraße 30 und im Kaisertrutz gedauert. Nun sind alle Bereiche beider Häuser fertig, neu, offen. Nie war mehr zu sehen als jetzt. Nie war die Fläche größer. Nie konnten die Görlitzer so viel von dem entdecken, was sich lange im Depot des Museums versteckt hielt.

Große Umgestaltungen sind selten

„Es passiert höchst selten, dass sich ein Museum so komplett verwandelt“, sagt Kai Wenzel, der die Galerie der Moderne konzipiert hat, „und es passiert auch nicht so oft im Laufe einer Berufslaufbahn, dass man die Chance bekommt, an so einer großen Umgestaltung mitzuwirken.“ 2008 kam er als junger Kunsthistoriker, der in Leipzig und Prag studiert hatte, nach Görlitz und nahm den Platz von Marius Winzeler ein, der zu der Zeit Museumsdirektor in Zittau wurde. Dass dies möglich war, nennt Kai Wenzel eine „glückliche Fügung“. Er stammt zwar aus Bautzen und ist mit der Region, auch Görlitz, verbunden. 2007 wurde er sogar mit dem Hermann-Knothe-Preis der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften ausgezeichnet. „Aber Kunsthistorikerstellen sind rar“, sagt er. Er freute sich damals sehr auf seine Arbeit, hatte Lust, sein Wissen anzuwenden, Ausstellungen zu konzipieren. Doch als er in Görlitz ankam, fand er sich in einer „merkwürdigen Situation“ wieder: in einem Museum, das demnächst geschlossen wird. Seine ersten Aufgaben waren es, Gegenstände einzupacken, zum Transport und zum Verwahren vorzubereiten. Doch nach einer Weile erkannte er das Gute daran. Besser als auf diese Weise konnte er die Bestände des Museums und dessen viele Schätze gar nicht kennenlernen. „Ich habe durch die Auslagerung und Neuordnung fast jedes Objekt schon einmal in der Hand gehabt.“ Und nicht nur die Museumsstücke aus den Ausstellungen. Auch beim Umzug des Museumsdepots war Kai Wenzel dabei. Zuerst wurde es in ein Interimsquartier ausgelagert, dann zog es in die frisch sanierte Ecke Handwerk-/Weberstraße.

Deshalb fiel es dem Kunsthistoriker relativ leicht, die Werke für die Galerie der Moderne auszusuchen. Und er entdeckte auch vieles, was er nicht erwartete. „Der Görlitzer Expressionismus hatte mich zwar schon immer interessiert“, sagt der 36-Jährige, „aber ich wusste nicht, was für eine enorme Bedeutung Görlitz in den 1920er- und 1930er-Jahren in der Kunstwelt hatte.“ Eine richtig lebendige Kunstszene gab es damals hier. Künstler, Mäzene, Kunstinteressierte, Ateliers, Galerien. Besonders der Kontakt zu den Kunsthochschulen in Breslau und Dresden, auch nach Berlin, spiegelte sich damals in Görlitz in einer reichen Kunstproduktion wider.

Heute findet man wichtige Werke, die damals hier entstanden oder einen Bezug zur Stadt haben, in der Galerie der Moderne wieder. „Damit brauchen wir uns nicht zu verstecken“, sagt Kai Wenzel. „Görlitz kann wirklich stolz darauf sein, was hier an Kunst entstanden ist. Die Ausstellung kann sich überregional mit vergleichbaren Galerien messen.“ Auch hier ist es die Abteilung zum Görlitzer Expressionismus, die ihm am nächsten ist. Obwohl er sagt, dass er sich ungern für eine „Lieblingsepoche“ entscheiden würde. Das Selbstporträt des Expressionisten und Schriftstellers Johannes Wüsten (1896-1943) ist sehr beeindruckend, auch weil es unter seinen feingliedrigen Grafiken eine Seltenheit ist. Und auch der dunkle Raum im Raum – der Kubus – ist etwas sehr Schönes in der Galerie der Moderne. Hier kommen Wüstens kleine Grafiken besonders gut zur Geltung.

Zeugnis der Sammeltätigkeit

Aber für die Ausstellung hat Kai Wenzel natürlich mehr als expressionistische Werke ausgesucht. Eines der ältesten Gemälde ist Lesser Urys großes Bild „Jerusalem“. Und von da an erzählen etwa 200 Gemälde, Grafiken, Skulpturen und Werke der angewandten Kunst vom vielfältigen künstlerischen Schaffen aus Görlitz und Umgebung in den vergangenen 120 Jahren. Vieles kommt aus den Beständen des Museums. „Aber die Ausstellung dokumentiert auch unsere Sammeltätigkeit“, sagt Kai Wenzel. Immer wieder hat er für das Museum Werke angekauft oder Schenkungen entgegengenommen, etwa im Herbst das Selbstporträt der Künstlerin Erna von Dobschütz oder die große Skulptur der „Alten Königin“ von Katrin Jähne. Beides ist in der Galerie der Moderne zu sehen. Mit deren Eröffnung ist sie aber nicht für immer festgelegt. Sie soll sich auch in Zukunft wandeln. „Wir werden immer wieder Werke austauschen, um noch mehr von unseren Beständen zu zeigen“, sagt Kai Wenzel.

Hin und wieder soll es Sonderausstellungen geben. Ende des Jahres zum Beispiel wird der Berliner Skulpturenfund nach Görlitz kommen. Das sind jene in der NS-Zeit als „entartete Kunst“ beschlagnahmte und dann verschollene 16 Werke der klassischen Moderne, die 2010 bei Grabungen in der Nähe des Roten Rathauses in Berlin-Mitte gefunden wurden.

Für Wenzel könnte dieses Jahr sein erstes „normales“ Arbeitsjahr werden, weil keine grundlegenden Aufgaben zur Vollendung des Museums mehr auf ihn warten. „Aber meine Doktorarbeit über Kirchen der frühen Neuzeit hat die ganzen letzten Jahre brach gelegen“, sagt er. Deshalb teilt er sich in der nächsten Zeit seine Stelle im Museum mit einem Kollegen. Um nach dem großen Abschluss, den die Eröffnung der Galerie der Moderne für ihn bedeutet, ein weiteres Projekt vollenden zu können.

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