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PLUS Döbeln

Mutig, beharrlich, innovativ

Deutschlands älteste Briefkastenfirma feiert 150. Jahrestag. Mit Tränen beim Rückblick und viel Lust auf Zukunft.

Zwei Unternehmergenerationen: Erika und Reinhard Kolbe reprivatisierten die Max Knobloch Nachf. GmbH 1990. Seit 2017 ist Sohn Thomas alleiniger Geschäftsführer. Tochter Susanne kümmert sich als Personalchefin um 170 Mitarbeiter.
Zwei Unternehmergenerationen: Erika und Reinhard Kolbe reprivatisierten die Max Knobloch Nachf. GmbH 1990. Seit 2017 ist Sohn Thomas alleiniger Geschäftsführer. Tochter Susanne kümmert sich als Personalchefin um 170 Mitarbeiter. © Dietmar Thomas

Döbeln. Bewegend und bewegt ist die Geschichte der Firma Max Knobloch, sagte Thomas Kolbe. Er führt seit 2017 allein die Geschäfte des Unternehmens, das am 1869 von den Herren Handschuh und Schmidt als Blechklempnerei an der Waldheimer Straße gegründet wurde und am Freitag den 150. Geburtstag feierte. Seitdem durchlebte das Unternehmen viele Brüche, wagte aber immer wieder den Neuanfang.

In seiner Festrede schilderte Michael Höhme, der Leiter des Döbelner Lessing-Gymnasiums, an vielen Beispielen aus 150 Jahren Firmen -und Schulgeschichte, wie stark Schule und Wirtschaft von gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig sind. „Hier wie da sind Innovationen und Investitionen der Schlüssel zum Erfolg“, sagte er und zeigte den Mitarbeitern, ehemaligen Beschäftigten sowie weiteren Festgästen interessante Parallelen auf. So habe sich man sich in Döbeln bewusst für ein Realgymnasium „als weichen Standortfaktor“ entschieden, damit Absolventen nach dem Studium nach Döbeln zurückkehren, um an dem wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt mitzuwirken.

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Mit Tränen in den Augen erzählte Reinhard Kolbe, der mit seiner Frau Erika die Firma Knobloch 1990 reprivatisierte, von den Mühen des Neuanfangs. Sehr emotional schilderte er seinen Schmerz, damals Mitarbeiter entlassen zu müssen, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Und ihm versagte die Stimme, als er an das Hochwasser 2002 erinnerte, das zwei Meter hoch an der Waldheimer Straße stand und alles vernichtete. „Einen kurzen Moment dachten wir, es geht nicht mehr. Aber Mitarbeiter, ihre Angehörigen und völlig Fremde kamen, um zu helfen.“ Mit Fördergeld und viel Hilfe – auch von der Stadt und dem damaligen Landrat Manfred Graetz – ging es weiter, am alten wie am neuen Standort im Gewerbegebiet Ost 1b.

„Wir waren stolz auf 35 Mitarbeiter, Du kannst es auf 170 sein“, sagte er zu seinem Sohn Thomas. Der habe 120 wie vor dem Krieg gewollt und unglaubliche Vertriebsaktivitäten entwickelt, um dieses Ziel zu erreichen, so Reinhard Kolbe. Innovation habe die Firma, die in ihrer Geschichte nicht nur Briefkästen, sondern auch 380 000 Handstaubsauger produzierte, immer vorangebracht. „Ihr werdet Euch umorientieren müssen“, sagte der Senior und ermunterte dazu, schon jetzt daran zu denken, was gebraucht wird, wenn es für Briefkästen keinen Markt mehr gibt. Doch darum muss ihm wohl nicht bange sein, denn längst wird an Produkten von morgen getüftelt. Dass dabei auf die Belegschaft Verlass ist, zeigte ihr Geburtstagsgeschenk: ein Buch voller Ideen der Mitarbeiter. Enthusiasmus, Mut und Kreativität lebte und lebt die Unternehmerfamilie vor. „Ich bin stolz darauf, dass wir in Döbeln ein Unternehmen mit so viel Lust auf Zukunft haben“, sagte Oberbürgermeister Sven Liebhauser (CDU). Und Landrat Matthias Damm räumte ein, dass er mit dem umtriebigen Firmenchef, der sich auch als Präsident des Döbelner SC und der IHK Mittelsachsen „überobligatorisch“ engagiere, zwar nicht immer einer Meinung sei, aber seinen Einsatz außerordentlich schätze. Als „Held des Alltags“ verdiene Thomas Kolbe Respekt. Aber auch die Eltern Erika und Reinhard Kolbe würdigte der Landrat: „Eigentümer inhabergeführter Unternehmen müssen auf Gedeih und Verderb erfolgreich sein, während große Konzerne nur Geschäftsführer tauschen.“ Respekt habe er davor, dass beide das große Risiko der Reprivatisierung auf sich nahmen, „ohne zu wissen, wo es hingeht.“ Das aber weiß Reinhard Kolbe: „Lassen Sie sich nicht beirren von Zeitläufen, es geht immer weiter.“

Aus der Firmengeschichte

1869 gründen Heinrich Wilhelm Schmidt und Richard Handschuh an der Waldheimer Straße eine Blechklempnerei. Schmidt scheidet 1881 aus, Handschuh holt seinen Schwager Max Knobloch 1885 in die Firma.

Feine Haushaltswaren aus Blech wie Waagen und Ofenschirme werden hergestellt, ab 1900 auch Briefkästen.

1945 wird die Firma enteignet. Geführt wird die Firma von Magdalene Albrecht geb. Friedrich, die mit Walter Knobloch verlobt war. Weil dieser Ende des zweiten Weltkriegs fiel, erbt sie Geschäftsanteile. Ihr späterer Mann Ernst Albrecht ist ab 1952 Geschäftsführer. Die Enteignung wurde schnell aufgehoben, weil die Firma keine Rüstungsgüter produziert hatte. Statt Blechwaren stellte der Betrieb Hand- und Industriestaubsauger her.

Ab 1956 ist der Staat beteiligt.

1972 in der letzten Enteignungswelle wird die Firma zwangsverstaatlicht und später dem VEB Elektrowärme zugeordnet. Seitdem stellt sie Heizkörper her. Sie liefert Blechteile zu, fertigt Gehäuse für Bahnhofsuhren. Zuvor waren 1971 Erika Kolbe geb. Albrecht (ökonomische Leiterin) und ihr Mann Reinhard Kolbe als Assistent des Werkleiters ins Unternehmen eingetreten.

1990 die nächste Zäsur: Erika und Reinhard Kolbe reprivatisieren den Familienbetrieb, in dem bis 1994 noch die Treuhand mitredet. Die Neugründung erfolgte mit 17 Mitarbeitern. Ab 1991 werden Briefkästen hergestellt.

2002 der nächste Schock: Beim Augusthochwasser steht alles unter Wasser: Ware, Rohware, Werkzeuge, Maschinen.

Ab 2003 fertigt Max Knobloch Nf. an der Hermann-Otto-Schmidt-Straße im Gewerbegebiet Ost 1b, weitere Hallen kommen später hinzu. Ab 2002 ist Thomas Kolbe Geschäftsführer, nach Ausscheiden des Vaters 2017 alleiniger. Schwester Susanne leitet die Personalabteilung des Familienbetriebs.

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