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Feuilleton

Neo Rauch und der Fäkal-Skandal

Der Leipziger Künstler stellt einen seiner Kritiker als Maler dar, der mit Exkrementen pinselt. Der aber schlägt feinsinnig zurück.

Der Leipziger Neo Rauch (59), hier vor einem älteren Werk, ist einer der berühmtesten und meistverkauften deutschen Maler. Unlängst bezeichnete ihn ein Kunstwissenschaftler als „rechten Künstler“. Darüber ist Rauch so verärgert, dass er den Mann nun auf e
Der Leipziger Neo Rauch (59), hier vor einem älteren Werk, ist einer der berühmtesten und meistverkauften deutschen Maler. Unlängst bezeichnete ihn ein Kunstwissenschaftler als „rechten Künstler“. Darüber ist Rauch so verärgert, dass er den Mann nun auf e © Robert Michael (Archiv)

Irgendwann hatten die Maler der Renaissance genug davon, den Heiligen Hieronymus immer nur als einsamen Büßer und Beter im Wald darzustellen. Also verpflanzten sie den Einsiedler in die Stadt, setzten ihn an den Arbeitstisch eines Studierzimmers und ließen ihn zur Feder greifen. Seither werden Schriftsteller im Besonderen und Künstler im Allgemeinen gerne mit Heiligen verwechselt. Nachgerade in Deutschland, wo die enge Verschränkung von Dichtern und Denkern ein scheinbar sakrosankter Bestandteil des kulturellen Nationalerbes ist. 

Diese Überhöhung von Künstlern geht mitunter sehr weit. Etwa wenn die Aussagen von Schauspielern eines NS-Zeitgeschichtsdramas über ihren Film von vielen bewertet werden, als seien es Analysen renommierter Fachexperten. Und zieht ein US-Barde über Trump her, gelten diese persönlichen Ansichten gerne als universelle Wahrheiten – wenn sie zu den eigenen Überzeugungen passen.

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Keine Frage: Sehr viele Künstler setzen sich intensiv mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen auseinander, bevor sie diese in Romanen, Liedern, Bildern und Theaterstücken verarbeiten. Dass sie durch ihr vermehrtes Wissen allesamt automatisch klüger und aufgeklärter werden, ist hingegen nicht selbstverständlich. Das zeigt nun auch ein Skandälchen um Leipzigs Malerstar Neo Rauch.

Der, seit Jahren einer der weltweit bekanntesten und höchstbezahlten deutschen Künstler, hatte sich über den Text eines Kritikers der Wochenzeitung Die Zeit derart geärgert, dass er dem Blatt eine Replik in Form eines Gemäldes anbot. In der aktuellen Ausgabe ist es abgebildet: Der Kritiker sitzt in einer dunklen Dachkammer und – man muss die Drastik so drastisch benennen: scheißt in einen Eimer, tunkt seinen Pinsel dort hinein und malt mit seinen Exkrementen ein Strichmännchen, das den Hitlergruß zeigt. „Anbräuner“ nennt Rauch das Werk; so hat der nationalkonservative Schriftsteller Ernst Jünger in den Achtzigern liberale Kritiker bezeichnet, die ihn in seiner rechten Ecke verorteten, wie man heute sagen würde.

Diese Anspielung verweist auf Ursache und Motiv von Rauchs Zorn. Dessen Wut hatte ein Zeit-Text des nun von ihm als Fäkalmaler porträtierten Leipziger Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich hervorgerufen, dessen Initialen auf dem Bild zu sehen sind. Im Artikel hatte Ullrich auch Neo Rauch unter solche „rechts gesinnte(n) Künstler“ einsortiert, die heute „als letzte Verteidiger der Kunstfreiheit auftreten“. Sein Urteil stützte er unter anderem auf Äußerungen des Malers, der Analogien zwischen Bundesrepublik und DDR hergestellt, gegen die „Bagage der Blockwarte“ und „Gesinnungsschnüffler“ gewettert, öffentlich eine direkte Linie von der SED-Diktatur zu Kuratoren gezogen und diese als „Politkommissare“ bezeichnet hatte. 

Im Handelsblatt hatte Rauch schließlich den nationalkonservativ-systemkritischen Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp eine „Wiedergeburt“ des Hitler-Attentäters Graf Stauffenberg genannt. Was Ullrich mit dem logischen Rückschluss versah: Wer Tellkamp als Stauffenberg sieht, betrachtet die Bundesrepublik folglich als Diktatur. Neo Rauch hatte das auch eingesehen und sich nachträglich von diesem Vergleich distanziert.

Nun braucht es möglicherweise schon eine Portion guten respektive unguten Willens, um sowohl Rauchs künstlerischem Werk wie auch seinen Aussagen „rechte“ im Sinne von „rechtsradikale“ oder „rechtsextreme“ Tendenzen zu entlesen, noch dazu in einem Artikel mit der blut-und-boden-anspielungsreichen Überschrift „Auf dunkler Scholle“. Es ist auch kein Geheimnis, dass Wolfgang Ullrich sich mit einer gewissen Obsessivität schon länger an Rauch reibt, der in seinen Augen ein Schwulstproduzent und „Salonmaler“ ist. Aber dessen Retourkutsche in Öl unterschreitet eine Grenze, die aus der etablierten Kunstszene heraus schon lange nicht mehr mit einer solchen herabsetzenden Drastik verletzt wurde: die Gürtellinie.

Die war zwar für Jahrtausende kein Thema. Seit der Antike haben Künstler oder Dilettanten politische oder sonstwelche Gegner gerne mit Bilddarstellungen öffentlich diffamiert. Auch die politischen Karikaturen der Neuzeit, deren Boom der britische Maler William Hogarth im 18. Jahrhundert einläutete, gingen dabei gerne zünftig vor. Doch gerade nach den aggressiven bis offen gewaltfordernden Exzessen faschistischer und kommunistischer Karikaturen im 20. Jahrhundert hat sich dort ein gewisses Maß an Zivilisiertheit und Grundrespekt vor der Menschenwürde durchgesetzt, abgesehen von wenigen Satiremagazinen wie dem französischen Charlie Hebdo und der deutschen Titanic. Wenn etwa der Karikaturist Reinhold Löffler in seinem Buch „Ins Bild geschlichen“ Politiker wie Seehofer und Merkel neben anderen Prominenten in berühmte Kunstwerke hineinmogelt, tut er das nie auf ehr- oder würdeverletzende Weise.

Neo Rauch indes greift mit seinem Bild zurück in die Vollen. Herabwürdigender als beim Defäkieren kann man einen Menschen kaum darstellen und dessen Arbeit nicht lächerlicher machen, als wenn man ihn mit seiner „Scheiße“ Hitlergrüße beziehungsweise rechtsextreme Ansichten herbeifantasieren lässt. So nachvollziehbar der Rauch’sche Zorn ist: Wer die „argumentative“ und kommunikationskulturelle Latte derart niedrig hängt, bezeugt damit einen hohen Grad der Verletztheit ebenso wie ein eher mürbes Niveau in Sachen Souveränität und Anstand.

Sehr verletzt – sehr uncool

Wie regelrecht unklug die Nummer vielmehr war, verraten auch Umstand und Folgen ihrer Veröffentlichung. Die Zeit nämlich hat das Werk nur publiziert, nachdem Wolfgang Ullrich ausdrücklich zugestimmt hatte. Offenbar mit subtilen Hintergedanken. Denn im Text zum Schmähbild wird der Kunsthistoriker abschließend mit einer Bewertung zitiert, die Rauchs vehemente Attacke abfängt und bumerangmäßig auf den Künstler zurücklenkt: Das Bild sei ein „mentalitätsgeschichtlich nicht unwichtiges Werk“ – was freilich meinen dürfte, dass die vulgäre Aktion einiges über den Charakter des Künstlers aussage.

Überhaupt steht als finaler „Gewinner“ des Clinches nicht Rauch, sondern Ullrich da. Bestärkt die Angelegenheit doch eine seiner zentralen Thesen: Dass viele Künstler mit der Rolle, die ihnen in der Moderne zugeschrieben wird, arg überfordert sind.

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