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Neuer Blick auf Barlach

Das Rüstzeug für das über die populären Skulpturen reichende Werk hat der Künstler in Dresden erhalten – hier feiert man ihn groß.

Derzeit ist die Ausstellung zu Ehren von Ernst Barlachs 150. Geburtstag zu sehen.
Derzeit ist die Ausstellung zu Ehren von Ernst Barlachs 150. Geburtstag zu sehen. © Robert Michael/dpa

Da schlägt das Herz unwillkürlich schneller. Wer Plastiken von Ernst Heinrich Barlach gegenübertritt, der ist überwältigt: so virtuos reduziert und berührend sind sie gestaltet. Fehldeutungen der inneren Vorgänge dieser Figuren sind unmöglich. Der fröhliche „Singende Mann“ tut es, ebenso wie das bitter „Frierende Mädchen“, auch der Hunger des „Bettlers“ und das innige Gebet des Mönches rühren in ihrer Menschlichkeit sofort. Es ist moderne Kunst, die zeitlos versöhnt und tröstet. Und doch bleibt immer ein Geheimnis.

So geht es dem, der die Sonderschau der Staatlichen Kunstsammlungen im Dresdner Albertinum besucht. Anlass ist der 150. Geburtstag des multimedial arbeitenden Künstlers. Es ist die erste Retrospektive dieser Art in der Stadt, ein chronologischer Rundgang durch Leben und Werk. 

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Der Künstler Ernst Barlach, 1870-1938.
Der Künstler Ernst Barlach, 1870-1938. © Ernst Barlach Stiftung Güstrow

Beginnend mit einem „Brutus“-Kopfporträt nach Michelangelo, wie er dem jungen Mann an Hamburgs Kunstgewerbeschule als Vorlage diente, werden die Dresdner Studienzeit von 1891 bis 1894, Barlachs Verfemung in der Nazi-Zeit – trotz Andienungsversuch – und die verehrende Rezeption in beiden deutschen Staaten beleuchtet. Dank dieser Konzeption und opulenten 230 Exponaten – darunter Plastiken, Zeichnungen, Skizzenbücher, Drucke und literarische Werke – gelingt ein frischer Blick auf den vermeintlich bekannten Klassiker.

Mild-konservative Formensprache

Herzstück sind 30 Holzskulpturen. Barlach, der auch keramisch und als Medailleur tätig war, betrachtete sich zuallererst als Holzbildhauer. Zu Recht: „Die Hölzer zeigen den gewaltigen Unterschied an Biss und Präsenz, gegenüber den populären, später teils massenhaft gegossenen Bronzeplastiken“, sagt Karsten Müller vom Hauptleihgeber Barlach Haus Hamburg,

Wieder in Dresden zu sehen: Das „Frierende Mädchen“, 1916 entstanden, wurde 1937 von den Nazis als „entartet“ aus der Dresdner Skulpturensammlung beschlagnahmt. Die Plastik gehört heute zum Bestand des Ernst Barlach Hauses – Stiftung Hermann F. Reemtsma in Hamburg.
Wieder in Dresden zu sehen: Das „Frierende Mädchen“, 1916 entstanden, wurde 1937 von den Nazis als „entartet“ aus der Dresdner Skulpturensammlung beschlagnahmt. Die Plastik gehört heute zum Bestand des Ernst Barlach Hauses – Stiftung Hermann F. Reemtsma in Hamburg. © SKD
„Der Rächer“ – nur 44 Zentimeter groß. Barlach sagte über den Entwurf von 1914: „Er ist mir der christallisirte Krieg, der Sturm über Alles Hindernis.“
„Der Rächer“ – nur 44 Zentimeter groß. Barlach sagte über den Entwurf von 1914: „Er ist mir der christallisirte Krieg, der Sturm über Alles Hindernis.“ © SKD
„Der Asket“ von 1925 – trotz geschlossener Augen scheint es, als schaue er zum Heiland auf. War Barlach gläubig? Er selbst: „Ich bin viel Christ, viel Heide, viel Buddhist, viel, viel sonst. Nordisch, gespenstisch, hexensüchtig.“
„Der Asket“ von 1925 – trotz geschlossener Augen scheint es, als schaue er zum Heiland auf. War Barlach gläubig? Er selbst: „Ich bin viel Christ, viel Heide, viel Buddhist, viel, viel sonst. Nordisch, gespenstisch, hexensüchtig.“ © SKD
„Russisches Taschenbuch“ mit dem Antlitz eines Jünglings von 1906 – es zeigt, wie der Jugendstil Barlachs Frühwerk prägte.
„Russisches Taschenbuch“ mit dem Antlitz eines Jünglings von 1906 – es zeigt, wie der Jugendstil Barlachs Frühwerk prägte. © SKD

Erstmals im Fokus ist das Studium in Dresden als Meisterschüler des stadtbildprägenden Bildhauers Robert Diez. Es erweist sich als akademisches Sprungbrett. Das Durchlaufen der klassischen Ausbildung schärfte den Blick für die markante, mild-konservative Formensprache, zu der Barlach nach einer Russlandreise 1906 fand und ab 1908 genial in Holz umsetzte.

Wer von dieser Schau angefixt mehr von dem Expressionisten erfahren will, dem sei eine editorische Großleistung des Suhrkamp-Verlags empfohlen. 2.215 Briefe wurden neu aus den Originalen transkribiert und mit Kommentaren versehen, gar 395 erstmals veröffentlicht. Das Fazit: Der Briefschreiber war selbstbewusster Künstler und alleinerziehender Vater, war scharfsinniger Beobachter seiner Zeit und gefiel sich als einsamkeitssüchtiger Einsiedler. Er wird kenntlich als Mensch mit Emotionen.

Auch die Skulptur "Lesender Klosterschüler" ist ausgestellt.
Auch die Skulptur "Lesender Klosterschüler" ist ausgestellt. © Robert Michael/dpa

Dennoch gibt es Unerklärbares. Rund 100 „Hölzer“ hat Barlach geschaffen, Eiche, Nussbaum bis Mahagoni genutzt. Dennoch wirken „Rächer“ oder „Asket“ auf den ersten Blick wie Bronzen – wegen des lasurartigen Überzugs. Der bleibt, so Müller, nach bisheriger Analysen „eher rätselhaft“.

  • Ausstellung: Albertinum Dresden, bis 10. Januar, täglich außer montags, 11 – 17 Uhr, freitags bis 20 Uhr.
  • Barlach-Briefe: Kritische Ausgabe in vier Bänden. Suhrkamp, Gebunden, 2.986 Seiten, 98 €

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