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Großenhain

Nicht ohne meinen Charly

Für den Dobraer Sven Menzel ist Elektroroller fahren nicht nur ein Spaß – er leistet gute Dienste bei der Feuerwehr.

Sven Menzel mit seinem Charly-Elektroroller vorm Dobraer Feuerwehrgerätehaus.
Sven Menzel mit seinem Charly-Elektroroller vorm Dobraer Feuerwehrgerätehaus. ©  Kristin Richter

Charlys Doppelscheinwerfer erinnern an Roboteraugen. „Von vorn sieht er aus wie der Militärroboter ‚Nummer 5´ aus einem Hollywoodstreifen der 1980er Jahre“, sagt Sven Menzel lächelnd. Die vernunftbegabte Maschine entwickelt in dem Film ausgesprochen menschliche Eigenschaften. Bei Charly ist es umgekehrt. Sein Besitzer hat den kultigen Roller derart ins Herz geschlossen, dass er von ihm spricht wie von einem Kumpel. Sven Menzel kennt nicht nur die technischen Daten, sondern auch die Fahreigenschaften und die Historie des zweirädrigen Gefährts ganz genau.

Charly wurde 1993 in den Zschopauer Motorradwerken entwickelt – der Produktionsstätte der MZ-Kräder. Die Firma hatte gerade die Privatisierung durch die Treuhandanstalt und die erste Insolvenz hinter sich. Elektromobilität war in dieser Zeit noch ein Fremdwort. Obwohl die Neuentwicklung technisch ziemlich ausgereift daherkam, lief der Verkauf anfangs nur schleppend. Das lag auch am Preis – ein neuer Elektroroller kostete um die 2.000 Mark. Aber Charly überlebte. Seinen Absatz-Höhepunkt hatte das zweirädrige Gefährt Anfang des neuen Jahrtausends mit Stückzahlen von bis zu 600 im Monat. Etwa die Hälfte wurde in die USA geliefert. Im Jahr 2013 kam durch eine weitere Insolvenz das vorläufige Aus. Lediglich die Ersatzteilversorgung lief noch. Die dafür zuständige MuZ Vertriebs GmbH aber bekam so viele Kundenanfragen, dass sie sich 2016 entschloss, Charly neu aufleben zu lassen. Im ersten dreiviertel Jahr wurden bereits wieder über 100 Stück produziert und verkauft – neben dem eigentlichen Kerngeschäft der Firma, dem Handel mit Ersatzteilen.

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Sven Menzel hat seinen Charly vor zwei Jahren gekauft, einen gebrauchten der älteren Generation, der im Internet angeboten wurde. Der Dobraer suchte damals ein Fahrzeug für den Campingurlaub. Und der kleine Roller lässt sich so genial zusammenlegen, dass man ihn problemlos im Wohnmobil unterbekommt. „Letztes Jahr auf dem Zeltplatz in Schwarzkollm war Charly das absolute Highlight“, erzählt Menzel. „Alle Kinder wollten mal mit ihm fahren – bis der Akku runter war.“ Auch auf der Strandpromenade des Balaton-Sees in Ungarn hat das kultige Gefährt schon Aufsehen erregt. Und bei Fahrradausflügen, bei denen der Papa die Familie mit dem Roller anführt. Oder eben gemächlich hinterherfährt. Aber auch in seinem Wohnort Dobra sieht man Sven Menzel des Öfteren auf Charlys Trittbrett stehen. Zum Beispiel, wenn im Dorfgemeinschaftshaus eine Gemeinderatssitzung stattfindet. Oder wenn der Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr ansteht. Der Berufsfeuerwehrmann fungiert in seinem Heimatdorf als stellvertretender Wehrleiter und fährt die paar hundert Meter bis zum Gerätehaus und zurück gern mit dem Elektroroller.

Es ist wohl auch Menzels Vorliebe für Ost-Oldtimer, die ihn mit Charly zusammenbrachte. Zu seinem privaten Fahrzeugpark gehören neben dem Sachsen-Roller ein Simson SR-2, ein Skoda-Felicia und eine Touren-Awo. Alles grundsolide, geradezu bodenständige Mobile ohne überflüssigen Schnickschnack. Fährt der 42-Jährige damit an der Tankstelle vor, erntet er oft anerkennende Blicke und so mancher Kfz-Nostalgiker gerät bei ihrem Anblick ins Schwärmen. „Beim Ost-Kult-Treffen in Ponickau war meine Awo voriges Jahr die einzige ihres Typs“, sagt Sven Menzel. Entsprechend groß sei das Interesse der Oldtimer-Fans gewesen.

Der kleine Scooter aus dem Erzgebirge ist zwar noch zu jung, um als Oldtimer durchzugehen, aber er hat mit seinem kultigen Aussehen ganz sicher das Potenzial dazu. Charly-Piloten unterliegen noch nicht einmal der Helmpflicht. Allerdings brauchen sie einen Mopedführerschein und ein Versicherungskennzeichen, wenn sie mit Tempo 20 auf öffentlichen Straßen unterwegs sein wollen. Die einfache Handhabung und der kraftvolle Elektromotor machen Charly zu einem perfekten Begleiter auf dem Weg zum Bäcker oder zum Bankautomaten. Man muss das Rollerfahren also nicht den hippen Großstädtern überlassen. Es funktioniert auch prima in einem 300-Seelen-Dorf wie Dobra.