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Nieskys Wohnungsmarkt ist besser als der Görlitzer

Daran hat auch GWG-Chef Wilhelm Fischer Anteil. Im Herbst geht er in Rente. Die Suche nach seinem Nachfolger läuft bereits.

Nach 29 Jahren an der Spitze der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Niesky hört Wilhelm Fischer Ende Oktober auf. Im Laufe seiner Amtszeit wurden rund 58 Millionen Euro in die Modernisierung und Sanierung des Wohnungsbestandes der GWG investiert.
Nach 29 Jahren an der Spitze der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Niesky hört Wilhelm Fischer Ende Oktober auf. Im Laufe seiner Amtszeit wurden rund 58 Millionen Euro in die Modernisierung und Sanierung des Wohnungsbestandes der GWG investiert. © André Schulze

Ans Aufhören verschwendet Wilhelm Fischer derzeit nur dann einen Gedanken, wenn er darauf angesprochen wird. Die SZ hat das getan und den 65-Jährigen zu seinen fast drei Jahrzehnten als Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Niesky mbH (GWG) befragt.

Was war das für ein Gefühl, als Sie die Anzeige mit der Suche nach einem neuen Geschäftsführer für GWG und Bürgerhaus in der SZ gelesen haben?

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Ich habe das natürlich gewusst, aber ein bisschen komisch war es schon. Ich bin jetzt seit 1990 hier im Dienst und habe in dieser Zeit viele Höhen und Tiefen erlebt. Doch es stimmt: Am 31. Oktober ist Schluss. Dann bin ich fast 66. Manche machen sicherlich länger. Aber ich möchte den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen.

Können Sie sich noch an die Anfänge erinnern?

Natürlich. Ich war vor der Wende als Produktionsleiter im VEB Gebäudewirtschaft Niesky angestellt und damit zuständig für die Handwerker im Betrieb. Mit dem leider schon verstorbenen Joachim Ziegler habe ich die von der Stadt beschlossene GmbH-Gründung umgesetzt. Wir hatten damals eine Fülle von Aufgaben, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Zum Beispiel musste die Altschuldenfrage geklärt werden. Wir mussten herausfinden, welche Schulden welchen Häusern zuzuordnen waren. Dann ging es um die Mietanpassung – für die Menschen in den Wohnungen eine riesige Umstellung. Aber mit 60 DDR-Mark für eine Drei-Zimmer-Wohnung konnte man den Immobilienbestand nicht mehr bewirtschaften. Außerdem gab es einen riesigen Sanierungsstau. Und wir hatten Wartelisten, die so ohne Weiteres gar nicht abzuarbeiten waren. Wir mussten uns um Privatisierungen kümmern und um die Vermögenszuordnung. Dazu waren alle Grundstücke auf eventuelle Restitutionsansprüche zu prüfen. Insgesamt hatte die GWG damals rund 1 900 Wohnungen in ihrem Bestand, heute sind es noch etwa 1 400.

Welche Einzelprojekte sind Ihnen aus den Anfangsjahren noch besonders gut in Erinnerung?

Zum Beispiel haben wir fast alle Holzhäuser verkauft. Dazu mussten Wertermittlungen durchgeführt werden. Im Stadtrat wurde extra ein Privatisierungsausschuss gegründet. Wir mussten aber auch so schnell wie möglich eine gewisse Grundzufriedenheit bei den Mietern herstellen, also die Häuser grundsanieren und die Gewerbeimmobilien nach den aktuellen Erfordernissen umgestalten. Ein großes Projekt war damals die Umgestaltung des Ärztehauses in der Hausmannstraße. Dort waren kein zentraler Empfang und keine gemeinsame Telefonanlage mehr gefragt. Damit sich die Ärzte in ihrer eigenen Praxis niederlassen konnten, musste alles separiert werden. Das hat gut funktioniert, heute ist das Objekt voll ausgelastet.

Wie sehen Sie den Immobilienmarkt in Niesky generell? Ist er schwierig?

Das würde ich so nicht sagen. Die Ansprüche haben sich verändert. Heute kann man mit einem Standard aus den 1990er Jahren natürlich niemanden mehr begeistern. Heute geht es um Balkone und barrierefreies Wohnen. Ich denke, wir haben uns da in den vergangenen Jahren ordentlich bewegt. Der Leerstand in den GWG-Wohnungen liegt bei sechs bis sieben Prozent, weit unter den 13 Prozent des sächsischen Durchschnitts. Wenn man bedenkt, dass in diesen Wert auch Hotspots wie Dresden und Leipzig einfließen, wird deutlich, um wie viel höher der Leerstand auf dem Lande sonst sein muss. Wir haben natürlich ebenfalls beide Extreme in unserem Bestand: In der Schiller- und der Wachsmannstraße ist überhaupt nichts mehr frei, teilweise auch in der Innenstadt. Anders sieht das in den Fünfgeschossern an der Gottesackerallee und der Ringstraße aus.

Was macht Niesky als Wohnort so beliebt?

Niesky ist eine gewachsene Stadt, in der Monoindustrie keine so große Rolle spielt. Ich denke, die sogenannten weichen Faktoren spielen eine große Rolle: Radwege, Wasser, Wald. In Niesky werden viele Dinge sachlich geklärt, ohne einen großen Aufschrei zu produzieren. Die Leute schätzen, wenn es eine kontinuierliche Entwicklung gibt.

Es heißt, dass die Durchschnittsmiete in Niesky höher ist als in Görlitz.

Das kann durchaus sein. Wir haben hier mehr vermietete Wohnungen, der Leerstand ist geringer. Niesky, speziell die GWG, ist einfach besser aufgestellt. Ein Immobilienbesitzer ist ja nicht automatisch dann erfolgreich, wenn er alles verschleudert. Die Formel billig und nur wenige freie Wohnungen passt nicht zusammen.

Wo gibt es denn aktuell die höchste Nachfrage?

Bei Zwei-Zimmer-, aber auch bei Vier-Zimmer-Wohnungen. Ein Balkon ist dabei immer das wichtigste Argument. Fehlt der, guckt sich die Wohnung kaum einer an. In den Nachkriegsbauten an der Ecke Muskauer Straße zum Zinzendorfplatz haben wir deshalb überhaupt nichts mehr frei. Bei den Zweigeschossern in ruhigen Stadtvierteln führen wir bei Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen sogar Wartelisten. Individuelles Wohnen ist heute immer mehr gefragt. Da gehören natürlich auch Zusatzangebote wie Stellplatz, Fahrradgarage mit Lademöglichkeit fürs E-Bike oder Rollatorboxen dazu. Nur Wohnungen zu vermieten reicht nicht mehr aus.

Vor Jahren gab es Probleme mit den Kosten für die Unterkunft von Arbeitslosengeld II-Empfängern. Wie sieht das heute aus?

Das macht uns kein Kopfzerbrechen mehr. Die Zuschüsse sind in Ordnung. Das Klientel ist ja über fast ganz Niesky verteilt. Am Ende der Muskauer Straße haben wir eine etwas höhere Konzentration. Von den drei Häusern dort haben wir nur noch eins. Dort werden bald die Treppenhäuser und Elektroanlagen erneuert. Trotzdem bleibt es in diesem Gebäude bei dem preiswerten Segment, das wesentlich billiger ist als der sonst übliche Preis.

Wie ist die Situation bei den Gewerbeimmobilien?

Nicht ganz so positiv. Zuletzt schienen sich die Schließungen zu häufen. Vielleicht ging es uns in den letzten Jahren ein bisschen zu gut. In der GWG haben wir 87 Gewerbeeinheiten im Bestand – das sind Büros, Ladenlokale und Arztpraxen. Fünf davon stehen aktuell leer. Es gibt aber Interessenten und wir haben Angebote geschrieben. Wir vermieten sogar Schaufenster an Firmen, die sich präsentieren wollen. Damit zeigen wir: Hier passiert etwas.

Ein knappes Dreivierteljahr liegt noch vor Ihnen. Welche Vorhaben gibt es aktuell und in der nächsten Zeit?

Am Gebäude Zinzendorfplatz, Ecke Poststraße soll die Fassade erneuert werden. Die Ausschreibungen dazu laufen. Solche Instandsetzungen, auch bei Treppenhäusern, werden in den kommenden Jahren eine größere Rolle spielen. Das Thema Balkon und Heizung läuft dagegen allmählich aus. In der Schillerstraße 9-13 und in der Thomas-Mann-Straße 2 bauen wir aber noch einmal Balkone an. In größerer Zahl wird es perspektivisch sogenannte geringinvestive Modernisierungen geben. Dabei arbeiten wir unter anderem mit dem Programm für mobilitätseingeschränkte Menschen, bauen zum Beispiel bodengleiche Duschen ein.

Gibt es künftig noch Großprojekte?

Weniger als früher. In See müssen wir über die Zukunft des Wohnblocks am Brauweg entscheiden. Er ist noch gut belegt. Wir müssen herausfinden, ob Sanierung oder Abriss richtig ist. Entscheidend dafür ist natürlich auch die Finanzierung. Ein anderes Thema ist die alte Volkshochschule in der Ödernitzer Straße. Dort sind wir noch nicht Eigentümer, der Notarvertrag fehlt. In den nächsten vier Wochen sollte das aber geschehen sein. Danach wollen wir das Objekt noch 2019 abreißen. Stattdessen entstehen Ruheecken, Stellplätze, Fahrradgaragen – so unsere Vorstellungen.

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