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Die Dampferflotte ist eine „Ikone“

Die neuen Eigentümer setzen auf historische Schiffe und die Mitarbeiter. Es soll dennoch Änderungen geben.

Der neue Dampfer-Chef Robert Straubhaar winkt den Passagieren auf der Dresden zu.
Der neue Dampfer-Chef Robert Straubhaar winkt den Passagieren auf der Dresden zu. © Marion Doering

Eigentlich war es kein schöner Termin, ging es doch um das Ende der Sächsischen Dampfschiffahrt. Geschäftsführerin Karin Hildebrand stand am Rand– und sagte zunächst kein Wort. Ebenso wenig ihr Chef-Kollege Jeffrey Pötzsch. Es redete vor allem einer am Dienstagabend auf dem Salonschiff Gräfin Cosel, und an ihm lag es, dass dieser Tag am Ende doch noch zu einem guten wurde: Robert Straubhaar, der neue Chef der Dresdner Flotte. Der 59-Jährige hat gerade das gesamte Unternehmen übernommen.

Am Dienstagabend traf er zum ersten Mal die Mitarbeiter, die sich in den vergangenen drei Monaten Sorgen um ihre Arbeitsplätze gemacht haben. Lutz Peschel, Kapitän auf dem Dampfer Leipzig, war bei der ersten der zwei Vorstellungsrunden geladen. Schon nach einer knappen halben Stunde verließ er das Schiff, das Treffen war zu Ende. Unterm Arm gerollt hielt er ein dreiseitiges Schreiben: eine Information über den Übergang seiner Firma in das neue Unternehmen. Dazu gehörte auch ein Vordruck, den er binnen vier Wochen unterschrieben zurückschicken soll, wenn er bei der Flotte bleiben will.Keine Frage, Peschel unterschreibt. Schließlich will er weiter mit „seinem“ Dampfer auf der Elbe fahren. „Sehr sympathisch“, urteilte er danach über seinen neuen Chef, den 59-jährigen Schweizer. „Er bringt Erfahrung und Verbindungen mit.“ Peschel sieht einen Plan. „Die wissen, worum es geht.“

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Letzte Unterschriften am Dienstag

Bis zum Spätnachmittag hatten am Dienstag die alten und neuen Verantwortlichen der Flotte Termine bei Rechtsanwälten und Notaren. Am Ende mussten alle Verträge noch von den Insolvenzverwaltern Frank-Rüdiger Scheffler und Nils Freudenberg abgesegnet werden. Erst danach konnte sich Straubhaar als neuer Chef präsentieren. Auch Gerd-Rüdiger Degutsch hat ihm zugehört. Er ist Technikchef der Flotte, kennt alle Schiffe in- und auswendig. „Scheffler hat gesagt, wer nicht bei der Flotte bleiben will, landet wieder bei mir. Aber ich habe keine Arbeit für Sie.“ Auch für den Technikchef war da schon klar: Er bleibt bei der Flotte, die jetzt zwar noch Sächsische Dampfschiffahrt heißt, die aber künftig auch unter neuem Namen fahren könnte. Ob es diese Änderung braucht, hat Robert Straubhaar noch nicht entschieden.Entschieden ist aber, was aus der alten Chefin und dem Unternehmen wird. Karin Hildebrand geht in Rente, das hatte sie schon vor Monaten angekündigt. Mit ihrem Kollegen Jeffrey Pötzsch, der auch für die Catering-Firma Elbezeit zuständig war, soll in dieser Woche gesprochen werden. Die Sächsische Dampfschiffahrt GmbH & Co. KG soll abgewickelt werden. Insolvenzverwalter Scheffler rechnet damit, dass das drei bis vier Jahre dauern kann. Ist das erledigt, ist auch der Freistaat raus, der bisher in der GmbH die Mehrheit hatte.

Neuer Vertrag mit der Werft

Dann kann das Land nur noch mitreden, wenn es um die Pacht für die Flächen am Terrassenufer geht, die die Flotte für ihren Betrieb braucht. Der Preis dafür ist gestiegen, bestätigte Straubhaar am Mittwoch, er sei aber „angemessen“. Wie es mit dem Werftbetrieb weitergeht, ist dagegen noch offen. Das muss noch mit den Werftbesitzern der Firma Richert & Co. verhandelt werden. Auch sie waren im Rennen um die Übernahme der Flotte, am Ende aber zogen sie den Kürzeren gegen Straubhaars Unternehmen United Rivers.„Wir sehen uns nicht als Besserwisser, wir kommen als Freunde und die Musik spielt auch in Zukunft hier“, versichert der neue Chef. Er selbst und sein Mitarbeiter Stefan Bloch, der aus der Nähe von Kamenz stammt, werden künftig die Geschäfte führen. In Dresden soll dann eine „zweite Reihe“ für die täglichen Aufgaben zuständig sein, Straubhaar und Bloch kündigten allerdings an, öfter an die Elbe zu kommen. „Wir werden mehr Gäste nach Dresden bringen“, verspricht der neue Dampfereigentümer. Dabei setzt er vor allem auf seine Kontakte in die Reisebranche, die United Rivers unter anderem braucht, um Gäste für seine Flusskreuzfahrtschiffe zu gewinnen. Dazu gehört zum Beispiel das Kreuzfahrtschiff Frederic Chopin, das auch schon oft in Dresden war.

Der Neue: Robert Straubhaar und die jetzige Geschäftsführerin Karin Hildebrand
Der Neue: Robert Straubhaar und die jetzige Geschäftsführerin Karin Hildebrand © Marion Doering

Zwei Millionen Übernachtungen weist United Rivers für 2019 auf den Schiffen aus, die das Schweizer Unternehmen auf Rhein, Mosel, Main und Donau managt. Zum Vergleich: In Dresden übernachteten im vergangenen Jahr 4,7 Millionen Touristen und Geschäftsreisende. United Rivers ist ein Schwergewicht, und will sein Wissen und seine Kontakte nun nutzen, um die Zukunft der Dresdner Flotte zu sichern. „Wir sind keine Investoren, wir sind Schifffahrtsunternehmer“, versucht Straubhaar die Sorgen zu entkräften, es gehe ihm vor allem um hohe Gewinne. Ja, die Flotte solle wirtschaftlich arbeiten, denn „wir sind auch kein Sozialdienst“.Straubhaar setzt unter anderem auf seine Erfahrungen mit der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt, die er 2016 übernommen hat. „Da haben wir bis heute den Umsatz um 30 Prozent gesteigert, im Oktober nehmen wir einen Schiffsneubau in Betrieb“, so der neue Chef.

Seine Vorgängerin Karin Hildebrand kennt ihn schon lange, schließlich war sie beteiligt, als Straubhaar in das Unternehmen am Rhein eingestiegen ist. „Er hat damals dieses und jenes versprochen – und alles gehalten“, sagt sie über ihren Nachfolger an der Spitze der Dampferflotte. „Ich bin sehr froh, dass er übernimmt“, United Rivers habe „ganz andere Möglichkeiten“ als die Sächsische Dampfschiffahrt allein.

Vorteil Größe und Erfahrung

Damit spielt sie nicht nur darauf an, dass United Rivers aufgrund seiner Größe besser verhandeln kann, wenn es zum Beispiel um Dieselpreise und den Einkauf von Lebensmitteln und Getränke für die Schiffsgastronomie geht. Sie setzt auch auf die Erfahrung von Straubhaar und seinen Mitarbeitern. Der neue Chef wiederum lobt seine Vorgänger, sie hätten mit dem flexibleren Fahrplan für Niedrigwasser-Zeiten schon die richtigen Schritte gemacht. Die wolle er jetzt weitergehen. „Wir können Schiff, wir können Niedrigwasser“, sagt der neue Chef. Aber, um zu bestätigen, dass er ganz auf die Dresdner Mannschaft setzt, fügt er hinzu: „Dampfer können wir nicht.“ Das soll heißen: Er braucht die Kapitäne, Matrosen und Maschinisten, er braucht die Werftkollegen und die Gastromitarbeiter für den Betrieb der Elbeflotte.Und er will das Geschäft ausbauen. Mehr soll künftig gefahren werden, mehr Halte seien auch denkbar sagt Straub. Dazu will er bei Sonderfahrten aufstocken, wie es sie ebenfalls bereits gibt: Feiern, besondere Feste, Veranstaltungen, Treffen auf den Schiffen. Auch dann, wenn sie nicht fahren können, weil die Elbe zu viel oder zu wenig Wasser führt.

Dampfer-Freunde im GmbH-Beirat

Beim Erhalt und der Pflege der Dampfer setzt er ebenfalls auf die Stammmannschaft der Flotte. Und auf die neu gegründete Kulturerbe-GmbH. Sie soll einen Beirat bekommen, in der auch Platz sei für den Verein „Weiße Flotte Dresden – Freunde der Sächsischen Dampfschiffahrt“. Dieser Verein hat seit Wochen Geld gesammelt, um selbst als Bieter für die Übernahme der Flotte auftreten zu können. Er hatte letztlich keine Chance und hofft nun auf einen Sitz im Beirat der Kulturerbe-GmbH, den Straubhaar ihm schon im August in Aussicht gestellt hat. Es könnte ja sein, dass der Verein zum Beispiel gebraucht wird, wenn wieder einmal Geld gesammelt werden muss für die Flotte.Vorerst will Straubhaar aber weitermachen, wie es der aktuelle Fahrplan und der Veranstaltungskalender der Flotte vorgeben. „Respekt vor der Historie der Schiffe“ ist ihm dabei wichtig. Und er sagt noch einen Satz, der die Dresdner versöhnen könnte mit der Tatsache, dass die Schiffe nun einem Schweizer gehören: „Wir hätten nie gedacht, dass es möglich ist, eine solche Ikone zu erwerben.“

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