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„Was hast du denn für eine dunkle Stimme bekommen?“

Die Olympiasiegerin Rica Reinisch spricht über ihre Doping-Erfahrung und warum sie ihre Medaillen dennoch nie zurückgeben würde. Das große Exklusiv-Interview.

Die dreifache Olympiasiegerin Rica Reinisch im neuen Dresdner Schwimmsportkomplex. Sie blickt, trotz Doping-Erfahrungen, mit viel Freude auf ihre aktive Zeit zurück.
Die dreifache Olympiasiegerin Rica Reinisch im neuen Dresdner Schwimmsportkomplex. Sie blickt, trotz Doping-Erfahrungen, mit viel Freude auf ihre aktive Zeit zurück. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Lange ist sie nicht da gewesen. Als Rica Reinisch im Februar 2020 an ihre alte Wirkungsstätte in die Schwimmhalle an der Freiberger Straße in Dresden zurückkehrt, muss die dreifache Olympiasiegerin viele Hände schütteln. 

Als Neunjährige schwamm das schlaksige Talent von der BSG Fortschritt Großschönau beim großen Bezirkssportclub in Dresden vor, der Rest ist olympische Geschichte. 1980 in Moskau gewann Reinisch im Alter von 15 Jahren drei Goldmedaillen, jeweils in Weltrekordzeit – und beendete ein Jahr später ihre Karriere. 

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Die mittlerweile 55-Jährige, die in der Nähe von Aachen lebt, polarisiert, immer noch. Reinisch hat es als eine von wenigen erfolgreichen DDR-Sportlern gewagt, sich an der Doping-Aufarbeitung aktiv zu beteiligen. Schmerzhaft offen spricht sie über sich und andere. Das gefällt nicht jedem.

Das exklusive Interview 40 Jahre nach dem Olympia-Erfolg – über die Spiele von Moskau, eine exklusive Siegerparty, über Doping und ihr Leben danach.

Frau Reinisch, hatten Sie ein Schlüsselerlebnis auf dem Weg zu Olympia?

Das waren die Olympischen Spiele 1976 in Montreal. Wir saßen im proppevollen Fernsehraum des Internats – und schauten das 100-Meter-Rückenfinale der Damen an. Ulrike Richter, die tagtäglich im Training neben mir schwamm, schlug als Olympiasiegerin an. Davon war ich so fasziniert, dass ich so vor mich hin in den Fernsehraum gesprochen habe: „Ich werde auch Olympiasiegerin.“ Da wurde es ganz ruhig, die guckten mich alle an und lachten dann. Für mich war das überhaupt nicht nachvollziehbar, denn für mich ward mein Ziel geboren. Wissen Sie, was ich von diesem Moment an gemacht habe?

Bitte erzählen Sie.

Ich habe für mich allein nach den Trainingseinheiten immer noch drei, vier Wenden geübt oder Startsprünge. Die anderen haben gedacht: Die ist doch bescheuert, die Reinisch. Für mich war es aber eine Genugtuung, dass ich daran gearbeitet habe, was ich nicht konnte. Meine Eltern haben zum Glück nie Druck ausgeübt. Ich hatte ja riesiges Heimweh, und sie haben gesagt: Komm zurück, das ist kein Thema. Aber das wäre für mich eine Niederlage gewesen. Ich wollte nicht zurück nach Großschönau, ich wollte mich da durchboxen, war schon immer ein Kämpfer. Was nicht heißt, dass ich nicht einen Unsinn nach dem nächsten gebaut hätte. Im achten Schuljahr waren von den ursprünglich 33 Schwimmtalenten noch zwei übrig – Dirk Richter und ich.

Kurz vor Olympia noch eine Blinddarm-Operation

Wann war Ihnen bewusst: Ich kann mein Versprechen einlösen?

Die Erkenntnis kam schleichend, als ich 1979 ins Nationalteam berufen wurde. Da gewann ich im bulgarischen Sandanski bei den Jugend-Wettkämpfen der Freundschaft. Von diesem Moment an wusste ich, ich würde es schaffen. Ich hatte allerdings, das wissen die wenigsten, im April 1980 eine Blinddarm-Operation, keine Olympianorm – und trotzdem keinen Schiss. Ich konnte schnell wieder ins Training einsteigen, hatte aber nur eine Qualimöglichkeit im Mai bei der DDR-Meisterschaft. Dort schwamm ich Jahresweltbestzeit.

Sie waren als damals erst 15-Jährige bei Olympia in Moskau sicher gut abgeschirmt von der Öffentlichkeit.

Nein, gar nicht. Dazu kann ich eine schöne Geschichte erzählen. Ich war mit meiner engsten Freundin Ute Geweniger auf dem Zimmer, wir waren auch diejenigen, die regelmäßig aus der Reihe tanzten und die Nationalmannschaft aufmischten. Ute ist Doppel-Olympiasiegerin in Moskau geworden, und es gab für jeden Olympiasieg von DTSB-Boss Manfred Ewald eine Flasche Rotkäppchen-Sekt. Uns war klar: Die heben wir uns bis zum Schluss auf. Gesagt, getan. Wir sind nach dem letzten Wettkampf Arm in Arm mit fünf Flaschen durch das Olympische Dorf gezogen und auf einer riesigen Rasenfläche gelandet. Es versammelten sich immer mehr Leute aus anderen Nationen. Die brachten Whisky und Rotwein mit. Ich lag irgendwann in all dem Trubel im Schoß eines Franzosen, der mir mit seiner Gitarre ein Liedchen sang. Irgendwann stand, ich glaube, es war nachts halb zwei, Ewald höchstpersönlich in der Runde. Daran kann ich mich erinnern, aber nicht, wie ich auf mein Zimmer gekommen bin.

Rica Reinisch sitzt in der neuen Schwimmhalle Freiberger Straße auf einer Treppe, die von früher erhalten geblieben ist. Als 15-Jährige gewann sie 1980 bei Olympia dreimal Gold.
Rica Reinisch sitzt in der neuen Schwimmhalle Freiberger Straße auf einer Treppe, die von früher erhalten geblieben ist. Als 15-Jährige gewann sie 1980 bei Olympia dreimal Gold. ©  dpa/Robert Michael

Gab es eine Strafe für die Party-Nacht?

Man hat uns eine Prämie gestrichen. Anstatt für drei Olympiasiege habe ich nur die Prämie für zwei Goldmedaillen bekommen, Ute für eine. Ich meine, dass wir damals pro Olympiasieg 25.000 Ostmark erhalten haben.

Sie haben in Moskau zuerst mit der Lagenstaffel Gold gewonnen. Hat das für die Einzel bei Ihnen alle Fesseln gelöst?

Nein, ich wusste, dass ich gewinnen würde. Als ich zwölf oder 13 Jahre alt war, hatten wir in der Nationalmannschaft bereits eine Sportpsychologin von der DHfK Leipzig. Schon da stellte ich fest, dass ich ein spiritueller Mensch bin. Ich konnte mich gut in Situationen hineinversetzen, mich fallen lassen, in die Tunnel begeben, die ich brauchte. Das habe ich früh gelernt. Heute wird viel auf das staatlich verordnete Doping reduziert, das hervorragend organisierte DDR-Sportsystem wird oft ausgeblendet. Das macht mich sauer. Man musste über Grenzen gehen. Was meinen Sie, wie oft es vorgekommen ist, dass ich während des Trainings auf die Toilette bin, mich vor Überanstrengung übergeben musste und dann wieder ins Wasser gesprungen bin.

Sie sprechen verordnetes Doping an. Wurden Sie darauf reduziert?

Ich wurde teilweise über Social-Media-Kanäle angeschrieben, auch von ehemaligen Sportlern aus den USA, ob ich mal darüber nachgedacht hätte, meine Olympiamedaillen abzugeben. Nö, habe ich nicht – ganz simpel. Auch weil ich bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht definitiv wusste, dass ich als Minderjährige anabole Steroide verabreicht bekommen habe. Das war auch der einzige Grund, weshalb ich an die Öffentlichkeit gegangen bin. Mir ging es nie darum, Doping generell an den Pranger zu stellen. Alle über 18 Jahren mussten sowieso dafür unterschreiben.

Warum haben Sie sich so rigoros an der Doping-Aufarbeitung beteiligt?

Für unsere Sportler wurden immense Summen ausgegeben und ein wissenschaftliches System ausgeklügelt. Sport war der Export-Schlager der DDR. Dass sie uns wie Marionetten behandelt haben, sei jetzt mal dahingestellt. Für mich hat in der Aufarbeitung eine große Rolle gespielt, dass es nicht nur um physiologische Eingriffe ging, sondern auch um psychische. Vergabe von Anabolika geht in die Psyche, macht süchtig. Die sind, das machte mich so sauer, das Risiko eingegangen, sich Suchtkranke heranzuziehen. Ich hatte noch Glück, weil ich rechtzeitig aufgehört habe.

Der früheren Chorlehrerin fällt die tiefe Stimme auf

Einige frühere DDR-Trainer haben sich später darauf berufen, dass sie auch nur Ausführende gewesen sind. Was entgegnen Sie denen?

Ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich mit meinen Aussagen meinem Trainer Uwe Neumann bewusst Schaden zugefügt habe. Nee, habe ich nicht. Er und die Ärzte wussten genau, was diese Medikamente für Nebenwirkungen verursachen. Sie haben das um ihrer selbst willen trotzdem durchgezogen. Ich hätte mich gern mal mit ihm hingesetzt und mit ihm gesprochen, die Situationen aufzuarbeiten oder aus meiner Sicht darstellbar zu machen. Er ist aber nie an mich herangetreten. Es gab auch Trainer, die sich gegen die Vergabe von Doping gewehrt haben. Man hat immer eine Wahl.

Sie waren 14, als Ihnen Uwe Neumann in Dresden erstmals Oral-Turinabol verabreicht hat – als angebliches Vitamin. Wann und wie merkten Sie, dass etwas nicht stimmt?

An der Stimme. Ich war in der Grundschule immer im Chor – erste Stimme. Ich wollte mal Schlagersängerin werden. Bei einem Besuch in Großschönau stand ich im Laden an der Kasse, meine ehemalige Chorlehrerin Frau Kögler hinter mir. Ich sprach mit der Kassiererin. Da sagte sie hinter mir: Rica, bist du das? Was hast du denn für eine dunkle Stimme bekommen? Mir selbst ist das nicht aufgefallen, ich wurde von ihr erstmals damit konfrontiert. Dass ich dann unmittelbar nach Olympia einen Zusammenbruch des Immunsystems hatte, steht auch außer Frage. Ich konnte nur noch in Intervallen trainieren: 14 Tage krank, 14 Tage Training, ... Bis Charkow kam.

Was ist in dem Trainingslager in der heutigen Ukraine passiert?

Bei dem Lehrgang mit der Nationalmannschaft hatte ich zwei, drei Tage über 40 Grad Fieber, konnte nur noch gekrümmt liegen. Ich hatte eine chronische Eierstockentzündung – und das war ein akuter Schub. Die Unterleibsschmerzen waren wahnsinnig. Also wurde ich zurückgeflogen, in die Medizinische Akademie nach Dresden gebracht. Der Doktor hat meinen Eltern und mir mehr oder weniger durch die Blume gesagt: Wenn ich später noch Kinder haben möchte, sollte ich jetzt mit dem Hochleistungssport aufhören. Deutlicher konnte er nicht werden, sonst hätte er wohl seine Approbation verloren. Ich hatte einen riesigen Überschuss an männlichen Hormonen im Körper.

Sie sind seinem Rat gefolgt?

Sofort. Da war ich 16 und die beste Rückenschwimmerin der Welt. Aber ich war froh, dass der Mist endlich vorbei war. Ich musste noch schriftlich begründen, weshalb ich vom Hochleistungssport zurücktrete. Meine Mutter hat die Schwimmhalle zusammengebrüllt: „Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht?“ Das war Wahnsinn. Dabei ist sie sonst eine ganz Ruhige, dort ist sie aber ausgetickt.

Rica Reinisch ist ein aufgeschlossener, fröhlicher Mensch. Und die 55-Jährige hat mit der Vergangenheit ihren Frieden gemacht.
Rica Reinisch ist ein aufgeschlossener, fröhlicher Mensch. Und die 55-Jährige hat mit der Vergangenheit ihren Frieden gemacht. ©  dpa/Robert Michael

Mussten Sie eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben?

Interessante Frage. Mit Sicherheit, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich war froh, dass ich alles so abschließen konnte. Ich konnte, obwohl ich zurückgetreten war, meinen Abschluss an der Sportschule machen. Ich muss das noch einmal sagen: Die gesamte Organisation drumherum habe ich genossen. Dafür bin ich auch dankbar, auch dafür, dass ich diesen Sport erleben durfte. Das war etwas Schönes in meinem Leben und hat mich weitergebracht.

Ihr Trainer Uwe Neumann wurde 1999 wegen vorsätzlicher Körperverletzung durch Doping an Minderjährige zu einer Geldstrafe von 8.000 Mark verurteilt. Sind Sie noch wütend auf ihn?

Nö, gar nicht. Da bin ich ganz aufgeräumt. Das muss auch mal ein Ende haben. Sie haben uns ja gesagt, das sind unterstützende Mittel für die körperliche Regeneration, was ja nicht mal gelogen war. Ich wusste damals natürlich nicht, was unterstützende Mittel sind. Ich hatte noch nie etwas von Doping gehört. Spätestens, als ich diese chronische Eierstockentzündung bekam, hätte Neumann sehen müssen, dass etwas völlig aus dem Ruder läuft. Das wurmt mich noch, dass sie bewusst über Leichen gegangen wären. Dass sie in dem System selbst ein Stück weit auch gefangen waren, leuchtet mir ein. Die Entscheidung, da mitzumachen, muss jeder selbst fällen. Mir wurde aber letztlich die Möglichkeit genommen, herauszufinden, wie weit ich es in einem legalen Rahmen schaffe.

Als sie in die Krankenakte blickt, wird ihr vieles klar

Es heißt, Ihre Krankenakte von 1978 bis 1982 sei verschwunden. Woher wissen Sie das?

Wir wollten die einsehen, weil ich zwei Herzmuskelentzündungen hatte. Daraufhin haben wir von Aachen aus in Dresden angefragt, um die sportmedizinische Akte zu erhalten. Uns wurde gesagt, dass sie angeblich nicht mehr existiert. Die einzig verfügbare Akte lag in Berlin. Die hat mir 1992 Professor Werner Franke (Dopingforscher, Anm.d.A.) gezeigt. Ich glaube, er hatte sie bei der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität angefragt. Da stand exakt drin, wie viele Milliliter ich wovon bekommen hatte. Zum Glück vergleichsweise wenig, da gab es ganz andere Kaliber. Doch mir ist erst richtig bewusst geworden, was passiert ist. Ich war sofort bereit, die Sache aufzuarbeiten. Vorher wurde ich immer zu allen möglichen Sportbällen eingeladen, als alles öffentlich wurde, nicht mehr – hüben wie drüben. Mittlerweile werde ich wieder eingeladen, aber ich kann darauf verzichten.

Glauben Sie, dass in den Finals in Moskau alle Gegnerinnen gedopt waren?

Davon bin ich überzeugt. Alle haben mehr oder weniger dilettantisch manipuliert, nicht so staatsorganisiert wie bei uns. Ich weiß, dass es im heutigen Anti-Doping-Labor von Kreischa Untersuchungen an Sportlern gab. Unter anderem Muskelbiopsien, die für diejenigen die Versuchskaninchen waren, die letztlich ganz nach oben kamen. Da wurde am Menschen geforscht. Das zu wissen, hat mich sehr schockiert. Wir waren Versuchskaninchen. Die Versuche waren perfide und unmenschlich, gesundheitliche Schwierigkeiten und Schäden wurden einfach in Kauf genommen.

Fühlen Sie sich als Doping-Opfer?

Ich habe mich noch nie als Opfer gefühlt. Das würde voraussetzen, dass ich darauf angewiesen bin, ohne mein eigenes Ich durch das Leben zu gehen. Ich habe wunderbare Erinnerungen und habe auch meinen Frieden mit den Entwicklungen danach geschlossen. Im Nachgang erinnere ich mich an ganz viele schöne Sachen.

Warum tun sich erfolgreiche DDR-Sportler so schwer mit der eigenen möglichen Doping-Aufarbeitung?

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Man muss jeden selbst fragen. Ich denke, dass das individuell zu beurteilen ist. Eine große Rolle spielt meines Erachtens, dass sie befürchten, ihre Reputation zu verlieren. Das hat auch damit zu tun, wie man sich definiert. Ich habe mich zum Beispiel nie über meine Olympiasiege definiert, wohl aber über das, woraus sie entstanden sind. Ausdauer, Disziplin, Selbstwertgefühl – das sind auch alles Dinge, die ich in meiner Tätigkeit als Mentalcoach für Führungskräfte weitergeben kann. Ich vermittele humorvoll und dennoch sachlich, was diese von erfolgreichen Spitzensportlern übernehmen können.

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