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"Die Leute sind vogelfreundlicher"

Zwei Jahre lang haben Peter Kneis und andere Experten die Vogelbestände im Altkreis Riesa erfasst. Das Ergebnis fiel besser aus, als er erwartet hätte.

Das große Artensterben in Riesas Vogelwelt ist bisher ausgeblieben, sagt Peter Kneis. Allerdings gilt ein großer Teil der heimischen Vögel als gefährdet.
Das große Artensterben in Riesas Vogelwelt ist bisher ausgeblieben, sagt Peter Kneis. Allerdings gilt ein großer Teil der heimischen Vögel als gefährdet. © T. Horak/ pro natura Elbe-Röder

Riesa. Wie geht es eigentlich der  Vogelwelt im Altkreis Riesa? Um dieser Frage nachzugehen, waren Ornithologen aus der Region in den Jahren 2016 und 2017 regelmäßig auf Feld, Wald und in den Ortschaften unterwegs, um die Bestände zu erfassen. Mittlerweile haben die Vogelkundler die Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst. Die darin enthaltenen Erkenntnisse können für Naturschutzbehörden Grundlage sein, um etwa über Bauvorhaben zu entscheiden, erklärt Ornithologe Peter Kneis. Die SZ hat mit ihm gesprochen.  

Herr Kneis, zwei Jahre lang waren Sie und Ihre Kollegen im Altkreis Riesa unterwegs, um Vögel zu zählen. Wie sind Sie dabei vorgegangen? 

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Genau zählen kann man tatsächlich nur seltene und koloniebrütende Arten, die übrigen werden nach vorgegebenen Häufigkeitsklassen geschätzt. Wir haben dazu das Gebiet in 402 Kilometerquadrate eingeteilt. Jedes Quadrat sind wir von März bis Juli mindestens viermal vollständig begangen, auch nachts. Das ist übrigens ein sehr seltener Fall. Mir ist in Deutschland nur ein einziges anderes Gebiet bekannt, in dem Ornithologen so eine kleinteilige Rasterkartierung machen, das ist am Bodensee. 

Es klingt auch nach einer Menge Arbeit. 

So etwas ist nur in Teamarbeit zu schaffen. Die 21 beteiligten Kartierer haben jeweils möglichst die Kilometerquadrate nahe ihrer Wohnorte übernommen. Das hatte auch den Vorteil, dass die Anwohner die Leute oft schon kannten, die wegen der Zählung fragten, ob sie aufs Grundstück dürfen. Pro Kilometerquadrat waren wir am Ende bei etwa neun Stunden. Umgerechnet auf eine Person mit einem Acht-Stunden-Arbeitstag kämen wir da auf mehr als zwei Jahre. 

21 Vogel-Experten waren zwei Jahre lang im Altkreis Riesa unterwegs, um Arten zu zählen. Ornithologe Peter Kneis zeigt das Buch, das nun aus dieser Erhebung entstanden ist.
21 Vogel-Experten waren zwei Jahre lang im Altkreis Riesa unterwegs, um Arten zu zählen. Ornithologe Peter Kneis zeigt das Buch, das nun aus dieser Erhebung entstanden ist. © Sebastian Schultz

Nachdem es schon einmal eine Zwischenbilanz gab, liegen jetzt die Ergebnisse vor und es konnte mit den Zahlen von vor 25 Jahren verglichen werden. Was hat Sie daran überrascht? 

Eine echte Überraschung war, dass es den allgemeinen Niedergang, den man in großen Stil erwarten würde, so nicht gegeben hat. Insgesamt konnten wir 157 Brutvogelarten zählen, die regionale Vogelfauna ist also ziemlich artenreich. Wir haben damit auf zwei Prozent der Fläche Sachsens 84 Prozent der im Freistaat bekannten Brutvogelarten. Und das, obwohl zwei Drittel der Fläche im Altkreis landwirtschaftlich genutzt wird, deutlich mehr als im sächsischen Schnitt. Gleichzeitig haben wir in der Region deutlich weniger Wald als anderswo im Freistaat. 

Was ist der Grund für diese Vielfalt? 

Der Altkreis ist trotz der eben genannten Bedingungen ein vielfältiges Landschaftsmosaik im Übergang vom Hügel- zum Tiefland. Das Regionalklima ist trocken-warm und wintermild, das kommt den Vögeln entgegen. Hinzu kommt, dass die wertvollsten Teilflächen unter Naturschutz stehen: die Gohrischheide, die Seußlitzer Gründe und die Jahna-Auenwälder. Außerdem werden die Brutplätze besonders seltener Arten überwacht. Ich denke da an Weißstorch, Fischadler oder Wanderfalke. 

Nun sagt die Zahl vorhandener Arten ja aber noch nichts darüber aus, wie viele Exemplare es von einer Art auch gibt - und ob die sich erhalten kann. 

Das stimmt. Die Artenzahl ist nur der äußere Anschein. 50 der 157 Arten gelten als gefährdet. Schauen wir auf das Beispiel des Storchs. Wir wissen, dass in trockenen Jahren die Nachwuchszahlen nicht ausreichen, um die Population zu erhalten. Die sind dann auf Zuzug angewiesen. Auch bei den Rot- und Schwarzmilanen wissen wir, dass die Reproduktionszahl aus den vergangenen Jahren nicht ausreicht. 

Wie viele Vögel gibt es denn nun insgesamt im Altkreis? 

Wir haben rund 58.000 Brutpaare beziehungsweise Reviere erfasst. Die häufigsten Art ist der Haussperling, die Population liegt bei 4.400 bis 6.400 Paaren. Danach folgen Star, Kohlmeise, Amsel und Feldsperling. Aber ein Viertel der Arten ist mit weniger als zehn Paaren in der Region vertreten. Darunter sind seltene Arten wie Schwarzstorch, Uhu, Bienenfresser, Bartmeise und Wasseramsel.

Es kamen aber auch neue Arten hinzu. 

Ja, allen voran der Bienenfresser. Er gilt als ein Vorbote des Klimawandels. Mit Beginn der Kartierung hatten wir noch zwei Paare in der Region. Jetzt sind es schon zehn. Insgesamt sind gegenüber der erste Kartierung vor 25 Jahren insgesamt 17 Arten neu im Altkreis oder wieder da. Demgegenüber konnten wir 2016/17 drei Vogelarten nicht mehr nachweisen, die schon 25 Jahre zuvor sehr selten waren: die Krickente, den Rothalstaucher und den Wachtelkönig.  

Mehr Arten als 1990 - dann ist also alles nicht so schlimm? 

Es sind zwar 60 Prozent der Arten sogar häufiger geworden. Aber unsere Bilanz fällt je nach Lebensräumen sehr unterschiedlich aus.

Inwiefern?

Die Landwirtschaft wurde nach der Wende sehr stark intensiviert. Im Ergebnis sind fast alle Feldvogelarten heute viel seltener. Dafür haben wir ein allgemein stärkeres Gehölzwachstum, weil in aufgedüngter Landschaft Bäume schneller wachsen, aber auch, weil die Ortslagen heutzutage grüner sind. 

Einige Vögel weichen also in die Siedlungen aus. 

Genau. Das zeigt ein Blick auf die Verteilung der Arten im Landkreis. Wer in den Ortslagen, beispielsweise in Nünchritz, zurzeit nachts spazieren geht, der hört dann eben auch die Bettelrufe junger Waldohreulen. Die kommen mittlerweile in der Ortschaft besser zurecht. Andere Arten profitieren etwa davon, dass Flüsse und Bäche heute sauberer sind. Der Gänsesäger konnte deshalb seit den 1990er-Jahren flussabwärts wandern, im Altkreis brütet er wahrscheinlich seit vier Jahren. Die Bevölkerung ist aber auch insgesamt vogelfreundlicher geworden. 

Das können Sie für die Vogelwelt tun

Neben Landwirten, Gemeinden und Unternehmen kann auch jeder Einzelne für den Vogelschutz aktiv werden. Peter Kneis gibt einige Tipps. 

Das können Sie für die Vogelwelt tun

Nistmöglichkeiten schaffen: Wer Nistkästen anbringen will, sollte am besten auf einen Kletterschutz und Lochvorsatz achten, erklärt Kneis. So kommen Räuber nicht ans Gelege. Außerdem dienen Laubholzhecken als Nistmöglichkeit. Sie sollten in der Brutzeit nicht verschnitten werden. 

Das können Sie für die Vogelwelt tun

Gärten vogelfreundlich gestalten: Über viele Blüten freuen sich nicht nur Bienen, sondern auch andere Insekten - und damit auch Vögel. Damit die gefiederten Bewohner durchgängig Futter finden, sollten Gartenbesitzer am besten immer zeitversetzt mähen. Vogeltränken sollten relativ flach sein und über einen Ausstieg verfügen. Außerdem sollte das kühle Nass in der Nähe eines Gebüsches stehen. Möglichst deckungsnah, das gelte übrigens auch für die Winterfütterung, sagt der Ornithologe. 

Das können Sie für die Vogelwelt tun

Unfälle vermeiden: Viele Vögel erkennen das Glas nicht und können sich beim Anflug schwer verletzen - wie etwa vor einigen Jahren ein junger Schwarzspecht in Strehla.  Wer auf das Glas nicht verzichten will, sollte die Scheiben zumindest abkleben, damit Unfälle vermieden werden. Auf der Straße gilt: vom Gas gehen, wenn am Rand Vögel sitzen. 

Das können Sie für die Vogelwelt tun

Schwalben nisten lassen: Schmutz unter Schwalbennestern geht wohl manchem Hausbesitzer auf die Nerven. Abhilfe kann gegebenenfalls ein Kotbrettchen machen. "Da gibt es gute Beispiele im Internet", so Peter Kneis. 

Das können Sie für die Vogelwelt tun

Die Katze in Zaum halten: Vor allem Jungvögel sind leichte Opfer für die Stubentiger. Wem am Wohl der Vögel liegt, der sollte seine Hauskatze daher in der Brutzeit nicht ohne Aufsicht lassen. 

Das können Sie für die Vogelwelt tun

Jungvögel retten: Augenscheinlich zu früh ausgeflogene Vögel sollten Sie am Ort lassen und an eine erhöhte Stelle setzen, wo sie vor Räubern sicher sind. Wer sich nicht sicher ist, ob die Tiere weitere Hilfe brauchen, könne im Tierpark Riesa anrufen, der desöfteren verletzte Tiere aufpäppelt

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Wie meinen Sie das? 

Die Zahl der Nistkästen und Futterplätze hat zugenommen, es ist eine gewisse Grundeinstellung und ein Interesse da. Wir haben zu dem Thema auch regelmäßige Anfragen bei Pro Natura. Es gibt also viele Leute, die sich engagieren und recherchieren. Dank solcher Hinweise wissen wir zum Beispiel auch, dass der Wachtelkönig  offenbar wieder zurück ist. Anwohner aus der Nähe von Glaubitz haben uns darauf aufmerksam gemacht. 

Vogelkundler weisen immer wieder auf die besondere Rolle der Landwirtschaft hin, wenn es um die Vogelwelt geht. Auch der Blick in das Buch zeigt, dass sich die meisten Arten eher in Siedlungen, Naturschutzgebieten und entlang der Flüsse nachweisen ließen. 

Ja, insbesondere die schutzbedürftigen Arten konnten wir in erster Linie in Gohrischheide, Unterem Rödertal und Seußlitzer Elbhügelland nachweisen. Dagegen leistet derzeit fast die Hälfte der Fläche nur einen geringen oder gar keinen Beitrag zum Schutz gefährdeter Arten - vor allem die großen Agrargebiete. Wenn einfach weiter so gewirtschaftet würde, riskieren wir die biologisch-regionale Identität unserer Landschaft. In den letzten 25 Jahren sind die Bestände typischer "Agrarvögel" wie Rebhuhn, Kiebitz und Schafstelze drastisch auf ein Drittel geschrumpft. 

Tragen also die Landwirte die Schuld am Artensterben?

Nein, natürlich nicht. Das Offenhalten der Landschaft durch die Bewirtschaftung bildet überhaupt die Lebensgrundlage für viele Arten. Stallanlagen sichern mittlerweile zum Beispiel den größten Teil unseres Schwalbenbestandes, nachdem die individuelle Viehhaltung weitgehend verschwunden ist. Und ich kann Ihnen sagen: Der Bauer kennt die Vogelarten besser, als manch anderer, sie sind ihm auch nicht egal. 

Aber...? 

Aber es gibt drei Probleme: Es fehlt erstens in den meisten Agrargebieten an beständiger "grüner Infrastruktur". Die Vögel benötigen Hecken, Randstreifen und Raine als Rückzugsräume. Dass es geht, zeigen etwa die vom Elbe-Röder-Dreieck angeregten und die von der Grünen Liga in Hirschstein praktizierten Beispiele. Zweitens ist das  Zeitfenster zwischen den maschinellen Arbeitsgängen von März und Juli zu kurz für erfolgreiche Vogelbruten. Drittens ist die vollflächige Anwendung von Bioziden die Regel. Damit fehlt es den Vögeln an Nahrung, denn sie alle benötigen zur Aufzucht der Jungen kleine Kerbtiere wie Käfer, Spinnen und Heuschrecken. 

Wie lassen sich denn diese Probleme angehen? 

Agrarbetriebe müssten von sich aus oder mit fachlicher Beratung einen ausreichenden Flächenanteil vogelfreundlich behandeln und damit zu dieser Grünen Infrastruktur beitragen. 

Welcher Anteil wäre denn ausreichend? 

Ein Kilometer Hecke auf einem Quadratkilometer Feld, das ist der untere Fachstandard. Aber ich weiß, dass da aus Sicht der Landwirte viel dazu gehört. Sie müssen die Fläche zur Verfügung stellen, haben also weniger Acker zur Verfügung; dazu kommt ein erhöhter Pflegeaufwand. Da sind wir auch schnell bei der großen Politik. Derzeit gibt es EU-Förderungen für das sogenannte Greening, wenn fünf Prozent der Fläche ökologisch bewirtschaftet werden. Das reicht nicht, da muss für die nächste Förderperiode härter verhandelt werden. Vor Ort ist eher die Qualität ökologischer Vorrangflächen wichtig als ein agrarpolitisch ausgehandelter Flächenanteil.

Was kann noch für die Vögel getan werden? 

Es wäre schon ein Schritt, wenn beispielsweise die Elbwiesen erst nach der Brutzeit klein gehalten werden. Die Schafe treten sonst sozusagen in Konkurrenz zu den Arten, die diesen Lebensraum zum Nisten brauchen. Landwirte könnten ihr Grünland nach und nach mähen, statt in einem Rutsch. So finden viele Arten über einen längeren Zeitraum Futter. Ähnlich sieht es bei der Pflege von Straßenrändern aus. Wir als Pro Natura bieten dazu auch auf Anfrage Beratungen und Hilfestellungen an. 

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Das Buch "Wandel der Brutvogelfaune in der nordsächsischen Elbetalregion um Riesa in 25 Jahren im Raster von Quadratkilometern" umfasst ca. 270 Seiten und ist für etwa zehn Euro im Stadtmuseum Riesa oder direkt bei Pro Natura erhältlich. 

Das Gespräch führte Stefan Lehmann

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