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Coronavirus in Dresden: Sechs Wochen, die alles veränderten

Als eine halbe Ewigkeit empfinden viele die Corona-Krisenwochen. Was in den vergangenen eineinhalb Monaten in Dresden passiert ist.

Sechs Wochen liegen hinter den Dresdnern, seitdem das Virus in der Stadt erstmals nachgewiesen wurde. Wie viele Monate liegen noch vor uns?
Sechs Wochen liegen hinter den Dresdnern, seitdem das Virus in der Stadt erstmals nachgewiesen wurde. Wie viele Monate liegen noch vor uns? © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Eineinhalb Monate: In dieser kurzen Zeit hat sich das Leben in Dresden völlig verändert. Es war der 7. März, als Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) verkündete: Ja, in Dresden gibt es die ersten Corona-Fälle. Es handelte sich um ein Rentnerpaar, das aus einem Norditalien-Urlaub zurückgekehrt war und sich mit Erkältungssymptomen im Universitätsklinikum gemeldet hatte. Von diesem Tag an entwickelten sich die Dinge in rasantem Tempo.

Die Epidemie: Über 500 Infizierte und 5 Todesopfer

Mehr Tests, mehr aufgedeckte Infektionen? Mit einem "Corona-Sprung" rechnete Dresdens Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) im Gespräch mit Sächsische.de am 13. März, da gab es gerade einmal zwölf Fälle in der Stadt. Sie sollte recht behalten: Mit Eröffnung der Corona-Ambulanz am Dresdner Universitätsklinikum wurden mehr und mehr Infektionen entdeckt. 

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Zeitweise standen mehr als 100 Menschen vor dem Gebäude an der Fiedlerstraße, um sich testen zu lassen. So wurden am 19. März bereits 60 Infektionen nachgewiesen, genau eine Woche später bereits viermal so viele. Deutlicher flacher verläuft die Infektionskurve erst seit dem 4. April, also zwei Wochen, nachdem die Schulpflicht ausgesetzt wurde und viele Läden schließen mussten. 

Bis zu diesem Freitag zählte das Gesundheitsamt 508 Fälle, fünf Menschen starben an den Folgen der Infektion. Das ist rund ein Prozent aller Infizierten - deutlich weniger, als deutschlandweit gesehen. Auch innerhalb Sachsens zählt Dresden nicht zu den Hotspots. So gibt es je 100.000 Einwohner in Zwickau, dem Erzgebirgskreis, dem Landkreis Bautzen oder dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge weitaus mehr Infizierte als in der Landeshauptstadt. 

Zwei schwer erkrankte Covid-19-Patienten werden am 26. März in Klotzsche aus einem Militärflugzeug geholt. Ihnen soll in Sachsen das Leben gerettet werden.
Zwei schwer erkrankte Covid-19-Patienten werden am 26. März in Klotzsche aus einem Militärflugzeug geholt. Ihnen soll in Sachsen das Leben gerettet werden. © Jürgen Lösel

Nur ein Bruchteil der verfügbaren Intensivbetten mit der Möglichkeit einer künstlichen Beatmung sind hier belegt, sodass sich unter anderem das Städtische Klinikum und das Universitätsklinikum bereiterklärt haben, schwer erkrankte Covid-19-Patienten aus Italien und Frankreich zu behandeln. Das erste Flugzeug landete am 26. März mit zwei Patienten aus der Region Bergamo an Bord in Klotzsche.

Die Schließung Dresdens: Lockdown in zehn Tagen

Der Anfang vom Ende des öffentlichen Lebens begann am 12. März, also fünf Tage nach den ersten Corona-Fällen in der Landeshauptstadt. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat an diesem Tag alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern verboten. Semperoper-Aufführungen, Kulturpalast-Konzerte, Ostermesse - alles musste abgesagt werden.

Kleinere Veranstaltungen folgten nur einen Tag danach, am 13. März, als Dresden eine Anzeigepflicht  für Aktionen ab 100 Teilnehmern erließ. Fast keine konnte die Stadtverwaltung genehmigen, da in den meisten Fällen nicht genügend Abstand gewährleistet werden konnte. Auch Pegida darf seither nicht mehr demonstrieren. 

"Die Einschnitte für eine pulsierende Stadt wie Dresden sind natürlich nicht zu vernachlässigen", sagte Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) damals. "Aber die Gesundheit des Einzelnen geht vor und so begrüße ich diese einheitliche und klare Regelung für ganz Sachsen ausdrücklich."

Auch im Elbepark mussten die meisten Geschäfte schließen.
Auch im Elbepark mussten die meisten Geschäfte schließen. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Am 16. März ist schließlich die Schulpflicht ausgesetzt worden, zwei Tage später schlossen alle Schulen und Kitas, bis auf jene, in denen noch eine Notbetreuung angeboten wird. Die Schul-Schließungen kamen, als bereits ein Schüler am St. Benno-Gymnasium sowie mehrere Dresdner Kita-Kinder positiv getestet worden waren, so dass mehr als 1.000 Kinder zu Hause in Quarantäne mussten. 

Die tiefgreifendsten Veränderungen aber traten am 19. März in Kraft: 18-Uhr-Zapfenstreich für Bars und Kneipen, geschlossene Kinos, Diskotheken, Museen, Bibliotheken, Fitnessstudios, Spielplätze und Kirchen. 

Und als viele Dresdner glaubten, noch restriktiver könne das Leben nicht gestaltet werden, überraschte Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) am Abend des 20. März mit einer Allgemeinverfügung die Stadt: Er verhängte eine Ausgangsbeschränkung, die jeglichen Tritt vor die Tür nur noch dann gestattete, wenn es einen triftigen Grund gab - Einkäufe, Arztbesuche, der Weg zur Arbeit zum Beispiel. Auch, wer sich in größeren Gruppen treffen wollte, riskierte damit ein Bußgeld. Für die Kneipen in der Stadt bedeutete dies das vorläufige Aus. Nur wenige können es sich leisten, die Dresdner auf Bestellung zu beliefern.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Wenige Tage nach der Dresdner Allgemeinverfügung, am 22. März, zog der Ministerpräsident mit zwei verschärften Verfügungen für ganz Sachsen nach. Demnach durften Gaststätten fortan gar nicht mehr öffnen. Auch Friseuren ist es seit diesem Sonntag verboten, Haare zu scheiden, zu waschen und zu föhnen. Und am Tag darauf trat dann auch für ganz Sachsen eine Ausgangsbeschränkung und damit ein Kontaktverbot in Kraft, wobei erst ein Gericht feststellen musste, wie weit sich die Menschen vom Wohnhaus entfernen dürfen. Am 30. März wurde die Beschränkung bis zum Ende der Osterferien verlängert.

Nun, genau einen Monat nach der Schließung vieler Geschäfte, sollen die Regeln zumindest etwas gelockert werden. Das haben Bund und Länder am 15. April beschlossen.

So leer wie jetzt kennt man die Dresdner Neustadt nicht. Bars und Kneipen sind genauso dicht wie Geschäfte. Auch die BRN ist abgesagt worden.
So leer wie jetzt kennt man die Dresdner Neustadt nicht. Bars und Kneipen sind genauso dicht wie Geschäfte. Auch die BRN ist abgesagt worden. © Sven Ellger

Die Selbstdisziplin: Dresden bleibt zu Hause

Wie ruhig es in Dresden geworden ist, zeigen Bewegungsprofile von Handybesitzern, die das Unternehmen Teralytics anonymisiert ausgewertet und dem Spiegel zur Verfügung gestellt hat. Als "Reise" ist gezählt worden, wenn ein Handy eine Funkzelle verließ. Ob die Dresdner zu Fuß, mit Bus und Bahn, oder mit dem Auto unterwegs waren, spielte keine Rolle.

  • Vom 9. zum 16. März hat die Reiseaktivität in Dresden um 11 bis 14 Prozent abgenommen. Im Norden der Stadt waren die Einwohner tendenziell seltener unterwegs.
  • Noch deutlicher fallen die Unterschiede Ende März im Vergleich zum vergangenen Jahr aus. Am 28. März, ein Sonnabend, wurden im Vergleich zu einem durchschnittlichen März-Sonnabend 2019 zwischen 34 und 53 Prozent weniger Ausflüge gezählt. Besonders stark sank die Mobilität im Dresdner Osten sowie in der Neustadt, wie die Teralytics-Daten zeigen.
  • Zu Ostern hat der Bewegungsdrang der Dresdner spürbar zugenommen. Wurden am Oster-Sonnabend zwischen 24 und 47 Prozent weniger Reisen unternommen als im vergangenen Jahr um diese Zeit, so waren es am Ostersonntag nur noch zwischen 6 und 30 Prozent. 
Am Ostersonntag waren bereits wieder zählbar mehr Menschen in Dresden unterwegs, um das Wetter zu genießen - und die Freiheit, trotz Ausgangsbeschränkung.
Am Ostersonntag waren bereits wieder zählbar mehr Menschen in Dresden unterwegs, um das Wetter zu genießen - und die Freiheit, trotz Ausgangsbeschränkung. © Marion Doering

Die Hilferufe: Betriebe in Not, Tausende in Kurzarbeit

Ein oder zwei Monate ohne Umsätze? Für ein Café ist das ein riesiges Problem, sagt Eduardo Palomba, der auf der Rothenburger Straße in der Neustadt das "La Moka" mitbetreibt. Schließlich sei es so, dass in der Gastronomie nur geringe Überschüsse erwirtschaftet würden. Dieses Statement steht stellvertretend für Tausende Gastronomen, Händler, Hoteliers und Künstler in der Stadt, die ihre Geschäfte nicht mehr öffnen dürfen, keine Touristen mehr beherbergen können und nicht mehr vor Publikum auftreten sollen. Sie alle haben in den vergangenen Wochen Hilferufe in Richtung Politik geschickt. 

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Denn den Betrieben und Selbständigen geht das Geld aus. In Zahlen ausgedrückt: Allein in Ostsachsen ist bis Ende März für rund 10.200 Menschen Kurzarbeit angezeigt worden. Um Kleinstbetrieben, Freiberuflern und Selbstständigen über die Schließzeiten zu helfen, hat die Landeshauptstadt ein Soforthilfe-Programm aufgelegt. Jeder bekommt 1.000 Euro - geschenkt, entschied der Stadtrat am 25. März. Die dafür vorgesehenen fünf Millionen Euro reichten allerdings nicht, sodass das Geld im Topf verdoppelt werden musste. Darüber hinaus sind zahlreiche Hilfsaktionen gestartet worden, #ddvlokalhilft zum Beispiel. Dort erhalten Betriebe die Möglichkeit, sich kostenfrei vorzustellen. Händler haben außerdem die Möglichkeit, ihre Produkte über eine gemeinsame Plattform im Internet zu verkaufen. 

Die Stadt hat ebenfalls weitere Hilfsaktionen gestartet. In einer sind Künstler gebeten worden, Videos zu produzieren, um die Dresdner zu Hause zu unterhalten. Dafür bekommen die Künstler Geld. Inzwischen sind die ersten Beiträge im Internet zu sehen.

Die Stadt hat Unternehmen darüber hinaus angeboten, die Gewerbesteuer zu stunden. Gastronomen sollen außerdem nicht weiter pauschal für Tische und Stühle auf Gehwegen zahlen müssen. Zu den größeren Betrieben, die von der Corona-Krise betroffen sind, zählen unter anderem die Dampfschifffahrt, die ihren Betrieb eingestellt hat, sowie der Flughafen Dresden, auf dem keine Linienflugzeuge mehr starten oder landen.

Der Dresdner Flughafen ist quasi geschlossen. Derzeit starten und landen keine Linienflieger. Flüge müssen 24 Stunden im Voraus angemeldet werden. Die Airport-Gesellschaft hat Kurzarbeit für die Mitarbeiter bekanntgegeben.
Der Dresdner Flughafen ist quasi geschlossen. Derzeit starten und landen keine Linienflieger. Flüge müssen 24 Stunden im Voraus angemeldet werden. Die Airport-Gesellschaft hat Kurzarbeit für die Mitarbeiter bekanntgegeben. © Jürgen Lösel

Der Ausblick: Ein Sommer ohne Konzerte und Feste

Die Infektionszahlen geben es her, dass auch in Sachsen die Corona-Maßnahmen gelockert werden können. So dürfen kleinere Läden ab Montag wieder öffnen, ab 4. Mai auch Friseursalons. Nach und nach soll ab Mai auch in den Schulhäusern Leben einziehen. 

Trotzdem, das gesellschaftliche Leben wird noch sehr lange eingeschränkt bleiben, mindestens bis zum 31. August. So wird das Stadtfest nicht im Sommer stattfinden, auch die Bunte Republik Neustadt (BRN), die im Juni gefeiert werden sollte, ist abgesagt worden. Auch das Elbhangfest wird weichen und ausweichen auf September. Ersatzlos fällt das Dixieland-Festival aus, das im Mai eine große Jubiläumssause feiern wollte.

Darüber hinaus müssen sich alle Dresdner und Sachsen ab nächster Woche an neue Bilder beim Einkaufen und Bahnfahren gewöhnen. Ab Montag gilt im ganzen Freistaat eine Mundschutz-Pflicht beim Shoppen und Nutzen des Nahverkehrs. So behutsam wie möglich wolle man zur Normalität zurückkehren, um eine zweite, möglicherweise viel heftigere Infektionswelle zu verhindern, machte Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) in dieser Woche noch einmal deutlich. 

Wie viele Arbeitsplätze die Corona-Krise schlussendlich kosten wird, lässt sich derzeit nur schwer abschätzen. Arbeitsmarkt-Experten rechnen mit einer verzögerten Insolvenzwelle, da Finanzhilfen und Kurzarbeit viele Unternehmen derzeit über Wasser halten.

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