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Heftige Kritik an Schulöffnung in Dresden

Seit Mittwoch dürfen manche Dresdner Kinder wieder in die Schule. Für die meisten Grund zur Freude. Allerdings sind nicht alle von den Konzepten überzeugt.

Marco Angermann ist mit den Neuregelungen des Unterrichts an der Grundschule seinen Sohnes nicht einverstanden.
Marco Angermann ist mit den Neuregelungen des Unterrichts an der Grundschule seinen Sohnes nicht einverstanden. © Sven Ellger

Dresden.  Wieder mit anderen gemeinsam lernen, wieder nachfragen bei einer besonders verzwickten Aufgabe. Seit Mittwoch dürfen auch in Dresden neben den Vorabschlussklassen auch die Viertklässler an der Grundschulen wieder in ihre Schulgebäude. Normalität kehrt für sie damit allerdings noch lange nicht ein. Papa und Mama müssen draußen bleiben und der beste Freund kann lernt jetzt vielleicht in einem anderen Klassenzimmer statt an der selben Bank. 

Während viele Eltern froh sind, dass die Schulen wieder für den Nachwuchs offen stehen, kritisieren einige auch offen die gerade umgesetzten Regelungen. Marco Angermanns Sohn geht in die vierte Klasse der 6. Grundschule "Am Großen Garten". Den Neustart am Mittwoch hält er für einen Schnellschuss. Um die Auflagen zu erfüllen, wurden an der Grundschule aus den rund 70 Schülern zehn  bunt gemischte Gruppen gebildet. 

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"Die Kinder waren jetzt mehrere Wochen zu Hause, ohne Kontakt zu ihren Freunden", sagt Angermann. "Und jetzt werden sie in der Schule weiter von ihnen getrennt." Er frage sich, wem damit am Ende geholfen sei. "Warum hätten die Klassen nicht wenigstens geteilt werden können?", fragt er. So müssten sich die Kinder nun auf neue Lehrer, neue Mitschüler und neue Klassenräume einstellen und würden aus ihren Sozialverbänden herausgerissen.

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Ein anderer Vater, der seinen Namen nicht öffentlich machen möchte, pflichtet Angermann bei. "Die Kinder haben sich doch inzwischen an das Homeschooling gewöhnt", sagt er. "Die meisten Eltern sind immer noch zu Hause. Hätte man da nicht lieber noch warten können? Eine solche "halbe Sache" sei nicht notwendig gewesen, zumal die Entscheidungen über die künftigen Bildungswege der Viertklässler längst gefallen seien. "Ganz ehrlich, da würde mein Sohn zu Hause besser lernen."

Schulleiterin Verona Balać ist da anderer Meinung. "Solange die Schüler zu Hause nur stumm ihre Aufgaben bearbeiten, fehlt ihnen der kommunikative Teil", sagt sie. Deswegen habe sie die Viertklässler am ersten Tag auch sehr aufgeregt und sehr gespannt erlebt. "Der Start lief super", sagt sie. "Das Konzept scheint sich zu bewähren."

Die Wiederaufnahme des Unterrichts für Viertklässler begründete das Kultusministerium zuletzt damit, dass sie als die ältesten Schüler der Grundschule am ehesten Abstands- und Hygieneregeln einhalten können.

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Ebenfalls wieder in den Schulen waren am Mittwoch die 11. Klassen. "Es war sehr angenehm, wieder ein paar Schüler begrüßen zu können", so Frank Haubitz, Schulleiter vom Gymnasium Klotzsche. Er habe sie am Mittwochfrüh in der Aula begrüßt und Mundschutzmasken verteilt und alle Schüler über die Hygieneregeln belehrt. "Die Kurse sind in Gruppen aufgeteilt", sagt er.  Seine Schüler seien alle "sehr erfreut" gewesen nach so vielen Wochen wieder in die Schule zurückkehren zu dürfen. 

Das beobachtete auch Jens Reichel, Schulleiter am Gymnasium Bürgerwiese. "Die Kinder  haben sich extrem gefreut, wieder da zu sein." Nur an die Zeit früh um acht, müssten sich die meisten erst wieder gewöhnen,sagt er. Reichel hat seine 11. Klassen in Schichten aufgeteilt. Ein Teil komme von acht Uhr bis 12 Uhr, der anderen von mittags bis Nachmittags. "Diese Woche starten wir erstmal mit den Leistungskursen, aber kommende Woche sind auch alle anderen Grundkurse wieder dran", so Reichel.

Auch Martin Raschke, Chef des Dresdner Elternrates, begrüßt die Öffnung der Schulen am Mittwoch. "Es ist wichtig, dass wieder etwas Normalität einkehrt und die Familien entlastet werden." Grünen-Stadträtin Agnes Scharnetzky befürwortet den Schritt. "Je länger die Schulen geschlossen sind, desto größer wird die Bildungsungerechtigkeit." Nicht alle Familien können oder wollen ihre Kinder gut zu Hause fördern. 

"Es ist absolut notwendig, dass der Schulbetrieb schnell wieder startet - für alle Jahrgänge. Es ist mir unbegreiflich, wie man öffentlich derart intensiv über Gastronomieöffnungen diskutieren kann, während tausende Kinder noch immer keine Perspektive haben, wann sie wieder in die Schule gehen können", so SPD-Bildungsexpertin Dana Frohwieser. Es sei ein Irrglaube, dass alle Kinder im Homeschooling jetzt gut lernen würden. 

Jens Reichel aus dem Gymnasium Bürgerwiese will jetzt beobachten, wie sich die Situation in den nächsten Tagen entwickelt und wie die Maßnahmen umgesetzt werden. Er freut sich auf viele weitere Schüler, die irgendwann an die Schulbank zurückkehren dürfen.

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