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„Sender Wilsdruff war Stadt in der Stadt“

Die Riesenantenne soll abgerissen werden. Thomas Hirth bedauert das. Das hat nicht nur mit Heimatgefühlen zu tun. Er hat hier jahrelang gearbeitet.

Thomas Hirth vor dem Eingang des früheren Funkamtes Dresden in Wilsdruff. Er weiß auch, wie es innen aussieht.
Thomas Hirth vor dem Eingang des früheren Funkamtes Dresden in Wilsdruff. Er weiß auch, wie es innen aussieht. © Karl-Ludwig Oberthür

Mit Sorge blickt Thomas Hirth immer wieder mal zur Wilsdruffer Riesenantenne. Wie lange wird sie noch stehen? Bei ihm weckt der 153 Meter hohe Turm nicht nur Heimatgefühle. Der Wilsdruffer kennt das rot-weiße Stahlrohr auch aus nächster Nähe. Über viele Jahre hatte er als Funktechniker ganz in der Nähe dieser Antenne seinen Arbeitsplatz. Geplant war das nicht.

„Ich habe schon als Kind gern gebastelt, habe Lichterketten montiert, Radios und Verstärker gebaut“, erzählt der Wilsdruffer. Nach der Schule wollte er Rundfunkmechaniker werden. Doch dort, wo er lernen wollte, war keine Stelle mehr für ihn frei. Deshalb entschied er sich, Facharbeiter für Nachrichtentechnik zu werden.

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„Das ist wie Radio, nur andersherum“, sagt er mit einem Lächeln. Die zentrale Ausbildungsstätte für diesen Beruf war in Königs Wusterhausen bei Berlin. 1981 begann er die Lehre mit der Spezialisierung Funksendeanlagen. Seine Praktika absolvierte er am Wilsdruffer Mittelwellensender, der Anfang 1950er-Jahre oberhalb der Stadt entstanden war.

Technik, die begeistert: Blick auf den offenen Röhrenverstärker.
Technik, die begeistert: Blick auf den offenen Röhrenverstärker. © Thomas Morgenroth

„Das war wie eine Stadt in der Stadt“, erinnert sich Thomas Hirth. Die Anlage war autark, hier wurden Haustiere gehalten, es gab auch einen Konsum. Das Gelände war gesichert und von der Polizei bewacht. Der eigentliche Sender war nur ein Teil der Anlage. Diese bestand aus zwei Teilen.

Wer von Wilsdruff kam, erreichte zuerst das Funkamt Dresden. Hier saß die Verwaltung für die Sendeanlagen in den Bezirken Dresden, Cottbus und Karl-Marx-Stadt. Etwa 50 Mitarbeiter waren hier beschäftigt, so Hirth. Durch ein zweites Tor gelangte man zur Mittelwellensendeanlage, zu der der Sendemast, das Antennenhaus, Werkstätten und die Notstromversorgung gehörten. Es gab auch einen Sendesaal, erzählt Hirth. Der Name sei für viele vielleicht irreführend. In Wilsdruff wurden keine Radioprogramme produziert. Diese kamen via Kabel aus den Funkhäusern von Berlin, Dresden und anderen Städten.

Auf diesem Häuschen steht die 153 Meter hohe Riesenantenne.
Auf diesem Häuschen steht die 153 Meter hohe Riesenantenne. © Thomas Morgenroth

Dass dieses Areal gesondert abgesperrt war, hatte gute Gründe. „Ein Mittelwellensender arbeitet mit Hochspannung“, erklärt er. Deshalb musste man hier genau wissen, was man tat. Thomas Hirth lernte das von der Pike auf. „Die Ausbildung war topp“, sagt er. Deshalb blieb er nach der Lehre als Facharbeiter hier tätig, arbeitete im Vier-Schicht-Betrieb. „Unser Ziel war es, den Sender rund um die Uhr laufen zu lassen“, erzählt er.

Und das war gar nicht so einfach. Mittelwellentechnik ist einer hohen Belastungen ausgesetzt. Immer wieder fielen einzelnen Bauteile aus, mal eine Röhre, mal ein Kondensator. Die Techniker mussten schnell handeln und trotzdem vorsichtig sein. Denn die Geräte standen unter Hochspannung, die Röhren waren sehr heiß. Ein besonderer Tag war der Mittwoch. Am Vormittag wurde der Sender für einige Stunden abgestellt. „In der Sendepause haben wir die Technik gewartet“, erzählt Hirth.

Neben der alltäglichen Arbeit tüftelten die Techniker daran, wie Energie gespart werden konnte. Denn diese Sendeantenne verschlang wahnsinnig viel Strom. Diese Arbeit hat Thomas Hirth Spaß gemacht. Wie viele andere musste er sie unterbrechen, um seine eineinhalbjährige Armeezeit zu absolvieren. Nach der NVA-Zeit kehrte der junge Mann zurück, begann aber 1986 ein Studium an der Ingenieurschule der Deutschen Post in Leipzig. Zwischendurch arbeitete er immer wieder am Wilsdruffer Sender.

Pionier der Richtfunkanlagen

Mit der Wende änderte sich einiges in der Anlage, die zuerst von der Deutschen Bundespost und dann von der Telekom übernommen wurde. Das Funkamt wurde aufgelöst, die Mitarbeiter verließen die Anlage. Auch Thomas Hirth, inzwischen Ingenieur für Nachrichtentechnik, wechselte den Arbeitsplatz vom Sender in das Verwaltungsgebäude. „Meine neue Abteilung baute das Richtfunknetz auf.“ Hirth gehörte zu den Pionieren des Richtfunks in Sachsen.

Weil Erdkabel fehlten, wurden damit die Verbindungen zwischen den Fernmeldeämtern und Verteilerstationen geschaffen. Genutzt wurde die Technik, um das Telefonnetz aufzubauen und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogramme zu übertragen. Bis 2000 arbeitete Hirths Abteilung noch dort, dann wurde ihr Dienstsitz nach Dresden verlegt. Für seine Kollegen, die den Mittelwellensender nach der Wende weiter betrieben haben, war 2013 Schluss. Der Sender wurde abgeschaltet.

Das Interesse an der Anlage war bei den Tagen der offenen Tür sehr groß.
Das Interesse an der Anlage war bei den Tagen der offenen Tür sehr groß. © Erhardt Freund/Artur-Kühne-Verein

Hirth findet es nicht gut, wie die Telekom nach der Einstellung des Sendebetriebes agiert hat. Die Privatisierung der Anlage sei ein Fehler gewesen. Zwar wurden das Areal und die Technik zu einem Technischen Denkmal erklärt. Doch das ist faktisch nicht zugänglich. Deshalb ist eine Nutzung als Museum nicht möglich.

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Der Technikverein würde das gern aufbauen. Erste Gespräche dazu gab es auch. Allerdings müssten die fortgesetzt werden.

Hirth glaubt, dass man damit eine Chance vertan hat. Denn es gibt sie, die Fans historischer Rundfunktechnik. „Zu den Tagen der offenen Tür kamen Tausende Besucher“, erinnert er sich. Außerdem dürfe man nicht nur auf die Fans in Deutschland schauen. Die Technik hat in der ganzen Welt eine Anhängerschar. „Das ist wie mit Dampfloks. Doch hier geht es ums Dampfradio.“

Thomas Hirth freut sich, dass jetzt Unterschriften für den Erhalt der Antenne gesammelt werden. Vielleicht – so hofft er – kann die Politik noch etwas bewegen und Einfluss auf die Beteiligten nehmen.

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