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Sichert Tschechien die Sebnitzer Klinik?

Das Krankenhaus wäre leistungsfähiger, wenn es das Einzugsgebiet vergrößern könnte. Jetzt bietet sich eine Chance.

Die Sächsische-Schweiz-Klinik Sebnitz hat Kapazitäten für zusätzliche Patienten.
Die Sächsische-Schweiz-Klinik Sebnitz hat Kapazitäten für zusätzliche Patienten. © Dirk Zschiedrich

Das Krankenhaus in Sebnitz ist medizinisch gut aufgestellt. Die Perspektive der Klinik in einer Region mit schrumpfender Bevölkerungszahl ist aktuell allerdings schwieriger denn je. Das hat unter anderem damit zu tun, dass das Einzugsgebiet der Klinik an der nur einen Steinwurf entfernten Grenze zu Tschechien endet. Ärzte und Pflegepersonal aus dem Nachbarland werden zwar beschäftigt, seit vielen Jahren kämpfen die Klinik-Geschäftsführer aber vergebens darum, auch Patienten aus dem Nachbarland betreuen zu dürfen.

Nun stehen die Chancen dafür so gut wie noch nie. Denn auch auf tschechischer Seite verstärkt sich offenbar der Wunsch nach einer besseren Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Das hat nicht nur mit der schwierigen finanziellen Lage der Klinik in Rumburk zu tun (SZ berichtete). Im Juni war das parlamentarische Forum Mittel- und Osteuropa des Sächsischen Landtags zu Gesprächen in Prag. Koordinator für Tschechien ist dabei Jens Michel (CDU). In diesem Jahr hatte er extra den Botschafter Tschechiens in die Sächsische Schweiz geholt und auch die Generalkonsulin in Dresden. Die Verhandlungen sind mittlerweile weit fortgeschritten.

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Warum Tschechen zur Behandlung nach Sebnitz wollen

Für den Bürgermeister des Sebnitzer Nachbarorts Dolni Poustevna (Nieder Einsiedel), Robert Holec, macht eine gemeinsame Gesundheitsversorgung so oder so Sinn. „Wir sind in der Europäischen Union, zahlen Krankenversicherung und unsere Bürger haben es mit dem Bus fünf Minuten in das Sebnitzer Krankenhaus, wo wir genauso gut versorgt werden wie in unseren Krankenhäusern. Es ist das Logischste auf der Welt, dass wir dort behandelt werden können“, sagt Holec, der sich dafür nicht erst seit der Krise rund um das Krankenhaus in Rumburk stark macht. „Die Verhandlungen haben wir schon vor zwei Jahren aufgenommen.“ Die drohende Schließung der Rumburker Klinik verschärft die Lage aber noch einmal immens. „Ohne Rumburk ist das nächste tschechische Krankenhaus in Decin 50 Kilometer entfernt. Für Menschen ohne Auto ist das ein Tagesausflug“, sagt Holec. Das Krankenhaus im benachbarten Sebnitz sollte tschechischen Patienten nicht nur in Notfällen, sondern auch für Nachbehandlungen wie Kontrolluntersuchungen, Fädenziehen oder Verbandswechsel zur Verfügung stehen, wünscht sich Holec.

Wie die Kostenübernahme durch Krankenkassen geklärt werden muss

Die gegenseitige Vergütung für die grenzüberschreitende Notfallversorgung ist bereits per Staatsvertrag geregelt. Für die Regelversorgung gibt es jedoch ein Problem: Die tschechischen Krankenkassen zahlen nicht den gleichen Satz für Behandlungen wie die deutschen. Doch selbst wenn man sich auch für die Vergütung der Regelversorgung per Staatsvertrag einigen sollte, müsste zusätzlich per Gesetz eine allgemeingültige Regelung getroffen werden. Diese politische Entscheidung werde es noch diesen Monat geben, glaubt der Landtagsabgeordnete Jens Michel. Für Ende Juli ist ein Gespräch beim tschechischen Gesundheitsminister Adam Vojtech (parteilos) geplant. „Ich gehe davon aus, dass dann konkret die Situation im Grenzgebiet erörtert wird“, sagt Michel. Für Behandlungen beim Zahnarzt kommen jetzt schon viele Tschechen nach Sebnitz oder Bad Schandau. Das sind allerdings in der Regel Privatversicherte, die selbst die Zusatzkosten tragen.

Wie deutsche Behörden und Verbände reagieren

Die Öffnung für Leistungen im medizinischen Bereich muss für beide Seiten gleichermaßen gelten, deutschen Patienten stünde dann also auch der Weg nach Tschechien offen. „Die Sächsische Krankenhausgesellschaft ist über alle Entwicklungen informiert“, erklärt Michel. Auch von den Krankenkassen gebe es keine Widerstände. Beim Gespräch mit Tschechiens Botschafter in Deutschland, Tomas Jan Podivínský, erklärte Michel: „Wir sind bereit, wenn ihr wollt.“

Wie die Preisunterschiede für Gesundheitsleistungen bewertet werden

Patrick Hilbrenner, Geschäftsführer der Asklepios-Klinik in Sebnitz, kündigt eine dauerhafte Versorgung tschechischer Patienten durch seine Klinik noch in diesem Jahr an. Das heißt, Patienten aus den grenznahen tschechischen Gemeinden würden laut Hilbrenner ab Herbst in Sebnitz genauso behandelt wie deutsche Patienten – wenn denn die Übernahme der Kosten gesetzlich geregelt ist. „Der Unterschied in der Vergütung ist aber gar nicht so groß, was die Verhandlungen mit dem tschechischen Gesundheitsministerium und der größten Krankenversicherung VZP erleichtert“, erklärt Hilbrenner. Europaweit liege Deutschland bei den Kosten für stationäre Behandlungen eher im unteren Drittel. „Unser Vorteil ist zudem, dass wir bereits viele tschechische Ärzte und Krankenpfleger beschäftigen, die mit den Patienten in ihrer Sprache sprechen können.“

Der Landtagsabgeordnete Jens Michel traf sich im Mai zu Gesprächen mit der tschechischen Generalkonsulin Marketa Meissnerova. 
Der Landtagsabgeordnete Jens Michel traf sich im Mai zu Gesprächen mit der tschechischen Generalkonsulin Marketa Meissnerova.  © Daniel Schäfer

Sobald Sebnitz tschechische Patienten regulär aufnehmen könne, plant die Klinik für ihr nicht tschechisches Personal Sprachkurse. Die Kapazität für die Aufnahme zusätzlicher Patienten sei problemlos gegeben, so Hilbrenner. Der Klinik-Chef geht mit den tschechischen Patienten in Zukunft von 1 500 zusätzlichen Fällen jährlich aus. „Bei einer Verweildauer von durchschnittlich fünf Tagen wären das im Schnitt vier, fünf Patienten täglich“, sagt Hilbrenner.

Weshalb Niederösterreich ein gutes Vorbild ist

Die EU erprobt mit dem Projekt „Health-across“ eine Gesundheitsversorgung ohne Grenzen. Für die Städte Gmünd in Niederösterreich und Ceske Velenice in Südböhmen wurden ein Strukturvergleich und ein Dienstleistungsindex erstellt, Leitlinien erarbeitet sowie rechtliche und zollrelevante Fragen koordiniert. Die EU übernimmt im Projektzeitraum die Kostendifferenz.

Wie Sebnitz zum Meilenstein für Europa werden könnte

Beim „Healthacross“ geht es allerdings nur um bestimmte Leistungen. Die Regelversorgung für Sebnitz und den Schluckenauer Zipfel würde eine neue Dimension bedeuten. Optimistisch macht alle Beteiligten dabei, dass auch der Staatsvertrag beider Staaten für die Notfallversorgung von hier aus angeschoben wurde. Ausgangspunkt war der tragische Fall Fritzsche. Bei dem Notfall 2009 kurz hinter der Grenze auf tschechischem Gebiet wurde der Patient kilometerweit durchs Nachbarland gefahren, obwohl das Sebnitzer Krankenhaus schneller erreichbar gewesen wäre. Der Mann ist seit dem Unfall pflegebedürftig. Damals musste ein Patient noch in dem Land behandelt werden, in dem der Unfall passiert ist.

Was das Krankenhaus von tschechischen Patienten hat

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„Wir können nicht die tschechischen Probleme lösen, aber ein Angebot machen, das beiden Seiten hilft“, sagt Jens Michel. So würde zum einen der viel beschworene europäische Gedanke in eine konkrete, gute Tat umgesetzt. Zum anderen würde die Leistungsfähigkeit der Sebnitzer Klinik erhalten und gut bezahlte Arbeitsplätze in Sebnitz und in der Hohwald-Klinik wären gesichert. Kommentar

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