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Sigmar Gabriel und die Mär vom "Pack"

Wie der Auftritt des Vizekanzlers in Heidenau bis heute verdreht wird – und was Politiker aus der Geschichte lernen können.

Sigmar Gabriel, damals SPD-Chef Wirtschaftsminister und Vizekanzler, bei seinem Besuch der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau im August 2015.
Sigmar Gabriel, damals SPD-Chef Wirtschaftsminister und Vizekanzler, bei seinem Besuch der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau im August 2015. © Robert Michael

Ausgerechnet Sigmar Gabriel. Selbst seriöse Beobachter unterstellen ihm immer wieder, er habe Gegner der Flüchtlingspolitik als „Pack“ beschimpft – und damit zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen. Dabei gehörte der ehemalige SPD-Chef zu den ersten Politikern, die stets betont haben, man müsse die Sorgen und Ängste derer, die auf die Straße gehen, ernst nehmen.

Schon im Januar 2015 suchte er bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung in Dresden das Gespräch mit Pegida-Anhängern – und musste dafür Kritik aus der eigenen Partei einstecken. Und noch früher, im Jahr 2009, rief er bei einem SPD-Parteitag in Dresden in den Saal, die Sozen müssten endlich wieder dahin, „wo es laut ist, wo es brodelt, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt“.

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Genau das macht Gabriel, als er am 24. August 2015 nach Heidenau kommt, zwei Tage nach den gewalttätigen Krawallen gegen Flüchtlinge und Polizeibeamte. Der Vizekanzler besucht dort nicht nur das Flüchtlingslager auf einem Baumarktgelände, sondern kommt auch hier mit zornigen Bürgern ins Gespräch. Ausdrücklich betont er später in seiner Ansprache vor der Presse, was er aus diesen Gesprächen mitgenommen hat: „Dass es eben auch viele gibt, die Sorge haben, dass sich ihr Leben durch die Flüchtlinge verändert, dass sie glauben, dass es unsicherer würde, hier zu leben.“

Insgesamt elf Minuten dauert diese Ansprache, die Gabriel aus dem Stegreif hält. Man kann sie noch auf Youtube finden. Dabei fällt auch das berühmt-berüchtigte „Pack“-Zitat. „Was wir auch tun müssen, ist dafür sorgen, dass Klarheit ist: Kein Millimeter diesem rechtsradikalen Mob. Bei uns zu Hause würde man sagen: Das ist Pack, was sich hier rumgetrieben hat.“ Gabriel stellt unmissverständlich klar, dass er damit nicht Flüchtlingsgegner und Demonstranten allgemein anspricht, sondern gemeint ist, „wer hier Parolen brüllt, Brandsätze schmeißt, Steine schmeißt, im Internet dazu auffordert, Leute umzubringen oder körperlich zu verletzen“.

Er fügt sogar noch distanzierend hinzu, der Begriff „Pack“ sei „vielleicht nicht so distinguished, wie wir sonst in der Politik reden“. Aber es ist dieses markante Wort, das dann durch die Medien geht. Als zwei Tage später auch Kanzlerin Angela Merkel nach Heidenau kommt, skandiert die Menge bereits: „Wir sind das Pack!“

"Pöbel", "Arschlöcher", "Covidioten"

Diese Verdrehung des Zitats hat es in den folgenden Jahren ebenfalls in viele Medien geschafft: Eine Journalistin der Zeit behauptete bald darauf, Gabriel habe „Anhänger von Pegida“ als „Pack“ tituliert. Der Spiegel schrieb später, Gabriel habe in Heidenau das „demonstrierende ,Pack‘ “ verurteilt. Die Süddeutsche Zeitung formulierte einmal, Gabriel habe „rechte Demonstranten als ,Pack‘ bezeichnet“. So ging Sigmar Gabriel ein in die Geschichte von Politikern, die das Volk – oder Teile davon – beschimpft haben.

Der damalige Grünen-Parteichef Cem Özdemir nannte Pegida-Demonstrationen in Dresden eine „komische Mischpoke“. Joachim Gauck, seinerzeit Bundespräsident, sprach im Zusammenhang mit Attacken auf Asylbewerberunterkünfte von „Dunkeldeutschland“. Michael Kretschmer, heute Ministerpräsident, damals sächsischer CDU-Generalsekretär, sagte 2015: „Wenn Arschlöcher anfangen, Brandsätze in die Unterkunft zu werfen, wird mir schlecht.“ Wenige Tage später bedauerte er diese Wortwahl.

Schon lange vor Pegida griffen Politiker immer wieder mal zur verbalen Keule. Altkanzler Helmut Schmidt sagte 2003 in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung, das Jammern mancher ostdeutscher Rentner, obwohl diese hier teilweise höhere Renten bekämen als Westdeutsche, finde er „zum Kotzen“. Kanzler Helmut Kohl wurde 1991 in Halle mit Eiern beworfen und sprach danach von einem „transportablen Pöbelhaufen“. Ganz aktuelles Beispiel: Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken belegte Teilnehmer der Demonstration gegen die Corona-Politik in Berlin Anfang August mit dem spöttischen Kunstwort „Covidioten“, weil diese Abstands- und Hygieneauflagen missachtet hatten.

Auch wenn die Beispiele zahlreich sind, so zeigen sie doch: Dass demokratische Politiker bestimmte Volksgruppen mit Schimpfwörtern belegen, bleibt die Ausnahme – und gerade deshalb meist lange im Gedächtnis. In Diktaturen hingegen ist es eine gängige Methode der Machthaber, Protestbewegungen zu diffamieren. Der belarussische Präsident Lukaschenko stellt die Demonstranten, die gerade gegen gefälschte Wahlen protestieren, als Kriminelle und Arbeitslose dar. In der DDR wurden 1989 jene, die auf die Straße gingen, offiziell als „Rowdys“ und „verfassungsfeindliche Zusammenrottungen“ verunglimpft, auch in der Sächsischen Zeitung, die damals ein SED-Organ war. Schon zur Zeit der Französischen Revolution wurden die Aufständischen als „Kanaille“ und „Pöbel“ beleidigt.

Aufstand der Anständigen

Aus der ganzen Geschichte lässt sich deshalb die Lehre ziehen, dass der Gebrauch von Schimpfwörtern gegenüber Demonstranten aller Art für demokratische Politiker in der Regel nach hinten losgeht: Historisch gesehen können sich die Beschimpften dann nämlich in die Tradition bürgerlicher Aufstände gestellt sehen. Genauso ist das 2015 auch in Heidenau passiert, als das von Gabriel ganz anders adressierte „Pack“ von den Pegida-Anhängern dankbar angenommen wurde.

Es ist ein alter, schon aus der Antike bekannter Trick, durch Schmähung des Gegners die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren. Sigmar Gabriel hat das versucht, indem er dem gewalttätigen „Pack“ und dem rechtsradikalen „Mob“ die gesellschaftliche Mitte und einen „Aufstand der Anständigen“ gegenüberstellte. Zu einem gewissen Grad mag das auch funktioniert haben. Gabriel hat für sein „Pack“-Zitat ja auch durchaus Beifall bekommen. Doch letztlich hat es wohl mehr dazu beigetragen, diejenigen noch mehr anzustacheln, die soziale oder freiheitliche Werte verachten.

So lässt auch dieser Fall nur ein Fazit zu: Ein kluger demokratischer Politiker soll sich zusammenreißen, und zwar immer und überall – auch wenn’s manchmal verdammt schwerfällt.

  • Dem fünfjährigen Jubiläum von Angela Merkels inzwischen berühmten Ausspruch "Wir schaffen das", widmet sächsische.de eine Serie: Wir schaffen das - fünf Jahre danach. Wie geht es Flüchtlingen in Sachsen? Was läuft immer noch falsch? Und: Haben wir es geschafft?

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