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Wie ein Kamenzer Anwalt zum Blutbad-Prozess kam

Maik Weise vertrat jetzt einen Nebenkläger in einem aufsehenerregenden Mordprozess in Baden-Württemberg. Der Täter hat Wurzeln in der Region.

Maik Weise hat in Kamenz eine Rechtsanwaltskanzlei - mit solch spektakulären Fällen wie dem Sechsfach-Mord von Rot am See aber höchst selten zu tun.
Maik Weise hat in Kamenz eine Rechtsanwaltskanzlei - mit solch spektakulären Fällen wie dem Sechsfach-Mord von Rot am See aber höchst selten zu tun. © Matthias Schumann

Kamenz / Rot am See. Drei Wochen ist das Urteil her. Drei Wochen, in denen  sich der Kamenzer Rechtsanwalt Maik Weise noch immer Fragen stellt. Auch im Nachgang klingt die Geschichte in ihm persönlich nach. Eine Geschichte, die im Januar 2020 ganz Deutschland erschütterte - und vor Kurzem in einen Mordprozess mündete. Maik Weise vertrat als Anwalt den Großvater des Mörders, neben drei Rechtsanwältinnen, die weitere Nebenkläger vertraten. Der Täter: ein junger Mann, der die gezielte Tötung von insgesamt sechs seiner Familienangehörigen gestand.

Was hatte sich zugetragen? Der damals noch 26-Jährige erschoss am 24. Januar im 5.000-Seelen-Ort Rot am See in Baden-Württemberg seine Eltern, einen Onkel, eine Tante und zwei Stiefgeschwister. Zwei weitere Verwandte wurden schwer verletzt. Das Familiendrama ging durch Presse, Funk und Fernsehen.

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Wie kam der Kamenzer Anwalt  zu diesem Fall? "Die Opferhilfe Weißer Ring hatte sich an mich gewandt. Man suchte einen Rechtsanwalt, der die Interessen eines engen Familienangehörigen vertritt", erzählt der 52-Jährige. Da der Großvater des Täters aus Schwepnitz stammte, kam man auf ihn zu. "Ich hatte in den Vorjahren schon einige Male Kontakt zum Weißen Ring gehabt. Alles andere war eher Zufall."

Großvater verliert vier Angehörige

Bei dem blutigen Familiendrama in Rot am See starben Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkel des Schwepnitzers. "Bei solchen extremen Belastungen wird Angehörigen vom Staat jemand zur Seite gestellt, ein Anwalt eingeschaltet beziehungsweise die Möglichkeit gegeben, dass man als Nebenkläger auftritt. Dies hilft oft, Verlust und Schmerz zu verarbeiten", weiß Maik Weise. Auch bei dem 82-Jährigen aus Schwepnitz sei das so gewesen. Er habe Antworten finden wollen auf das Unbegreifliche. 

"Ich habe mich kurz nach der Tat mit ihm in Verbindung gesetzt, und wir sprachen über die Möglichkeiten. Er hatte die freie Wahl, ob er die Nebenklage möchte. Im März  übertrug er mir dann sein Mandat", so der Kamenzer.  "So einen Fall bekommt man freilich bei uns auf dem flachen Land nicht oft auf den Tisch", sagt er. Familienstreitigkeiten, Probleme mit dem Mietrecht, eher Bagatellsachen der unterschiedlichsten Art beschäftigen die Kanzlei sonst.  

Wahnvorstellungen und Hass auf die Mutter

Maik Weise nahm sich der Sache an, arbeitete sich in den Fall ein. "Ich gebe zu, dass ich vorher nur nebenbei davon gehört hatte. Rot am See ist weit weg." Dass es eine Verbindung in die  Westlausitz gibt, wussten anfangs nur wenige. Die Geschichte der grausigen Bluttat ist haarsträubend. Vorbereitet wurde sie von Adrian S. seit mindestens drei Jahren. Dies gestand er während des Prozesses in allen Einzelheiten. 

Der Täter sagte zu Beginn der Verhandlung umfangreich aus. Seine Mutter habe ihn seit der Kindheit vergiften wollen - mit weiblichen Hormonen. Sie habe lieber ein Mädchen haben und ihn später zu einer Geschlechtsumwandlung überreden wollen, so seine wahnwitzigen Aussagen. In einem Schreiben, das  er vor dem Familiendrama verfasst hatte, bezeichnet er sie  als Monster, das getötet werden müsse. Ebenso Vater und Schwester -  als "Brut" und "Diener" der Mutter. Dass Onkel, Tante und sein Bruder auch sterben mussten, war Zufall. Sie hielten sich alle zur Tatzeit mit im väterlichen Gasthof auf. Und waren einfach im Weg.

War das Blutbad in Schwepnitz geplant?

Adrian S. war Zeit seines Lebens ein Eigenbrötler und Stubenhocker, zockte viel am  PC. Mit einem Abitur-Durchschnitt von 1,8 verfügte er über Intelligenz. Er studierte ein paar Semester Maschinenbau und BWL, vertuschte jedoch sein Scheitern. Als die Mutter ihn nicht mehr im vollen Umfang unterstützte, verschärfte sich die Situation. Wochenlang hörte er das Telefon des Vaters ab, ernährte sich  zum Schluss nur noch von Milch. Dazu kam, dass die Oma im fernen Schwepnitz starb, und die Familie sich bald auf der Trauerfeier sehen sollte. Auch von Erbschaftsregelungen war die Rede. Doch zum Treffen kam es nicht - einen Tag vorher nahm das Drama in Rot am See seinen Lauf. 

"Wir können froh sein, dass sich das Blutbad nicht hier ereignet hat. Adrian S. war Tage vorher in Schwepnitz, besichtigte Trauerhalle und Friedhof, reservierte ein Hotelzimmer in Dresden vom 24. zum 25. Januar, stellte sich später heraus", sagt Maik Weise. Doch dann musste er noch einmal nach Hause. Auf dem Rückweg von Schwepnitz kaufte er unterwegs eine halbautomatische Pistole mit 350 Schuss Munition. Als eingetragener Schütze  war das möglich. Sechs Menschen starben kurz darauf, weil die Situation auf dem väterlichen Hof eskalierte.

Urteil für die Angehörigen schwer zu ertragen

"Wir waren vier Anwälte der Nebenklage und haben beim Prozess 14 Tage intensiv miteinander verbracht", so Maik Weise. Nach sieben Verhandlungstagen wurde am 10. Juli das Urteil verkündet. Das Landgericht Ellwangen verhängte eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren wegen Mordes und versuchten Mordes und ordnete die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Doch warum gab es nicht lebenslänglich? "Ein Gutachter diagnostizierte Adrian S. Wahnvorstellungen und eine krankhafte seelische Störung", so Maik Weise. Das Gericht sah ihn als vermindert schuldfähig an.

Die Staatsanwaltschaft und  die vier Anwälte der Nebenklage sahen das anders. Sie hielten Adrian S. für schuldig und forderten eine lebenslange Haftstrafe mit besonderer Schwere der Schuld. "Man kann sich nicht vorstellen, was der Gedanke, dass dieser Mensch bei guter Führung in bereits zwölf Jahren wieder in Freiheit sein könnte, mit den Angehörigen macht", bedauert Maik Weise.   

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