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Leipzig

So läuft der OB-Wahlkampf nach den Ausschreitungen

Leipzigs Amtsinhaber Burkhard Jung hat bei der Wahl am Sonntag sieben Herausforderer. Über allem aber schwebt der Ärger um Connewitz.

Herausforderer Sebastian Gemkow (CDU) hat Burkard Jung im Blick - und damit auch dessen OB-Posten.
Herausforderer Sebastian Gemkow (CDU) hat Burkard Jung im Blick - und damit auch dessen OB-Posten. © dpa/Sebastian Willnow

Von Sven Heitkamp

Am Samstagmittag, acht Tage vor dem Wahltag, steht ein großer, beinah schlaksiger Mann mit dunklem Wollmantel und schwarzem Stirnband vor einem Supermarkt in Leipzig. Es sind minus 1 Grad, gefühlt noch weniger. „Ich bitte um Ihre Stimme am 2. Februar“, ruft er den Leuten hinterm Einkaufswagen zu. Burkhard Jung, 61, SPD, seit 14 Jahren Oberbürgermeister, klappert im Stundentakt Infostände der SPD ab, in der linksliberalen Südvorstadt genauso wie in den Plattenbauvierteln Grünau und Paunsdorf. 

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Ein Amtsinhaber im Wiederwahl-Kampf. Manche gehen milde lächelnd vorbei oder schütteln den Kopf, andere wollen reden, zum Beispiel über Connewitz, wo es wenige Stunden später wieder knallen wird. Noch am Montag danach liegen am Straßenrand Pflastersteine, die militante Linksextreme aus Gehwegen gerissen und auf Polizeiautos geschleudert haben.

Leipzig macht in diesem Winter vor allem zwei Sorten von Schlagzeilen: Boomtown, Erfolgsstory, 600.000-Einwohner-Marke erklommen. Die New York Times empfiehlt die „cool-kid town“ einmal mehr als einen der 50 Orte auf der Welt, die man 2020 besuchen muss. Auf der anderen Seite der Medaille: Krawalle wie am Wochenende, Angriffe auf Immobilienfirmen, Schlachten zwischen Linksextremen und der Polizei. Das Sicherheitsgefühl vieler Bürger ist aufgewühlt. 

Zwischen Boomtown und "linkem Terror"

Da nutzt es den OB-Kandidaten wenig, zu erklären, dass das SPD-geführte Rathaus nicht für die Polizei verantwortlich ist, sondern der CDU-geführte Freistaat. Wenn Jung und sein CDU-Herausforderer, Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow, darüber streiten, dass zwar mehr Polizeistellen geschaffen, aber mangels Nachwuchs nicht besetzt wurden, fühlt sich kaum jemand verstanden und gehört. Die Leute wollen Antworten.

Also überbietet man sich in markigen Sprüchen über den „linken Terror“ und einen „starken Staat“. Gemkow hat ein riesengroßes Wahlplakat an jener Baustelle aufgehängt, wo im Oktober von mutmaßlich Linksextremen ein Brandanschlag auf mehrere Baukräne verübt wurde. Es sei das größte Wahlplakat Leipzigs, schreibt die CDU auf Facebook und erklärt dazu: „Wir wollen mit dem Standort ein Zeichen setzen, dass sich Leipzig von solchen Anschlägen nicht einschüchtern lässt.“

Sieben Frauen und Männer fordern Jung am Sonntag heraus. CDU, Grüne, Linke, FDP, AFD, die Spaßvögel von „Die Partei“ und ein Bündnis von Piraten, Humanisten und ÖDP haben Kandidaten aufgestellt. Es hätte ein turbulenter Wahlkampf werden können, doch davon ist wenig zu spüren. Stattdessen könnte am Ende alles beim Alten bleiben: Eine Umfrage der Leipziger Volkszeitung sah den lang gedienten Rathauschef Jung mit 35 Prozent weit vor Gemkow mit 20 Prozent. 

Großplakate stehen derzeiz vor dem Leipziger Rathaus.
Großplakate stehen derzeiz vor dem Leipziger Rathaus. © dpa/Sebastian Willnow

Katharina Krefft für die Grünen und Franziska Riekewald für die Linken kamen jeweils auf 14 Prozent, AfD-Kandidat Christoph Neumann auf zehn, die übrigen lagen unter fünf Prozent. Eine Entscheidung im zweiten Wahlgang am 1. März gilt als sehr wahrscheinlich.

Doch es geht in Leipzig um mehr als immer nur um Connewitz. An einem Samstagvormittag Mitte Januar dreht Sebastian Gemkow mit einem Leihrad des Leipziger Unternehmens Nextbike eine Runde am Brühl, ein Kamerateam der Jungen Union dreht einen Wahlwerbespot: Gemkow in der Bahn, Gemkow in der Fußgängerzone, Gemkow auf dem Rad. Wie eine Wolke umgibt ihn eine große Gruppe von Anhängern der Jungen Union in dunkler Kleidung und verteilt Flugblätter.

Gemkow, ein gebürtiger Leipziger, dessen Vater Anfang der 90er-Jahre Ordnungsdezernent im Rathaus war, steht da in Jeans, schwarzem Anorak und Sportschuhen mit drei Streifen. Geduldig lässt sich der 41-jährige Ex-Justizminister von einer jungen Frau fragen, warum er nun Oberbürgermeister werden will, obwohl er gerade noch Wissenschaftsminister in Dresden wurde. 

Jung? "Hat uns Leipziger verraten"

Er habe doch wohl schon vorgesorgt. Gemkow bleibt ruhig, wie scheinbar immer, und sagt, was er fast immer sagt: Dass er auf die Chance, politisch etwas zu gestalten, nicht verzichtet, egal an welcher Position. Für die CDU ist es ein Ärgernis, dass ausgerechnet Leipzig seit 1990 von der SPD regiert wird. Sebastian Gemkow ist ihr Hoffnungsträger.

Dann kommt ein Rentnerpaar auf ihn zu, das die Stimmung der Stadt wie im Brennglas widerspiegelt – man könnte sie kaum erfinden. Sie wohnen in einer Seitengasse der schillernden Eisenbahnstraße, wo es immer mal Zoff auf offener Straße gibt, dazu Razzien und sogar Schießereien. Sie trauten sich abends nicht mehr raus, erzählt die Frau. 

Ihr Karten-Abo beim Gewandhaus hätten sie bereits gekündigt. Eine 84-jährige Nachbarin sei im Haus ausgeraubt worden, auch sie selbst habe schon bedrohliche Situationen erlebt. Von Jung aber ist sie aus einem ganz anderen Grund enttäuscht. „Wir waren immer SPD“, platzt es aus ihr heraus. „Aber er hat uns Leipziger verraten.“

Die Frau schimpft über Jungs Bewerbung als Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, ein lukrativer Posten in Berlin. Doch seine Kampfkandidatur gegen Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) scheiterte, Jung blieb in Leipzig. Ein Fehltritt, der Stimmen kosten wird. In den Foren und vor den Supermärkten muss er sich das immer mal wieder anhören. 

Kaum zu übersehen: Gemkow verspricht Leipzig neue Kraft.
Kaum zu übersehen: Gemkow verspricht Leipzig neue Kraft. © dpa/Sebastian Willnow

Wenn er nun sagt, dass er jetzt wirklich mit Leib und Seele bleiben werde, fehlt manchem der Glaube. Ursprünglich stammt der Deutsch- und Religionslehrer aus Siegen in Westfalen, ab 1991 baut er Leipzigs Evangelisches Schulzentrum mit auf, wird 1999 Bürgermeister für Jugend und Schule und 2006 Oberbürgermeister. Mit seiner zweiten Frau Ayleena wurde er noch einmal Vater – sein fünftes Kind. Mit 61 ist er rund 20 Jahre älter als die meisten anderen Kandidaten. Manche Anhänger finden, es reiche langsam. Sie lästern über die „Schröderisierung“ des SPD-Spitzenpersonals.

Es ist Jungs Glück, dass die frühere Armutshauptstadt Deutschlands die Kurve gekriegt hat und eine einmalige Erfolgsgeschichte Ost schreibt: Die Einwohnerzahl ist seit Jungs Amtsantritt um mehr als 100.000 auf heute 602.000 gestiegen. Die Arbeitslosenquote sank von über 20 auf unter sechs Prozent, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs stieg von unter 200.000 auf mehr als 270.000. 

Zum Boom tragen nicht nur Porsche, BMW und DHL bei, sondern auch viele kleinere Gründungen und Ansiedlungen in Technologiebranchen und der Kreativwirtschaft. Zwar macht sich Unmut breit über knapp werdende Wohnungen und wachsende Staus. Doch die Einkommen steigen schneller als die Mieten. Und Jung, der einnehmende Redner, scheint noch nicht vom Thron gestoßen.

Ein Fanclub für Jung

Es hat sich sogar ein kleiner, feiner Fanklub gegründet. Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel, der frühere Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff und mehr als 40 andere Leipziger unterschrieben für ihn: „Wir in Leipzig – für Burkhard Jung“. Auf einer Pressekonferenz loben sie den Kandidaten dafür, dass er stets klare Kante gegen Rechts und Gewalt zeige und auf Demos wie gegen Legida spricht. 

Er hat dafür einige Morddrohungen erhalten, die Polizei wachte wochenlang vor seiner Haustür in Connewitz. Jung hat das später als Grund angeführt, warum er sich für den Sparkassenposten außerhalb der Stadtmauern interessiert hat. Dass ihm aus Dresden vorgeworfen wird, er habe dem Aufwachsen der linksextremen Szene tatenlos zugesehen, nennt er „empörend und unredlich“.

Freitagabend, neun Tage vor der Wahl, steht Katharina Krefft auf einem grünen Podest unter einem grünen Kronleuchter und strahlt, als hätte sie die Wahl gewonnen. Neben ihr im Kulturhaus Felsenkeller winkt Grünen-Chefin Annalena Baerbock, eine der ganz wenigen Bundesprominenten, die in diesen Wahlkampf eingreifen. Um sie herum sitzen mehr als 200 Leute in einem Kreis aus Stühlen, Krefft und Baerbock drehen sich immer wieder um die eigene Achse.

Katharina Krefft ist die Kandidatin der Grünen.
Katharina Krefft ist die Kandidatin der Grünen. © Grüne Fraktion Leipzig

Im Minutentakt kommen neue Fragen zum Klimaschutz, zum Kohleausstieg und zum Wasserhaushalt des Auwalds, zu Mietbremsen, zum Ausbau des Nahverkehrs und einem 365-Euro-Jahresticket. Krefft, 41, aus Bad Kissingen, Klinik-Ärztin und fünffache Mutter, strahlt und strahlt. Sie beantwortet jede Frage, ist zugewandt, transportiert grüne Botschaften. 

Ein paar Wochen zuvor hatte sich die langjährige Stadtratsfraktionschefin noch an Rathauschef Jung abgearbeitet und ihm Klein-Klein aus dem Alltag vorgeworfen. Sie werde immer besser, raunen Parteifreunde. Bis zum Wahltag habe man eine richtig gute Kandidatin. Immerhin holten die Leipziger Grünen bei Wahlen im vorigen Jahr Ergebnisse von mehr als 20 Prozent und ließen alle anderen hinter sich.

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