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So schick empfängt das „Via’s“ am Postplatz

Wo einst die Gaststätte „Kreuzbube“ in Görlitz war, gibt es jetzt Ferienwohnungen. Ein besonderer Gast war auch schon da.

Von Susanne Sodan
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Grit Marschner zog dieses Jahr nach Görlitz und arbeitet hier als Hausleiterin des Via’s am Postplatz. Seit dem Sommer ist es offen für Feriengäste. Das erste Fazit fällt gut aus.
Grit Marschner zog dieses Jahr nach Görlitz und arbeitet hier als Hausleiterin des Via’s am Postplatz. Seit dem Sommer ist es offen für Feriengäste. Das erste Fazit fällt gut aus. © Pawel Sosnowski

Der alte Kreuzbube ist nicht vergessen. Viele Görlitzer verbinden das Gebäude an der Ecke zwischen Konsulstraße und Postplatz mit dem einstigen Skatlokal, das dort über Jahre im Erdgeschoss zu finden war. Bei dem Namen „Kreuzbube“ belassen wollten es die neuen Eigentümer des Eckhauses aber trotzdem nicht. Das Lokal war bekannt, aber nicht ausschließlich im positiven Sinne, erzählt Grit Marschner. So mancher habe einst dort seine Lohntüte direkt geleert. Und in den vergangenen Jahren mit Leerstand und Verfall gab der einstige Kreuzbube auch kein schönes Bild mehr ab. Außerdem hat das neue Innere des Hauses rein gar nichts mit Skat oder Spielothek zu tun. Es heißt jetzt „Via’s“ und beherbergt Görlitz-Gäste in Ferienwohnungen. Grit Marschner ist die Hausleiterin.

Ihre Chefs sind Frank Pfau und Oliver Bugglé. Die beiden führen auch das Best-Western-Hotel „Via Regia“ in der Südstadt. 2016 kauften sie das Eckgebäude in der Innenstadt am Postplatz. Anfang 2017 begann die Sanierung. Irgendwann wurde auch die Kreuzbube-Beschriftung abgenommen. Aber statt sie zu entsorgen, wurde sie auseinandermontiert und gereinigt. „Für die hätten wir viel Geld bekommen können“, erzählt Oliver Bugglé mit einem Schmunzeln. So mancher Görlitzer habe Interesse an dem Schriftzug bekundet. Er gehörte eben zur Geschichte des Gebäudes. Und weil das so ist, fand Innenarchitektin Katia Pfau, verheiratet mit Frank Pfau, ein Fleckchen im neuen Via’s für den alten Schriftzug. Der hängt jetzt an einer Wand in einem der Aufenthaltsräume und sorgt dort für gemütliche Beleuchtung. Es ist bei Weitem nicht das einzige Stück der Historie, das erhalten geblieben ist.

In der Gemeinschaftsküche des Via’s, die alle Ferienwohnungsgäste nutzen können, wenn sie nicht in ihren Zimmer kochen möchten, hängen zahlreiche Bilder aus der Vergangenheit. In der frühen Gründerzeit, 1863, wurde das Haus gebaut. Eine Fotografie zeigt das Gebäude vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts. Schon damals waren die oberen Etagen offenbar zum Wohnen da, im Erdgeschoss gab es eine Gastronomie, die „Drei Raben“. Noch viel mehr Bilder hat Oliver Bugglé auf seinem Laptop. Sie zeigen den Zustand des Hauses bei den ersten Besichtigungen 2016. Damals stand das Haus schon einige Zeit leer. Viel Verfall ist zu sehen. Ein Hauptproblem war das marode Dach, erzählt Oliver Bugg-lé. Über Jahre hinweg drang Feuchtigkeit ins Gebäude ein. „Wir konnten teils von unten durch die Etagen nach oben durchschauen“, erzählt er. Die Decken waren zum Teil durchgebrochen. Deshalb ist bei den Fußböden vieles neu, weil sich die alten Hölzer einfach nicht erhalten ließen, erklärt Grit Marschner. „Wo es aber möglich war, wurde Historisches erhalten.“ Das gilt zum Beispiel für viele Fenster. Die wurden nach und nach ausgebaut, zum Aufarbeiten gebracht, wieder eingebaut. Das war sowieso eine der Herausforderungen: Um das Haus wieder herzurichten, brauchte es viele besondere Gewerke, echte Handwerkskunst. Zum Beispiel für das Lieblingsstück von Grit Marschner, den alten Kachelofen im heutigen Eingangsbereich des Via’s. Eine weitere Herausforderung war die Wiederherstellung der Wendeltreppe.

Anderthalb Jahre dauerte die Sanierung. Eines der ersten Aufgaben von Grit Marschner: „Im Juni dieses Jahres habe ich angefangen, die Fenster zu putzen“, erzählt sie und lacht. Die Arbeit als Hausleiterin ist ihre Traumaufgabe. Sie stammt aus Dresden, hat dort viele Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet. Frank Pfau und Oliver Bugglé kennt sie schon länger, mit den beiden war sie vor vielen Jahren bei einer Unternehmensberatung tätig. Dieses Jahr zog es sie aus privaten Gründen nach Görlitz, sie suchte hier eine Arbeit – und bewarb sich beim „Via Regia“ in der Südstadt, „sozusagen als Mädchen für alles“, erzählt Grit Marschner. Eine solche Stelle gab es in dem Hotel zwar nicht, dafür aber kam das Angebot für das neue Objekt, das Via’s. Während Grit Marschner im Juni dieses Jahres mit den Fenstern beschäftigt war, legte Katia Pfau letzte Hand an bei der Inneneinrichtung. Jetzt hat das Via’s 17 Ferienwohnungen und Appartements mit insgesamt 68 Betten. Im Erdgeschoss gibt es mehrere Räume für alle Gäste, darunter die Gemeinschaftsküche, Wohnzimmer, eine recht vielfältig ausgestattete Bibliothek, und spielen kann man auch, Tischfußball oder Darts – aber nicht mehr gegen Geld wie einst im Kreuzbuben. In den oberen Stockwerken sind die Ferienwohnungen. Neben jeder der Eingangstüren hängt eine Tafel, auf der eine Görlitzer Sehenswürdigkeit beschrieben ist, darunter die Frauenkirche, der Kaisertrutz, die Altstadtbrücke, die Ratsapotheke, das Dom Kultury in Zgorzelec, Görliwood. Die Tafeln sind als Info gedacht, aber auch als Ausflugstipps.

Das erste Fazit nach etwa einem halben Jahr Betrieb fällt bei Grit Marschner sehr positiv aus, nicht nur mit Blick auf die Gästezahlen. Schon während der Sanierung hätten sich viele Görlitzer danach erkundigt, was aus dem Gebäude nun wird und sich über die Pläne gefreut, erzählt Grit Marschner. Bei den Gästen hatten die Via’s-Inhaber vor allem in Richtung Familien geschaut, die in Görlitz vielleicht Verwandtschaft besuchen oder für einen Städtetrip zu Gast sind. Viele der Gäste seien aber auch Geschäftsreisende, erzählt Grit Marschner. Ein Gast war ein ganz besonderer. Während der Sanierungsarbeiten meldete sich Otto-Georg Oswald bei den neuen Hausbesitzern und erzählte, seine Familie habe über Jahrzehnte in einer Wohnung dieses Gebäudes gewohnt. „Zu der Zeit hatten wir tatsächlich eine alte Mietertafel im Haus entdeckt, auf der der Name Oswald mit draufstand“, erzählt Grit Marschner. „Wir hatten ihn dann zum Probewohnen eingeladen.“ Bei einer Gelegenheit stand der Mann in Zimmer 304 und telefonierte mit jemandem. Jedenfalls habe der Mann ins Telefon gesagt: „Du, ich stehe gerade im Wohnzimmer von der Mama.“

Kreuzbube ist nicht vergessen: Jahrzehntelang hing die Kreuzbube-Beschriftung an der Fassade. Geputzt und hergerichtet dient sie jetzt der Beleuchtung des Aufenthaltsraumes. An mehreren Stellen im Haus gibt es Verweise auf die Historie des Gebäudes, darunter alte Fotos.
Kreuzbube ist nicht vergessen: Jahrzehntelang hing die Kreuzbube-Beschriftung an der Fassade. Geputzt und hergerichtet dient sie jetzt der Beleuchtung des Aufenthaltsraumes. An mehreren Stellen im Haus gibt es Verweise auf die Historie des Gebäudes, darunter alte Fotos.
Aus Schandfleck wurde Schmuckstück: Neuer Name, neue Inschrift: „Via’s“ heißt das Gebäude jetzt. Seit dem Sommer ist es geöffnet für Feriengäste. Als es aber 2016 losging mit der Sanierung, hieß es über Monate hinweg erst mal: Rückbau und Beräumen. Feuchtigkeit hatte viele Schäden angerichtet.
Aus Schandfleck wurde Schmuckstück: Neuer Name, neue Inschrift: „Via’s“ heißt das Gebäude jetzt. Seit dem Sommer ist es geöffnet für Feriengäste. Als es aber 2016 losging mit der Sanierung, hieß es über Monate hinweg erst mal: Rückbau und Beräumen. Feuchtigkeit hatte viele Schäden angerichtet.
Es wendelt wieder bis ganz nach unten
Eine weitere Herausforderung: Die Wendeltreppe des Gebäudes war irgendwann nach unten zum Erdgeschoss hin gekappt worden, vermutlich um Wohnbereich oben und Restaurantbereich unten zu trennen. Jetzt ist die Treppe wieder durchgängig. Fotos: Pawel Sosnowski
Es wendelt wieder bis ganz nach unten Eine weitere Herausforderung: Die Wendeltreppe des Gebäudes war irgendwann nach unten zum Erdgeschoss hin gekappt worden, vermutlich um Wohnbereich oben und Restaurantbereich unten zu trennen. Jetzt ist die Treppe wieder durchgängig. Fotos: Pawel Sosnowski