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Sorgenkind Einzelhandel

In Hirschfelde macht ein Geschäft nach dem anderen zu. Die Gründe dafür reichen bis in die 1990er Jahre zurück.

© Rafael Sampedro

Die ersten Monate sind sehr gut gelaufen. Doch dann schauten jeden Tag weniger Kunden in den Laden von Urszula Para rein. „Manchmal sind es nur sieben am Tag gewesen“, erzählt sie. Das reicht nicht zum Überleben. Deshalb gab die Einzelhändlerin ihr Geschäft „Grünes Äpfelchen“ in Hirschfelde nach gerade mal acht Monaten wieder auf. Es ist die jüngste Schließung im ohnehin arg gebeutelten Hirschfelder Handel. Wenige Monate zuvor machte erst Helga Förster ihr Reisebüro in Marktnähe für immer dicht. 23 Jahre brachte sie Reisen in alle Welt an die Kunden. In den 1990er Jahren buchten viele noch drei bis vier Reisen im Jahr. Mit der Zeit sind es weniger Reisen und Kunden geworden. „Wir hätten zuletzt Geld zuschießen müssen“, beschreibt die 75-Jährige die Situation vor der Schließung. Das wollten sie und ihr Mann aber nicht. Und so wurde das Ende des Reisebüros besiegelt.

Auch Helga Förster musste ihr Reisebüro wegen sinkender Umsätze schließen.
Auch Helga Förster musste ihr Reisebüro wegen sinkender Umsätze schließen. © kairospress

Für Helga Förster ist es bereits die zweite Geschäftsschließung. Vor knapp 20 Jahren musste sie auch ihre Drogerie aufgeben, in der sie seit 1964 tätig gewesen ist. Die Schlecker-Filialen im Ort und der jahrelange Straßen- und Abwasserbau hatten ihr den Umsatz kaputt gemacht. Seit damals sei kein neues Einzelhandelsgeschäft in Hirschfelde hinzugekommen, sagt Frau Förster. Vielmehr folgte eine Schließung der nächsten – sei es nun der Zeitungs- und Schreibwarenladen, das „Blumenmädchen“, die Fleischerei oder der Tante-Emma-Laden von Heidi Grafe. Für Helga Förster fällt das Fazit deshalb eindeutig aus: Der Hirschfelder Handel ist in ihren Augen tot.

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Die wenigen Einzelhandelsgeschäfte, die heute noch in Zittaus größtem Ortsteil existieren, lassen sich an zwei Händen abzählen. Laut Industrie- und Handelskammer (IHK) gibt es aktuell neun stationäre Handelsgeschäfte – der Online-Handel ist dabei nicht mitgezählt. Ihre Drogerie auf den weltweiten Handel im Netz umzustellen, sei nicht möglich gewesen, sagt Frau Förster. Sie hätte in diesem Fall etwas ganz Neues anbieten müssen.

Früher ist Hirschfelde reich an Handel gewesen. Das ist in der Ausstellung „Handel, Handwerk & Gewerbe im Wandel“ des Hirschfelder Arbeitskreises Geschichte vor drei Jahren deutlich. Der Verein hatte damals rund 200 Häuser mit den darin befindlichen Geschäften und Unternehmen dargestellt. Davon hat nur wenig überlebt.

Von den Hirschfeldern selbst können die verbliebenen Geschäfte kaum noch überleben. Die meisten haben sich mehrere Standbeine aufgebaut. Der Blumenhandel Krusekopf zum Beispiel einen Onlinehandel. Die Boutique am Markt bietet ihrerseits auch einen Postservice an. Und Fahrradhändler Nixdorf hat den Versandhändler Hermes, Lotto und Post Modern mit ins Geschäft integriert. Ob Post oder Versandhandel auch ihren eigenen Laden gerettet hätten, kann Helga Förster nicht sagen. Beim Reisebüro hat sie es zumindest probiert. Drei Jahre war hier die Poststelle beheimatet. Doch beides passe nicht zusammen, blickt die 75-Jährige zurück. Im Reisebüro muss viel beraten werden, die Post sei dagegen ein schneller Service. Mit einer Person im Geschäft sei das nicht zu bewältigen, steht für Frau Förster fest.

Dass es seit Jahren nur bergab geht, sei Fehlern aus den 1990er Jahren geschuldet, meint die frühere Drogerie-Inhaberin. Damals ist ein Lebensmittelmarkt am Ortsrand gebaut worden. „Das hätte verhindert werden müssen“, findet die 75-Jährige. Gleichzeitig sei ein Einkaufsmarkt im früheren „Hirsch“ in der Ortsmitte verhindert worden, kritisiert Frau Förster. Die seinerzeit noch eigenständige Gemeinde Hirschfelde hatte die Ausfahrt auf die B 99 nicht genehmigt. „Der Edeka-Markt an der Dresdner Straße in Zittau hat auch eine Ausfahrt auf eine Bundesstraße und besteht heute noch“, nennt sie ein Gegenbeispiel. Der Bürgermeister der Partnerstadt Furtwangen habe damals davor gewarnt, dass der gesamte Ort kaputtgehe, wenn der Marktplatz auseinanderbreche. Die falschen Weichenstellungen, die aus Sicht von Frau Förster in den 1990er Jahren erfolgten, konnten später nicht mehr behoben werden.

Hirschfeldes Ortsbürgermeister Bernd Müller sieht seinen Ort dagegen gar nicht so schlecht aufgestellt. Immerhin verfüge Hirschfelde noch über eine Sparkasse, eine Apotheke, habe eine Hausarztpraxis und eine Physiotherapie, eine Grundschule und einen Kindergarten sowie eine Kaufhalle. „Wenn man Handel und Dienstleistungen zusammennimmt, haben wir eine gute Infrastruktur“, so seine Einschätzung.

Jeder Laden, der krachen gehe, tue in der Seele weh, sagt Müller. Aber dass jeder überleben wird, so blauäugig sei er nicht. In einem Ort mit 1 500 Einwohnern könne es seiner Ansicht nach keine 200 Geschäfte geben. Den Grund, dass der Laden von Urszula Para schon nach wenigen Monaten wieder schließen musste, sieht Müller auch im Sortiment. Das Angebot sei nicht auf die Hirschfelder zugeschnitten gewesen. Man könne nicht 50 Blumentöpfe und Blumenampeln anbieten, dafür aber nur eine kleine Auswahl an Obst und Gemüse.

Dass es am Sortiment gelegen hat, glaubt Urszula Para nicht. Viele Kunden hätten ihr gesagt, dass sie gleich nach Polen fahren. Auch die Parkplatzsituation vor dem Hirschfelder Laden sei nicht die beste. Die Polin ist mit ihrem „Grünen Äpfelchen“ in das Noacksche Haus auf den Zittauer Markt umgezogen und bereut den Schritt nicht – auch wenn es anfangs nicht so gut wie in Hirschfelde lief. Aber es steigert sich, sagt Urszula Para.

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