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Freital

"Wir dürfen keine Zeit verlieren"

Freital will sein Zentrum bebauen. Wie das gut gelingen kann und was jetzt die nächsten Schritte sind, darüber spricht CDU-Fraktionschef Martin Rülke.

Martin Rülke ist in Freital geboren, 37 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Fraktionsvorsitzender der CDU im Freitaler Stadtrat. Rülke ist Schulleiter der Fach- und Berufsfachschule für Sozialwesen in Dresden.
Martin Rülke ist in Freital geboren, 37 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Fraktionsvorsitzender der CDU im Freitaler Stadtrat. Rülke ist Schulleiter der Fach- und Berufsfachschule für Sozialwesen in Dresden. © Karl-Ludwig Oberthür

Herr Rülke, wo ist Freitals Zentrum?

Im Moment wird in Verbindung mit dem Stadtzentrum ja hauptsächlich über den Sächsischen Wolf gesprochen. Das Stadtzentrum ist aber wesentlich mehr. Neben dem Sächsischen Wolf beinhaltet es das Mühlenviertel, das Areal Lederfabrik, die ehemalige Becker-Fläche, Neumarkt, City-Center, Technologie- und Gründerzentrum und auch die Fläche an der Dresdner Straße hin zum Busbahnhof.

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Was ist Ihre Vision für das Stadtzentrum in Freital? Was wünschen Sie sich dort?

Ein Zentrum macht aus, dass es dort einen guten Mix gibt. Ich brauche dort also Handel, Dienstleistung, Gewerbe, Gastronomie, Wohnen und Kultur sowie vielleicht auch einen Behördenstandort. Dann habe ich so eine Verdichtung, die für ein Zentrum wichtig ist, wo viele Funktionen am gleichen Ort zu finden sind. Und das macht es natürlich attraktiv für alle, die dann das Zentrum nutzen, egal ob als Wohnort, als Arbeitsort oder um ihre Freizeit zu verbringen.

Ist das denn mit den Plänen des Investors HD, der ja nun zum Zug kommen soll, zumindest annähernd zu erreichen?

Ich denke die Voraussetzungen sind sehr gut. Das Konzept, was uns als Stadtrat vorliegt, ist ja im Vergleich zu dem ursprünglichen Wettbewerbsbeitrag kaum verändert. Ich persönlich habe schon immer mehr hinter dem Konzept von HD gestanden, obwohl es nicht der Wettbewerbssieger war. Ich finde, dass es gerade im Zusammenhang mit der Becker-Fläche und dem Brückenschlag über die Weißeritz insgesamt attraktiver ist als alle anderen Angebote, die wir hatten. Der Sächsische Wolf hat eine begrenzte Fläche. Und wenn wir da so viele Funktionen unterbringen wollen, dann müssen wir uns überlegen, wie das geht. Da hat Herr Herms von HD mit der Erweiterung zur Becker-Fläche hin natürlich weitergedacht. Deswegen finde ich das Konzept am attraktivsten.

Wie kann man erreichen, dass das Zentrum von den Freitalern genutzt wird?

Wichtig ist, dass die Bürger mitgenommen werden. Und die Stadt hat ja dort mit der Bürgerbeteiligung schon einen ersten Schritt getan, bevor der Stadtrat entschieden hat. Auch der Investor und der Architekt, der ja aus Freital kommt, haben in der Stadtratssitzung, in der das Projekt noch einmal öffentlich präsentiert wurde, angekündigt, dass sie gerne Anregungen entgegennehmen. Ich glaube, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn die Leute die Möglichkeit haben, ihre Ideen mit einzubringen, und einige davon auch umgesetzt werden, dann wird es angenommen. Als positives Beispiel sehe ich den Weißeritzpark, der gar nicht so zentral gelegen ist, aber der sehr gut an öffentliche Verkehrsmittel angeschlossen ist und wo auch entsprechende Parkmöglichkeiten vorhanden sind. Das wird angenommen. Es gibt dort Gastronomie, es gibt dort Geschäfte und es gibt dort gleich nebenan das Freizeit- und Erholungszentrum mit dem Hains.

Dann brauchen wir das Zentrum ja gar nicht.

Doch natürlich. Der Standort am Sächsischen Wolf hat im Vergleich zum Weißeritzpark den Vorteil, dass er sehr zentral gelegen ist. Der Entwurf von Herrn Wolf sieht Parkplätze vor, die leicht zugänglich sind. Und an öffentliche Verkehrsmittel ist der Ort ja auch gut angeschlossen – Busbahnhof, S-Bahn. Ich glaube, die Voraussetzungen sind gut.

Wie verhindert man, dass das Zentrum zu einem Ort wird, wo Jugendliche rumhängen und hinterher der Müll liegen bleibt?

Junge Leute brauchen Möglichkeiten, um sich zu treffen. Das ist ganz wichtig. Das entscheidende ist aber, dass der Stadtplatz lebendig werden soll. Er soll von zwei gastronomischen Einrichtungen umrahmt werden. Er hat aber auch noch Flächen, wo zusätzliche Stände aufgebaut werden könnten, wo Aktionen stattfinden können. Wenn es da lebendig ist, wenn da immer viel Bewegung da ist, dann sehe ich das Problem mit Vandalismus nicht auf uns zukommen. Kritisch ist es in den Abendstunden, wenn dort wenig Beleuchtung da ist und keine Bewegung mehr ist.

Sind die Parkplätze, auf denen ständig rein- und rausgefahren wird nicht ein Hindernis für die Aufenthaltsqualität auf dem Stadtplatz?

Der Stadtplatz ist nach den Planungen zurückgelagert und befindet sich an der Weißeritz. Außerdem wird eine entsprechende optische Trennung stattfinden, und es ist immer auch die Frage, wie man einen Parkplatz gestaltet. Wenn da alles asphaltiert ist, ist das natürlich nicht so schön. Es gibt ja aber heutzutage Gott sei Dank auch Möglichkeiten, wie Parkplätze anders gestaltet werden können. Mit einer Begrünung, mit entsprechenden Flächen, die dazwischen sind, wenn der Stadtplatz zurückgelagert ist, eine Trennung da ist, dann wird es Konflikte in der Nutzung in dem Ausmaß nicht geben.

Ist das nicht die Stelle, an der der Investor zuerst spart, wenn er merkt, dass die Sanierung der Fläche wegen der Altlasten teurer wird als gedacht?

Ich glaube nicht, dass die Aussagen von RTLL zur Höhe der Altlastensanierungskosten zutreffend sind. Da hat wohl ein Stück weit Strategie dahinter gesteckt. Das Thema Altlasten war ja auch vorher bekannt. Es hatte jeder Investor die Möglichkeit, sich entsprechend zu informieren. Jeder konnte beim Landratsamt Einsicht in das Altlastenkataster nehmen. Und HD hat eben sein Konzept anders gestaltet als RTLL. Nämlich so, dass der Bodenaustausch nicht im so großen Ausmaß stattfinden muss. Deswegen glaube ich auch nicht, dass es hinterher noch zu Kürzungen im Konzept kommt. Das ist ja für Freital nicht nur ein großes Projekt, sondern auch ein sehr wichtiges. Und da braucht man einen Partner, dem man vertrauen kann. Das war für mich RTLL ab dem Zeitpunkt nicht mehr, als sie angefangen haben, unrealistische Forderungen zu stellen.

Jetzt wurden alle Beschlüsse dazu aufgehoben. Warum wurde dann nicht auch wirklich von vorne angefangen?

Ich weiß nicht, ob es mit einem neuen Verfahren bessere Angebote gegeben hätte. Ich bezweifle das. Das Angebot von HD lag immer da. Herr Herms hat uns auch immer wieder gesagt, dass sein Angebot steht und er ein großes Interesse daran hat, es umzusetzen. Ich glaube, dass es wichtig ist, jetzt vorwärts zu kommen. Mit einer neuen Ausschreibung, die ja nichts anderes beinhalten würde als die alte, würden wir viel Zeit verlieren. Ich glaube, dass das für die Entwicklung der Stadt nicht gut wäre. Viele andere Sachen sind jetzt parallel schon angelaufen. Wenn zum Beispiel auf der Fläche der ehemaligen Lederfabrik jetzt ein Behördenstandort entstehen könnte, dann sind die Nutzer natürlich auch darauf angewiesen, dass es in der Nähe entsprechende Versorgungsmöglichkeiten gibt. Ich glaube, dass das alles gegenseitig voneinander abhängig ist.

Was sagen denn die Freitaler?

Das Angebot von HD ist von vielen Bürgern befürwortet worden. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war es sogar der Spitzenreiter. Und im Stadtrat gab es über alle Fraktionen hinweg eine breite Mehrheit für die Aufhebung der Vergabe an RTLL und im gleichen Zuge für die Annahme des Angebots von HD. Wir haben jetzt nachträglich Formalien korrigiert, mehr nicht. Das ändert nichts an der Entscheidung. Und jetzt, denke ich, sollten wir wirklich vorwärts kommen.

Ist es wichtiger, möglichst schnell vorwärts zu kommen oder ist es wichtiger, eine möglichst hohe Qualität zu bekommen?

Ich denke, dass beides in einem möglich ist. Wir gehen ja nicht unbedarft an die Sache ran, als ob keine Vorüberlegungen stattgefunden hätten. Es hat eine entsprechende Entwicklungskonzeption von der Steg (Stadtentwicklung GmbH Anm. d. Red.) gegeben. Es gab ein Wettbewerbsverfahren, in dem sich Investoren angeboten haben, Konzepte eingereicht haben. Es gab die Bürgerbeteiligung, es gab hinterher eine intensive Auswertung der Angebote. Wir haben z.B. als Stadtrat dazu eine Klausursitzung gehabt, in der die Steg uns begleitet hat und mit uns noch einmal ganz genau anhand von Bewertungskriterien die Angebote im Detail geprüft hat. Und HD war von Anfang an immer schon mit im Rennen als einer der Favoriten. Warum soll ich diesem Investor jetzt nicht die Chance geben? Warum sollten wir jetzt alles über den Haufen schmeißen und ganz von vorne anfangen? Wir dürfen auch nicht vergessen, je länger man das schiebt, umso teurer wird es natürlich. Die Baukosten steigen immer weiter, Anforderungen an Neubauten in Bezug auf Sicherheit, Brandschutz und vieles mehr – das nimmt ja alles zu.

Inwieweit ist jetzt noch eine Einflussnahme der Stadt und der Bürger möglich auf das, was dann wirklich gebaut wird?

Der Architekt hat sich ja offen gezeigt, Anregungen und Ideen von Bürgern entgegen zu nehmen. Wie die Stadt das gestaltet, ob das noch mal über das Beteiligungsportal läuft, ob dazu noch mal Informationsveranstaltungen wie damals in der Bibliothek stattfinden, muss noch entschieden werden. Aber es wird sicherlich noch weitere Beteiligungsformen geben für die Freitaler.

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Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass da industriegeschichtliche Elemente aus Freital eine Rolle spielen. Wir haben ein Glaswerk, ein Stahlwerk, wir haben ein Ziegelwerk in Freital – solche Elemente lassen sich tatsächlich in der Fassade relativ gut unterbringen. Und damit bekäme das Gebäude auch eine individuelle Verbindung zur Stadt. Und wenn im Stadtzentrum die Verbindung zur Weißeritz und zum Windberg gegeben ist, dann ist das für die Freitaler möglicherweise viel mehr Identifikation. Und wie gesagt, das Stadtzentrum funktioniert dann, wenn es von vielen Leuten genutzt wird. Wenn es mit Leben gefüllt wird. Wenn die Leute dahingehen, um sich zu treffen, einzukaufen, dort zu arbeiten, dort zu wohnen und zu leben.

Das Gespräch führte Tilman Günther.

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