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Bei Stelzers bleibt bald die Küche kalt

Die Gaststätte "Am Altmarkt" ist eine Größe in Löbau - nun geht die Wirtsfamilie in Rente und erinnert sich an Promis, nackte Tatsachen, gute Zeiten. Und was kommt?

Gehen in den verdienten Ruhestand: Viola und Wolfgang Stelzer. Sie haben 28 Jahre lang das Restaurant "Am Altmarkt" geführt.
Gehen in den verdienten Ruhestand: Viola und Wolfgang Stelzer. Sie haben 28 Jahre lang das Restaurant "Am Altmarkt" geführt. © Matthias Weber/photoweber.de

Gaststätten in Löbau - da kennt sich Wolfgang Stelzer aus, er hat viele Kommen und Gehen sehen. Denn so lange wie er und seine Frau Viola haben sich in der Stadt am Berge nur wenige Gastwirte gehalten: Seit 28 Jahre führen die beiden ihr Restaurant "Am Altmarkt". Im Gastronomie-Geschäft ist Wolfgang Stelzer inzwischen sogar seit 50 Jahren. Nun aber ist Ende Juni Schluss. Endgültig.

Mit 66 Jahren schließt Stelzer sein Restaurant und fängt ein neues Leben an - im Ruhestand. "Einen Nachfolger haben wir gesucht", sagt er. Aber es habe sich erst keiner gemeldet und die Interessenten, die am Ende im Gespräch waren, hat wohl die Corona-Krise verschreckt. "Wir verkaufen jetzt die Ausrüstung, von Tisch bis Teller, von Glas bis Gastrotechnik", sagt Stelzer. Ob ihm das nicht weh tue? Er zögert kurz, dann sagt er nachdenklich: "Ich glaube, das kommt noch, wenn es dann wirklich so weit ist." Denn bis zum 30. Juni wollen sich Stelzers ja noch gebührend verabschieden: "Wenn es die Corona-Regeln zulassen mit einer kleinen Feier", sagt er. Die Stammband, "Die Gellis", steht bereit und vor allem von seiner treuen Stammkundschaft würde sich der Löbauer gern verabschieden.

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Start im Löbauer Ratskeller

Angefangen hat für Wolfgang Stelzer alles im Löbauer Ratskeller. Hier hat er gelernt und anschließend in der Oppacher Erntekranzbaude gekellnert, bevor er im Kretscham Spitzkunnersdorf, im Neustädter Hof in Löbau und zuletzt, vor der Wende, im Volkshaus Neugersdorf die Gäste bediente und den Alltag managte. Nebenbei absolvierte er ein Meisterstudium Gastronomie, das ihm die nötigen Einblicke in die wirtschaftliche Seite der Branche brachte. "Ich hätte nach der Wende das Hotel Volkshaus übernehmen können, aber die Summe, die damals von der Treuhand verlangt wurde, war zu hoch", erinnert er sich.

Also fingen Wolfgang Stelzer und seine Frau, die als Köchin für den guten Geschmack sorgt, in Löbau neu an: "Wir haben 1991 im damaligen Landratsamt Georgewitzer Straße einen Imbiss eröffnet", erzählt er. Ein halbes Jahr später starteten sie dann mit ihrer Gaststätte "Am Altmarkt". Das Haus hatte früher die Broilerbar und einen Uhrmacher beherbergt und war nun fertig umgebaut, sodass sich Stelzers passend einrichten konnten. Relativ rasch kam zum Gaststättenbetrieb auch ein Extra-Angebot unter der Woche hinzu: Mittagessen zum Mitnehmen - etwas, das in Löbau noch immer sehr beliebt ist. Das Geschäft lief anfangs, in den 90ern, sehr gut. Nebenbei betrieben Stelzers damals das Gasthaus am Berg - das Luftbad - und auch der Imbiss im Landratsamt blieb zunächst unter ihrer Obhut. Auch zu den Begründern der Stadtfest-Tradition in Löbau und damit zur Entstehung des Gewerbevereins zählt der 66-Jährige.

Hartz IV änderte vieles

"Bis 2005 Hartz IV eingeführt wurde, ging es eigentlich generell bergauf", bilanziert Wolfgang Stelzer heute. Doch dann begann der Niedergang: Manch einer hatte nun deutlich weniger Geld als zuvor, andere hielten aus Angst vor der Zukunft das Geld zusammen. Die Inhaber der vielen Gaststätten und Kneipen in Löbau wechselten oft, manche Türen schlossen gar ganz.

Was Stelzers da geholfen hat? "Wir haben sehr viele Stammkunden, die uns treu geblieben sind", sagt er. Noch heute kann er auf sie zählen - und sie sind es wohl auch, die ihm neben den Kollegen im Ruhestand sehr fehlen werden. Stelzers Erfolgsrezept ist wohl vor allem die Mischung aus Tradition und stückweiser Öffnung für Neues: "Unsere Weihnachtsgänse und -enten sind sehr beliebt - ebenso die Gerichte zur Pfifferlings- und Spargelzeit", erklärt er. 

Auch Prominente kehrten in Stelzers Gaststätte immer wieder ein oder verzehrten bei einem Empfang oder Fest in Löbau seine Speisen: Ministerpräsidenten wie Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt, Musiker Jörg Weißelberg - der als Mitglied des Rock-Express auch oft bei Stelzers aufgetreten war - isst gern auch mit seiner Frau Jeanette Biedermann hier. Und natürlich war auch eine Kultband wie die Puhdys schon lange vor der Messehalle auch in der Gaststätte "Am Altmarkt" zu Gast.

Skurriles mit verkanntem Fisch und nacktem Fleisch

Skurrile Erlebnisse blieben da nicht aus: "Einmal hatte ich einen hochwertigen Fisch, eine Seezunge, im Angebot", erinnert er sich: "Die wollte keiner bestellen, auch nicht, als ich den Preis stark nach unten gesetzt hatte", erzählt er. Als er dann einigen Damen die Seezunge in den höchsten Tönen anpries, erklärten ihm diese fast schüchtern, dass sie nicht so gern Zunge essen.

Wolfgang Stelzer kann darüber heute genauso herzhaft lachen wie über die Geschichte mit dem Stripper und seinem Küchenpersonal: "Gerade Anfang der 90er gehörte es bei einigen Feiern fast zum guten Ton, eine Stripperin zu bestellen", sagt er. Das eine Mal war es aber ein Stripper und der Mann bat kurzfristig um einen Raum, wo er sich auf seinen Auftritt vorbereiten konnte. "Das war gegenüber der Küche, aber meine Mitarbeiter wussten davon nichts - ich hörte dann auf einmal nur einen spitzen Schrei", erzählt Stelzer und schmunzelt noch heute über die verdutzten Gesichter.

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Verdutzte Gesichter bei hungrigen Gästen, die ab Juli vor seiner verschlossenen Tür stehen, können Stelzers, die eine erwachsene Tochter und zwei Enkelkinder haben, nicht ausschließen. Was anstelle ihrer Gaststätte in das Haus einzieht, ist derzeit noch nicht bekannt. Nur so viel steht fest: Der Eigentümer der Immobilie, die städtische Wobau GmbH, verkauft das Haus bis zur Jahresmitte. "Was dann dort geschieht, liegt in der Hand des neuen Eigentümers", teilt Wobau-Chef Ullrich Wustmann auf Nachfrage mit. Dass erneut ein Gastronomie-Unternehmen einziehe, sei aber nicht ausgeschlossen.

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