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Feuilleton

"Die Zeit ist gekommen" - so wird der Dresden-"Tatort"

Der Traum vom Glück einer Familie endet mit einer Geiselnahme im Kinderheim. Die Kommissarinnen haben keine Zeit für Gezicke. Am Sonntag im Ersten.

Kritischer Einsatz im Kinderheim: Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Kollegin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) haben es mit einem unfreiwilligen Geiselnehmer zu tun.
Kritischer Einsatz im Kinderheim: Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Kollegin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) haben es mit einem unfreiwilligen Geiselnehmer zu tun. © MDR/HA Kommunikation

Da will man einmal nicht an dieses blöde Virus denken, sich mit Krimi ablenken - und dann laufen da gleich wieder Leute in Schutzanzügen herum und ziehen Gummihandschuhe über. Aber keine Bange, es sind nur Kriminaltechniker und Kommissarinnen. Mit Corona hat das hier alles nichts zu tun, ein Mord in einem Dresdner Plattenbau muss aufgeklärt werden. Ein Polizist ist umgebracht worden. Doch selbst das spielt gar nicht so eine große Rolle im neuen "Tatort" aus der Landeshauptstadt, der an diesem Sonntag im Ersten läuft. Und wer neulich gelesen hat, dass die Dreharbeiten für den Dresden-"Tatort" wegen der Corona-Gefahr abgebrochen wurden, muss sich nicht wundern. Da ging es um eine der nächsten Folgen. Diese hier mit dem Titel "Die Zeit ist gekommen" wurde noch zu gesünderen Zeiten im letzten Sommer abgedreht, hauptsächlich in einem ehemaligen Kinderheim in Moritzburg.

Mit dem Motorrad über den Elbradweg

Es beginnt mit einer Szene zum Wegschauen. Im Gefängnis spitzt ein Häftling eine Plastikzahnbürste an, um sie sich dann selbst ins Ohr zu rammen. Aua. Der Mann heißt Louis Bürger und ist zu allem entschlossen. Sein Plan, so aus der U-Haft zu entkommen, geht tatsächlich auf. Seine Frau befreit ihn auf der Krankenstation. Der vorbestrafte Louis, Nachbar des Toten, ist dringend tatverdächtig. Es gibt jede Menge Indizien. Aber selbst die Kommissarinnen Gorniak und Winkler versuchen, unvoreingenommen zu bleiben.  Ist er wirklich der Mörder? Man weiß es nicht - bis ganz  zum Schluss. Das ist es, was diesem "Tatort" die Spannung gibt. 

Vater, Mutter und Kinder
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Dieses eigentlich sympathische Paar, Louis, der immer wieder seine Unschuld beteuert, und Anna, die ihm zu glauben versucht, reitet sich immer tiefer rein in eine Katastrophe. Dabei waren sie doch fast so weit, eine glückliche Familie zu werden, die Zeit der Drogen und Partys ist vorbei. An ihrem Geburtstag holt er sie fröhlich mit einem Motorrad von der Arbeit ab - und heizt mit ihr überglücklich durch die Gegend. Dass sie ausgerechnet über den Elbradweg fahren, was im echten Leben verboten ist, wollen wir hier mal ignorieren. Wenn nur nicht das Motorrad geklaut wäre ...

Doch nun steht der Ex-Knacki unter Verdacht, und weil er nicht wieder in den Knast will, sieht Louis mit seiner Anna nur einen Ausweg: Flucht ins Ausland, an den Strand nach Kroatien. Vorher müssen sie nur noch ihren zwölfjährigen Sohn, der ihnen wegen der Drogen weggenommen wurde, aus dem Kinderheim holen. Doch das geht komplett schief.

Plötzlich sind wir mitten in einer Geiselnahme - ungeplant und ausweglos. Das Psychodrama beginnt. Alle schwitzen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Drinnen das immer verzweifeltere Paar, das sich mit Heimleitung und Kindern in der Küche verschanzt hat und mit Pistolen hantiert, während ihr eigener Sohn sich in der Speisekammer eingeschlossen hat. Draußen die beiden Kommissarinnen und ihr Vorgesetzter Peter Michael Schnabel, die das komplette Besteck auspacken: Sondereinsatzkommando. Auch für den Zuschauer ist es zum Verzweifeln, man hat beinahe Mitleid mit dieser jungen Familie, die sich beim Versuch, ihren Traum vom kleinen Glück zu retten, immer tiefer in den Schlamassel manövriert.

Eine der besseren "Tatort"-Folgen der letzten Monate

Der Verdächtige und seine Familie stehen im Fokus dieses Krimis. Nicht so sehr dagegen wie sonst die Ermittler, das Trio aus dem Dresdner Mordkommissariat, das man fast nur in schutzsicherer Weste sieht. Auch ihr Privatleben oder sonstige Nebenschauplätze spielen diesmal keine Rolle, überhaupt keine. Es geht ausschließlich um den Fall, was für einen "Tatort", für einen aus Dresden zumal, ungewöhnlich ist. Dass das Ganze in Dresden spielt, ist bis auf einen langen Schwenk über die Waldschlößchenbrücke und eine Szene am Altmarkt kaum zu erkennen. Es gibt keinerlei Gags, nicht den gewohnten Klamauk, nicht mal einen schrägen Spruch von Schnabel. Auch keine Zickereien zwischen den beiden Kommissarinnen, die beide ihre harte Seite rauskehren, sich aber bei Befreiungsversuchen während der Geiselnahme ziemlich dilettantisch anstellen.

Trotzdem kann das Team aus Karin Hanczewski und der noch recht neuen Cornelia Gröschel überzeugen, Martin Brambach als ihr Vorgesetzter sowieso. Auch sonst ist die Besetzung stark, mit Max Riemelt als verzweifeltem Vater, Katja Fellin als hilfloser Mutter und Claude Heinrich als ihrem verunsicherten Sohn Tim. Nach der langen Odyssee mit teilweise halbgaren Drehbüchern und abstrusen Regieeinfällen hat sich der Dresden-"Tatort" inzwischen ordentlich etabliert und muss den Vergleich mit denen aus anderen Orten nicht mehr scheuen.

Angesichts der Zumutungen, die es dieses Jahr bereits an Sonntagabenden in der ARD gab, ist "Die Zeit ist gekommen" eine der besseren Folgen der letzten Monate. Wenn man nur wüsste, was einem dieser Allerwelts-Titel sagen soll. Trotzdem gibt es dadurch, dass sich das Drehbuch auf den reinen Krimi beschränkt, durchaus einige Längen, manches ist auch eher schlicht inszeniert und erinnert an Vorabendkrimiserien. Es gibt einige Schweigeszenen und betroffene Blicke zu viel. Irgendwann in ihrer Karriere bekommt es ja jedes "Tatort"-Ermittlerteam mit einer Geiselnahme zu tun. Das ist nicht besonders originell, aber diese hier ist dann doch anders als die meisten.

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Schließlich, so viel sei verraten, gelingt Louis mit seiner Familie tatsächlich die Flucht, sie hören im Auto Balkanpop und schwärmen von Kroatien. Doch die beiden Kommissarinnen sind ihnen auf den Fersen. Ach so: Und ganz nebenbei hat Schnabel auch den Mord an dem Polizisten gelöst.

"Die Zeit ist gekommen" läuft am Sonntag, den 5. April um 20.15 Uhr in der ARD und um 21.45 Uhr auf One.

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