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Tim Bendzko in Leipzig: So lief das Corona-Konzert

Die Politik will Events vor großem Publikum wieder möglich machen. Bei "Restart-19" in Leipzig erlebten Zuschauer und Künstler wie das aussehen könnte.

In der Corona-Pandemie wirken solche Bilder fast surreal. Rund 1.400 Zuschauer lauschten dem Sänger Tim Bendzko in Leipzig eng auf eng - zu wissenschaftlichen Zwecken.
In der Corona-Pandemie wirken solche Bilder fast surreal. Rund 1.400 Zuschauer lauschten dem Sänger Tim Bendzko in Leipzig eng auf eng - zu wissenschaftlichen Zwecken. © Hendrik Schmidt/dpa

Leipzig. Das erste deutsche Massenexperiment seit Ausbruch der Pandemie beginnt schon zehneinhalb Stunden vor dem Einlass. In den Postfächern der teilnehmenden Journalisten landet eine dubiose E-Mail aus der Schweiz. Unter dem Betreff "Restart-19-Sicherheitsbedenken" schreibt "gabi.mag.kaese", sie zweifle stark am Sinn und dem wissenschaftlichen Nutzen der Veranstaltung.

In grammatikalisch eher fragwürdigem Deutsch stellt die vermeintliche Kritikerin Fragen, die offensichtlich Unsicherheit generieren sollen. Ob es denn zulässig sei, dass die Teilnehmer den verpflichtenden Corona-Test ohne medizinische Betreuung an sich selbst durchführen mussten? Und was wäre, wenn sich kurz zuvor jemand infiziert?

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Pärchen aus Dresden: "Es wirkt sehr seriös"

In Leipzig ist am Samstagmorgen von Unsicherheit nichts zu spüren. Zumindest nicht bei Franziska Hobusch und Alexander Seedorff. Es ist 9 Uhr. Die beiden Basketball-Fans sind extra aus Dresden angereist und stärken sich vor dem Haupteingang der Arena noch mit Broten und Kaffee. Ihre Hoffnung: "Wir wollen bald wieder dabei sein, wenn die Dresdner Titans spielen." 

Es sei ihr kleiner bescheidener Beitrag, um dem Sport auch in dieser Zeit eine Zukunft zu bieten, sagt Seedorff. Angst vor einer Ansteckung haben beide nicht, auch wenn der Selbst-Corona-Test herausfordernd gewesen sei. 

"Wir waren unsicher, ob wir mit den Stäbchen bis in den Rachen kommen", sagt seine Freundin. Die Prozedur an sich wirke aber gut durchstrukturiert und seriös. Nun müssten nur noch die Ergebnisse des Experiments stimmen.

Franziska Hobusch und Alexander Seedorff aus Dresden wollen ihre Titans wieder Körbe werfen sehen. Restart19 gibt ihnen dafür Hoffnung.
Franziska Hobusch und Alexander Seedorff aus Dresden wollen ihre Titans wieder Körbe werfen sehen. Restart19 gibt ihnen dafür Hoffnung. © SZ/Daniel Krüger

Was das Pärchen noch vor sich hat, liegt schon hinter den Geschwistern Juliana und Katharina. Sie stehen im prasselnden Regen auf einem Schotterplatz hinter der Arena. Der ehemalige Parkplatz wurde für Restart-19 umfunktioniert. Jetzt stehen hier drei Zelte, in denen alle Teilnehmer dieselbe "Check-In"-Prozedur durchlaufen.

Erst wird Fieber gemessen, dann scannen Mitarbeiter des "Hygiene-Teams" in neongelben T-Shirts die QR-Codes der Probanden und gleichen sie mit den Corona-Testergebnissen ab.  

Wenn alles stimmt, erhalten die Besucher ein kleines schwarzes Kästchen um den Hals, ein sogenannter Tracer, mit dem später alle fünf Sekunden der Abstand geprüft wird. Dazu gibt es eine FFP-2-Maske und ein Desinfektionsmittel, das im Dunkeln leuchtet.

Katharina und Juliana haben damit keine Probleme. Von der Studie haben die Tim-Bendzko-Fans über den Instagram-Kanal des Sängers gehört. Allgemein fällt auf, dass die meisten Teilnehmer nicht älter als 35 Jahren sein dürften.

In der Schlange zu den Zelten sieht man viele Jutebeutel der Uni Leipzig, abgelaufene Sportschuhe mit dem berühmten Haken und Baseball-Kappen. Nur ein älterer Herr im weißen Hemd fällt mit der für Markus Söder typischen Rauten-Maske in Bayernfarben aus der Reihe. Das kann aber auch daran liegen, dass das Höchstalter für die Teilnehmer auf 50 Jahre begrenzt wurde - um Risikogruppen zu schützen. 

Trotz Regen gut gelaunt: Zahnarzthelferin Katharina und Erzieherin Juliana aus Brandenburg freuen sich auf ihr Idol Tim Bendzko. "Die Künstler müssen auch Geld verdienen."
Trotz Regen gut gelaunt: Zahnarzthelferin Katharina und Erzieherin Juliana aus Brandenburg freuen sich auf ihr Idol Tim Bendzko. "Die Künstler müssen auch Geld verdienen." © SZ/Daniel Krüger

Doch vorerst müssen die Teilnehmer warten. Als das erste Konzert um 11.40 Uhr starten soll, stehen noch mehrere Hundert Menschen vor der Arena. Es gibt technische Probleme mit den Abstandsmessern, informiert eine Pressesprecherin. Später ist zu hören, dass 60 Probanden falsche Tracer bekommen haben, die eigentlich für die Anfahrt in den Sonder-Straßenbahnen gedacht waren.

Die meisten von ihnen nehmen es locker, einige haben sich unter dem Vordach des Gebäudes vor dem plätschernden Regen in Sicherheit gebracht. Hier und da zischen die ersten mitgebrachten Bierdosen des Vormittags. Heute ist eben alles anders, vor allem zeitlich. Eine Corona-Massen-Studie in Echtzeit - das ist auch für die Forscher etwas völlig Neues.

Teilnehmerinnen bei Restart19: Weil falsche Abstandsmesser ausgeteilt wurden, kam es zu einer Verzögerung von über einer Stunde.
Teilnehmerinnen bei Restart19: Weil falsche Abstandsmesser ausgeteilt wurden, kam es zu einer Verzögerung von über einer Stunde. © dpa-Zentralbild

Das knapp eine Million teure Experiment "Restart-19", das von der Uniklinik Halle durchgeführt und von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziell unterstützt wird, soll eine Blaupause für Großveranstaltungen in Corona-Zeiten sein.

Die Forscher wollen in drei verschiedenen Szenarien mit unterschiedlichen Hygieneregeln herausfinden, wie Künstler und Sportler vor Publikum auftreten können - ohne dass die Veranstaltungen zum nächsten "Superspreader-Event" werden.

Um möglichst viele Probanden zu locken, erklärte sich Chartssänger Tim Bendzko im Vorfeld bereit, an diesem Sonnabend in Leipzig drei Mal zu singen. Doch Bendzko zog nicht wie gedacht. Immer wieder musste die Anmeldefrist verlängert werden, am Ende stehen statt der geplanten 4.200 Teilnehmer nur 1.400 in der Halle. 

Datenpanne: Unbefugte gelangen an Mail-Adressen

Kurz vor dem Beginn um 12 Uhr müssen die Verantwortlichen die nächste Panne eingestehen. Die Mail ist entgegen Gerüchten vom Vormittag kein Teil des Experiments. Offensichtlich hat sich jemand illegal Zugang zu den Teilnehmerlisten der Presse verschafft.

"Wir wurden schon im Vorfeld per Mail stark angefeindet," sagt der Dekan der Universitätsmedizin Halle, Michael Gekle und runzelt die Stirn. Nun versuche die Uni herauszufinden, wer hinter der Mail an die Journalisten steckt, und prüfe juristische Schritte. Und was ist mit der Infektionsgefahr?

"Es ist wissenschaftlich eindeutig", so Gekle, der sich gezwungen sieht, die Vorwürfe aus der Mail zu entkräften. Am Donnerstag mussten alle Teilnehmer einen Corona-Test machen und abschicken, der dann innerhalb eines Tages in Leipzig ausgewertet wurde. 

Wer sich am Freitag infiziert habe, sei daher am nächsten Morgen auf keinen Fall ansteckend. Zudem seien die FFP-2-Masken, die hier jeder tragen muss, zusätzlicher Selbst- und Eigenschutz, der Test nur ein Baustein des Konzepts. 

Chef-Infektiologe: "Ich will euch näher sehen"

Als zehn Minuten später endlich alle Teilnehmer in der Halle sind, bleiben schätzungsweise 70 Prozent aller Sitze leer. Studienleiter Stefan Moritz, Chef-Infektiologe in Halle mit bayerischem Dialekt, tritt in einem grünen Shirt auf die Bühne und wird bejubelt, als wäre er und nicht Bendzko der Popstar des Tages.

Seine Forderungen klingen in fortgeschrittenen Pandemie-Zeiten fast schon kurios: "Ich will euch hier viel näher bei mir haben, lasst keinen Platz!" Denn im ersten Szenario soll es wie damals sein. Damals, als es noch keinen Coronavirus gab. Damals, als schwitzende Körper von Fremden Gemeinschaftsgefühl auf Konzerten ausstrahlten und keine Gefahr. 

Doch jetzt haben Stefan Moritz und seine Kollegen in akribischer Kleinarbeit eine Computer-Simulation der Arena erstellt. Und Moritz zeigt schon vor dem eigentlichen Beginn, dass drei Monate wissenschaftliche Arbeit im Vorfeld des Events nicht ohne Ergebnis geblieben sind.

"Uwe, schmeiß mal die Maschine an" ruft Moritz zu einem Techniker. Kurze Zeit später strömt dichter Nebel aus den Düsen der linken Seite und formiert sich zu einer kreisrunden Wolke, die langsam über die Köpfe in der letzten besetzten Reihe zieht. "Wenn wir die Lüftungsanlagen umstellen, können wir erreichen, dass sich die Aerosole nicht zu lange im Raum halten", sagt Moritz. In den nächsten Tagen will er dazu ein Modell vorlegen. 

Die Party-Stimmung bleibt aus

Wer als Zuschauer nun aber glaubt, dass Bendzko endlich musikalisch loslegt, hat sich getäuscht. Wegen der Pannenverzögerung werden alle Teilnehmer erst einmal in die planmäßige Mittagspause geschickt. Wissenschaftliche Abläufe und spontanes Feiern, zwei Realitäten, die einfach nicht so ganz zusammenpassen wollen.

Als der Mann mit den blonden Locken, den manche nur schwer von Schauspieler Matthias Schweighöfer unterscheiden können, davon singt, dass es "unter die Haut" gehe und sein "Herz längst nicht mehr lebt", sind längst nicht alle Zuschauer von ihrer Jagd auf ein kostenloses Käsebrötchen zurück. Die Restlichen sitzen relativ unbeweglich auf ihren Stühlen, hier und da wird ein Arm mitgeschwungen.

Bendzko greift zum Mikrofon und spricht dann auch nicht von Fans, sondern dankt denen, die gekommen sind, "um uns hier heute zu helfen". Erst als er seinen Nummer-eins-Hit "Nur kurz die Welt retten" ankündigt, ist ihm mehr Applaus sicher. Von Ischgl-artigen Partymomenten ist man aber auch anschließend noch weit entfernt.  

Vielleicht hätte Ballermann-Sängerin Melanie Müller die Stimmung in ihrem Heimat-Bundesland mehr angeheizt. Doch Müller, die sich selbst über die Boulevard-Medien angekündigt hatte, sitzt statt in der Arena zuhause in Quarantäne. Ihre gesamte Familie hat sich mit dem Coronavirus angesteckt. 

Dänischer Handballer: "Weltweit einzigartig"

Star-Rummel hin oder her: Vielleicht hat sich die Solidarität der Zuschauer auch einfach dahin verschoben, wo sie während Corona am dringendsten gebraucht wird. Zu den regionalen Vereinen zum Beispiel. Im Oktober will der Handball-Erstligist SC DHfk Leipzig wieder in seiner Heimarena spielen - vor Publikum. 

Erlebt seine ersten Monate in Sachsen während der Corona-Pandemie: Der dänische Handballer Martin Larsen.
Erlebt seine ersten Monate in Sachsen während der Corona-Pandemie: Der dänische Handballer Martin Larsen. © SZ/Daniel Krüger

Geisterspiele könne man sich nicht leisten, heißt es schon seit Beginn der Pandemie von Vereinsseite. Auf der Bühne werden die Spieler mit tosendem Applaus begrüßt. Neu an ihrer Seite ist Martin Larsen. Der dänische Handballspieler wohnt seit Juni mit seiner Familie in Leipzig und ist begeistert von Sachsen und der Restart-19-Studie.

Anders als in seinem Heimatland falle ihm hier vor allem auf, dass fast überall Maske getragen werde. Larsen findet es wichtig und gut, dass in Sachsen getestet wird, unter welchen Bedingungen Sportler wieder vor ihren Fans spielen dürfen.

"Das ist ein einzigartiges Projekt, das es weltweit so noch nicht gab", sagt der knapp zwei Meter große Vater von zwei Kindern. "Es wird auch allen anderen Ländern und Sportarten helfen", ist Larsen überzeugt. 

Tim Bendzko: "Steuern auf großes Unglück zu"

Zurück geht es in die Halle, die aufgrund veränderter Hygienebedingungen deutlich voller wirkt. Tim Bendzko wird an diesem Tag mit Unterbrechungen noch zwei Mal 40 Minuten lang spielen. In Szenario zwei bleibt zwischen allen Zuschauern, die nicht zu einem Haushalt gehören, ein Stuhl frei. Außerdem müssen die Besucher von verschiedenen Zugängen die Halle betreten und dürfen sich nicht frei bewegen. In Szenario drei herrscht ein strikter Sicherheitsabstand von 1,5 Metern. 

Mit mehr Distanz steigt auch die Stimmung im Publikum. "Du kannst das Leben leicht nehmen. Auch wenn es das nicht ist", singt Bendzko mit weicher Stimme ins Mikrofon und springt in einer rosa-blauen Trainingsjacke über die Bühne. Auf den Treppen zücken zwei junge Frauen die Feuerzeuge. "Brauchst nur ein bisschen Leichtsinn. Und kannst sein, wer du willst." 

Leicht fühle sich aber auch für Bendzko momentan nichts an, gibt der Sänger später vor den Journalisten zu bekennen. Es gehe dabei nicht um Künstler wie ihn, die regelmäßig im Radio oder TV auftreten. "Die 99,9 Prozent der Menschen, die in der Veranstaltungsbranche im Hintergrund arbeiten, steuern auf ein großes Unglück zu", sagt er. 

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Um das zu verhindern, will Studienleiter Stefan Moritz in spätestens sechs Wochen die Ergebnisse des Experiments veröffentlichen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, der an diesem Sonnabend von Sachsen in die Welt gesendet wird. Als die Teilnehmer nach über acht Stunden aus den Türen der Arena strömen und ihre Masken abnehmen, strahlt ihnen die Abendsonne ins Gesicht. 

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