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Tim Bendzko in Leipzig: So lief das Corona-Konzert

Die Politik will Events vor großem Publikum wieder möglich machen. Bei "Restart-19" in Leipzig erlebten Zuschauer und Künstler wie das aussehen könnte.

Von Daniel Krüger
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In der Corona-Pandemie wirken solche Bilder fast surreal. Rund 1.400 Zuschauer lauschten dem Sänger Tim Bendzko in Leipzig eng auf eng - zu wissenschaftlichen Zwecken.
In der Corona-Pandemie wirken solche Bilder fast surreal. Rund 1.400 Zuschauer lauschten dem Sänger Tim Bendzko in Leipzig eng auf eng - zu wissenschaftlichen Zwecken. © Hendrik Schmidt/dpa

Leipzig. Das erste deutsche Massenexperiment seit Ausbruch der Pandemie beginnt schon zehneinhalb Stunden vor dem Einlass. In den Postfächern der teilnehmenden Journalisten landet eine dubiose E-Mail aus der Schweiz. Unter dem Betreff "Restart-19-Sicherheitsbedenken" schreibt "gabi.mag.kaese", sie zweifle stark am Sinn und dem wissenschaftlichen Nutzen der Veranstaltung.

In grammatikalisch eher fragwürdigem Deutsch stellt die vermeintliche Kritikerin Fragen, die offensichtlich Unsicherheit generieren sollen. Ob es denn zulässig sei, dass die Teilnehmer den verpflichtenden Corona-Test ohne medizinische Betreuung an sich selbst durchführen mussten? Und was wäre, wenn sich kurz zuvor jemand infiziert?

Pärchen aus Dresden: "Es wirkt sehr seriös"

In Leipzig ist am Samstagmorgen von Unsicherheit nichts zu spüren. Zumindest nicht bei Franziska Hobusch und Alexander Seedorff. Es ist 9 Uhr. Die beiden Basketball-Fans sind extra aus Dresden angereist und stärken sich vor dem Haupteingang der Arena noch mit Broten und Kaffee. Ihre Hoffnung: "Wir wollen bald wieder dabei sein, wenn die Dresdner Titans spielen." 

Es sei ihr kleiner bescheidener Beitrag, um dem Sport auch in dieser Zeit eine Zukunft zu bieten, sagt Seedorff. Angst vor einer Ansteckung haben beide nicht, auch wenn der Selbst-Corona-Test herausfordernd gewesen sei. 

"Wir waren unsicher, ob wir mit den Stäbchen bis in den Rachen kommen", sagt seine Freundin. Die Prozedur an sich wirke aber gut durchstrukturiert und seriös. Nun müssten nur noch die Ergebnisse des Experiments stimmen.

Franziska Hobusch und Alexander Seedorff aus Dresden wollen ihre Titans wieder Körbe werfen sehen. Restart19 gibt ihnen dafür Hoffnung.
Franziska Hobusch und Alexander Seedorff aus Dresden wollen ihre Titans wieder Körbe werfen sehen. Restart19 gibt ihnen dafür Hoffnung. © SZ/Daniel Krüger

Was das Pärchen noch vor sich hat, liegt schon hinter den Geschwistern Juliana und Katharina. Sie stehen im prasselnden Regen auf einem Schotterplatz hinter der Arena. Der ehemalige Parkplatz wurde für Restart-19 umfunktioniert. Jetzt stehen hier drei Zelte, in denen alle Teilnehmer dieselbe "Check-In"-Prozedur durchlaufen.

Erst wird Fieber gemessen, dann scannen Mitarbeiter des "Hygiene-Teams" in neongelben T-Shirts die QR-Codes der Probanden und gleichen sie mit den Corona-Testergebnissen ab.  

Wenn alles stimmt, erhalten die Besucher ein kleines schwarzes Kästchen um den Hals, ein sogenannter Tracer, mit dem später alle fünf Sekunden der Abstand geprüft wird. Dazu gibt es eine FFP-2-Maske und ein Desinfektionsmittel, das im Dunkeln leuchtet.

Katharina und Juliana haben damit keine Probleme. Von der Studie haben die Tim-Bendzko-Fans über den Instagram-Kanal des Sängers gehört. Allgemein fällt auf, dass die meisten Teilnehmer nicht älter als 35 Jahren sein dürften.

In der Schlange zu den Zelten sieht man viele Jutebeutel der Uni Leipzig, abgelaufene Sportschuhe mit dem berühmten Haken und Baseball-Kappen. Nur ein älterer Herr im weißen Hemd fällt mit der für Markus Söder typischen Rauten-Maske in Bayernfarben aus der Reihe. Das kann aber auch daran liegen, dass das Höchstalter für die Teilnehmer auf 50 Jahre begrenzt wurde - um Risikogruppen zu schützen. 

Trotz Regen gut gelaunt: Zahnarzthelferin Katharina und Erzieherin Juliana aus Brandenburg freuen sich auf ihr Idol Tim Bendzko. "Die Künstler müssen auch Geld verdienen."
Trotz Regen gut gelaunt: Zahnarzthelferin Katharina und Erzieherin Juliana aus Brandenburg freuen sich auf ihr Idol Tim Bendzko. "Die Künstler müssen auch Geld verdienen." © SZ/Daniel Krüger

Doch vorerst müssen die Teilnehmer warten. Als das erste Konzert um 11.40 Uhr starten soll, stehen noch mehrere Hundert Menschen vor der Arena. Es gibt technische Probleme mit den Abstandsmessern, informiert eine Pressesprecherin. Später ist zu hören, dass 60 Probanden falsche Tracer bekommen haben, die eigentlich für die Anfahrt in den Sonder-Straßenbahnen gedacht waren.

Die meisten von ihnen nehmen es locker, einige haben sich unter dem Vordach des Gebäudes vor dem plätschernden Regen in Sicherheit gebracht. Hier und da zischen die ersten mitgebrachten Bierdosen des Vormittags. Heute ist eben alles anders, vor allem zeitlich. Eine Corona-Massen-Studie in Echtzeit - das ist auch für die Forscher etwas völlig Neues.

Teilnehmerinnen bei Restart19: Weil falsche Abstandsmesser ausgeteilt wurden, kam es zu einer Verzögerung von über einer Stunde.
Teilnehmerinnen bei Restart19: Weil falsche Abstandsmesser ausgeteilt wurden, kam es zu einer Verzögerung von über einer Stunde. © dpa-Zentralbild

Das knapp eine Million teure Experiment "Restart-19", das von der Uniklinik Halle durchgeführt und von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziell unterstützt wird, soll eine Blaupause für Großveranstaltungen in Corona-Zeiten sein.

Die Forscher wollen in drei verschiedenen Szenarien mit unterschiedlichen Hygieneregeln herausfinden, wie Künstler und Sportler vor Publikum auftreten können - ohne dass die Veranstaltungen zum nächsten "Superspreader-Event" werden.

Um möglichst viele Probanden zu locken, erklärte sich Chartssänger Tim Bendzko im Vorfeld bereit, an diesem Sonnabend in Leipzig drei Mal zu singen. Doch Bendzko zog nicht wie gedacht. Immer wieder musste die Anmeldefrist verlängert werden, am Ende stehen statt der geplanten 4.200 Teilnehmer nur 1.400 in der Halle. 

Datenpanne: Unbefugte gelangen an Mail-Adressen

Kurz vor dem Beginn um 12 Uhr müssen die Verantwortlichen die nächste Panne eingestehen. Die Mail ist entgegen Gerüchten vom Vormittag kein Teil des Experiments. Offensichtlich hat sich jemand illegal Zugang zu den Teilnehmerlisten der Presse verschafft.

"Wir wurden schon im Vorfeld per Mail stark angefeindet," sagt der Dekan der Universitätsmedizin Halle, Michael Gekle und runzelt die Stirn. Nun versuche die Uni herauszufinden, wer hinter der Mail an die Journalisten steckt, und prüfe juristische Schritte. Und was ist mit der Infektionsgefahr?

"Es ist wissenschaftlich eindeutig", so Gekle, der sich gezwungen sieht, die Vorwürfe aus der Mail zu entkräften. Am Donnerstag mussten alle Teilnehmer einen Corona-Test machen und abschicken, der dann innerhalb eines Tages in Leipzig ausgewertet wurde. 

Wer sich am Freitag infiziert habe, sei daher am nächsten Morgen auf keinen Fall ansteckend. Zudem seien die FFP-2-Masken, die hier jeder tragen muss, zusätzlicher Selbst- und Eigenschutz, der Test nur ein Baustein des Konzepts.