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Riesa

Tödliche Überweisung nach Leipzig

In der NS-Zeit wurden behinderte Kinder auch aus Riesa getötet. Ein Mediziner erinnert daran.

Günther B. aus dem Umland von Riesa erreichte nicht einmal das Grundschul-Alter. Er wurde in eine Kinderkrankenhaus nach Leipzig überwiesen - wo die NS-Medizin behinderte Kinder tötete.
Günther B. aus dem Umland von Riesa erreichte nicht einmal das Grundschul-Alter. Er wurde in eine Kinderkrankenhaus nach Leipzig überwiesen - wo die NS-Medizin behinderte Kinder tötete. © Sebastian Schultz

Riesa. Sitzen kann der kleine Günther schon. Aber noch nicht laufen. Und sprechen kann das Kind im Alter von zwei Jahren und drei Monaten auch noch nicht. Die Diagnose: Hydrocephalus internus, umgangssprachlich "Wasserkopf" genannt. Für das im März 1940 geborene Kind aus dem Riesaer Umland bedeutet das eine Überweisung nach Leipzig. Und damit letztlich das Todesurteil.

Denn dort war wenige Jahre zuvor, 1938/39, unter Leitung von Professor Catel im Stadtkinderkrankenhaus der Universitätskinderklinik das erste behinderte Kind Deutschlands mit medizinischen Mitteln und durch Fachpersonal gezielt „eingeschläfert“ worden. Dieser als „Fall Leipzig“ oder „Kind K“ in der Geschichtsforschung bekannt gewordene Vorgang gilt heute als Initialzündung für die reichsweite Ermordung behinderter Kinder und Jugendlicher. 

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Im weiteren Verlauf der mörderischen NS-Gesundheitspolitik wurden seit 1940 in Leipzig zwei sogenannte „Kinderfachabteilungen“ eingerichtet, in denen Kinder gezielt getötet wurden. Bisher sind 551 Tötungen in Leipzig nachweisbar.

Der Referent Thomas Seyde beschäftigt sich bereits seit Mitte der 1990er Jahren mit den historischen Kindertötungen in den Leipziger Krankenhäusern. Als Psychologe traf er in seinem Arbeitsalltag immer wieder auf Menschen, die als schwer psychisch krank oder behindert galten. Thomas Seyde wurde dabei bewusst, dass diese Menschen ungeachtet ihrer Erkrankung etwas Wichtiges zu unserem Leben beitragen. Und zudem, wie schmal der Grat ist, selbst etwa durch traumatische Erlebnisse schwer zu erkranken.

Die Vorstellung, dass psychisch Kranken Hilfe verwehrt wird und wie im Nationalsozialismus sogar durch gezielte Ermordung Hilfe ins Gegenteil verkehrt wurde, erschütterte ihn. Der Mantel des Schweigens, der in der DDR über die Geschehnisse gelegt wurde, und die damit verbundene Unwissenheit vor allem unter Medizinern, waren für Thomas Seyde Ansporn, mit einem Erinnerungsort in Leipzig auf die Verbrechen und ihre Opfer aufmerksam zu machen.

Der Vortrag gehört zum Rahmenprogramm der Ausstellung „Die nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Morde“. Die Ausstellung ist eine Kooperation der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain und des Stadtmuseums Riesa. Sie ist bis zum 15. März im Stadtmuseum Riesa zu sehen. (SZ)

Am Dienstag, 25. Februar, spricht Thomas Seyde um 17 Uhr im Stadtmuseum Riesa über die Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig.

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