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Wird das Gebirge die neue Ostsee?

Urlaub im eigenen Land ist in. Seit dem 15. Mai gibt es im Tourismuszentrum wesentlich mehr Buchungen als 2019. Die Leiterin sagt, warum und wo es hapert.

Sylvia Gulich leitet das Tourismuszentrum Naturpark Zittauer Gebirge.
Sylvia Gulich leitet das Tourismuszentrum Naturpark Zittauer Gebirge. © Matthias Weber/photoweber.de

Corona hat den Tourismus lahmgelegt. Die April-Daten im Tourismus zeigen einen massiven Rückgang der Übernachtungen in Sachsen. 247.000 Übernachtungen wurden in den Beherbergungseinrichtungen im April 2020 gebucht. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes waren das 1,4 Millionen und damit 85 Prozent weniger als im April 2019. Knapp 45.000 Gäste bedeuten einen Rückgang um 93 Prozent. Nach den Lockerungen bei den Corona-Beschränkungen entscheiden sich nun immer mehr Leute für einen Urlaub im eigenen Land. Ist das eine Chance für den Naturpark Zittauer Gebirge und die gesamte Region? Wird das Gebirge die neue Ostsee? Die SZ sprach darüber mit Sylvia Gulich, der Leiterin vom Tourismuszentrum Naturpark Zittauer Gebirge.

Frau Gulich, in diesem Jahr wollen viele Leute in Deutschland Urlaub machen. Die Bäderorte an der Ostsee sind schon jetzt mit Buchungen überfüllt. Ist das die Chance für die Oberlausitz und das Zittauer Gebirge?

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Ja, auf jeden Fall. Wir sind nicht so ein überlaufenes Gebiet wie etwa die Sächsische Schweiz - eher ein Geheimtipp. Nach denen wird ja auch gesucht. Nach Corona wollen viele Menschen im Urlaub nicht dahin, wo alle sind. Wir sind eine Erlebnis-Region, die viel zu bieten hat. Bei uns kann man Wandern, Radwandern, wir haben den Olbersdorfer See  und wir sind besonders für Familienurlaube geeignet. 

Sehen das die Betreiber der Hotels und Pensionen auch so optimistisch?

Das war jetzt für sie alle eine sehr schwierige Zeit. Aber was ich jetzt nach den Lockerungen so mitbekommen habe, vertreten viele Hoteliers und andere Anbieter von Ferienwohnungen die gleiche Meinung.

Was fehlt uns im Vergleich zur Ostsee? Kann das Gebirge dem Vergleich mit einem Strandurlaub mithalten?

Natürlich die Ostsee. Aber es gibt viele Leute, die nicht unbedingt einen Strandurlaub wollen. Für die haben wir viel zu bieten. Dazu gehört nicht nur das Gebirge und die Sehenswürdigkeiten in der Region, sondern auch die Lage im Dreiländereck zu Polen und Tschechien. Seit dem 15. Juni sind die Grenzen wieder offen. 

Sie haben für das Tourismuszentrum Naturpark Zittauer Gebirge im Januar, als von Corona in Deutschland keine Rede war, mit Sachsen an einem Stand bei der CMT in Stuttgart, der weltweit größten Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit teilgenommen. Wie wird unsere Region bei so einem Event wahrgenommen?

Wir hatten als Naturpark dort keinen eigenen Stand, sondern gehörten mit zum Gemeinschaftsstand der Tourismus-Marketing-Gesellschaft (TMGS). Darin waren wir beim Messecounter der Arbeitsgemeinschaft Stadt-Schönheiten Sachsens vertreten. Unser Stand war gut frequentiert. Das Interesse für Sachsen ist groß - aber vor allem für Dresden, Leipzig und die Sächsische Schweiz. Wir hatten ein schönes Bild vom Gebirge und viele dachten, dass wäre die Sächsische Schweiz, bis wir sie aufklärten. 

Kann man ungefähr einschätzen, was bei so einer Messe Zählbares herauskommt?

Messbare Erfolge sind schwer nachzuvollziehen. Aber bei den Buchungen ist zumindest ein Teil durch die Postleitzahlen oder bei der Anfrage, wie sie auf unsere Region aufmerksam geworden sind, zu ermitteln. Und bei den Buchungen sieht es jetzt wirklich gut aus. 

Wie gut?

Seit mit dem 15. Mai die Reisebeschränkungen gelockert wurden, haben wir hier im Tourismuszentrum deutlich erhöhte Anfragen nach Informationen von unserer Region. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum haben wir etwa 40 Prozent mehr Nachfragen. Und die Leute fragen nicht nur an. Konkret können wir sagen, das wir vom 15. Mai bis heute circa 25 Prozent mehr Buchungen haben, als 2019 im gleichen Zeitraum. Dagegen war im April wegen Corona fast gar nichts.

Wir vertreten im Tourismuszentrum nicht nur als Reisevermittler, sondern auch als Reiseveranstalter fast die gesamte Region von Ostritz über Zittau, das Gebirge bis Löbau und vermitteln auch Komplettpakete. Bei den Buchungen haben wir gerade einen Boom bei Wandertouren. Seit dem 15. Mai sind die Anmeldungen für die Wanderungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30 Prozent gestiegen. 

Ganz gefragt ist unser Komplettpaket für den Oberlausitzer Bergweg von Neukirch bis Zittau mit sieben Übernachtungen. Dafür haben wir auch das Qualitätssiegel wanderbares Deutschland bekommen. Viele Sachsen buchen jetzt bei uns. Sogar aus unserem Landkreis bekommen wir Buchungen.  

Allerdings gibt es derzeit bei den Stadtführungen und Reiseleitungen wegen Corona einen richtigen Einbruch. Vorher hatten wir täglich Stadtführungen - jetzt nur noch zweimal wöchentlich. Wir haben ein Hygiene-Konzept aufgestellt und dürfen nicht mehr als zehn Personen durch die Stadt führen. Dennoch ist die Nachfrage im Vergleich zu früher gering. 

Gruppenführungen oder Reiseleitungen für Bus-Unternehmen sind fast gen Null gesunken. Das ist ein großes Manko, weil dadurch auch die Einnahmen fehlen. Beim Ticket-Verkauf sieht es nicht besser aus. Jetzt wäre eigentlich der Höhepunkt für den Verkauf der Karten für die Waldbühne in Jonsdorf. Aber da wird 2020 nicht gespielt. Die Provision, die wir für den Kartenverkauf erhalten, fällt also weg.  

Brauchen wir mehr Bettenkapazitäten? 

Anhand der Auslastungszahlen denke ich nicht. Mit Hotels sind wir gut aufgestellt. In der Stadt Zittau gibt es in den großen Hotels und Pensionen mit mehr als zehn Betten insgesamt über 410 Schlafgelegenheiten für Touristen. Hinzu kommen die Gästebetten in den kleineren Hotels und Ferienwohnungen - und natürlich im Umland, vor allem im Gebirge. Mit der steigenden Nachfrage bei der Radtouristik wäre es gut, wenn wir mehr einfache Pensionen anbieten könnten. Bei Radtouristen, die zum Beispiel den Oder-Neiße-Radweg fahren, sind Hotels nicht so gefragt. 

Wo haben wir noch die größten Baustellen im Tourismus?

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Ich würde sagen, geschlossen als Region aufzutreten. Zu oft gibt es noch ein Kirchturmdenken. Aber da sind wir, dank der Arbeit der TGG, auf einem guten Weg. Seit der Oberbürgermeister der Stadt Zittau, Thomas Zenker, Vereinsvorsitzender ist, hat sich in dieser Hinsicht viel getan. Die Erlebnisbox 365 Grad Urlaub ist ein gutes Beispiel dafür. Sie ist auf Initiative des Lenkungsausschusses entstanden. In dem handlichen Heftchen werden zehn touristische Leistungsträger und ihre Angebote vorgestellt, darunter auch ein polnischer und tschechischer.   

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