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Hier trainiert unser Reporter für seine Reise in die Arktis

SZ-Redakteur Stephan Schön ist unterwegs mit Leipziger Forschern zur Nordpolar-Expedition. Dieser Survival-Kurs ist dafür Voraussetzung.

SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön nimmt derzeit an der internationalen Nordpolar-Expedition Mosaic teil. Davor stand im Februar allerdings das Überlebenstraining.
SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön nimmt derzeit an der internationalen Nordpolar-Expedition Mosaic teil. Davor stand im Februar allerdings das Überlebenstraining. © Jürgen Lösel

Bremerhaven. Der Nordpol liegt gleich hinter Bremerhaven. Die Arktis beginnt noch vor der Doppelschleuse am alten Hafen. Eine lange, große Halle, wie so viele im Industriegebiet am Hafenbecken. Nur, dass vor der Tür ein paar knallrote Rettungsboote stehen. Auf Land allerdings. Genau hier beginnt die Reise in die Arktis. Wer auch immer ein Forschungsflugzeug auf Spitzbergen besteigen will, wer dort in Richtung Nordpol abhebt, der muss zunächst hier vorbei, oder exakter: bei Rely On Nutec ins Wasser.

Zwölf Männer und Frauen sind es heute. Wissenschaftler vom Alfred-WegenerPolarinstitut AWI. Als Wissenschaftsredakteur der Sächsischen Zeitung schwimme ich dort mit. Es ist die Vorbereitung für eine exklusive Expeditionsbegleitung. Wissenschaftler vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig planen, von Spitzbergen aus in Richtung Nordpol zu fliegen. Sie alle haben ihr Überlebenstraining schon hinter sich. Ich noch nicht. 

Geld und Recht
Wer den Pfennig nicht ehrt
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und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Doch ohne Zertifikat kein Mitflug. Das gilt ausnahmslos für jeden, selbst wenn es ein gestandener Astronaut wäre. Daher muss selbst der Chef der größten Polarexpedition aller Zeiten, die derzeit läuft, mit ins Becken. Markus Rex vom AWI. Das war Ende Februar. Die Flug-Expedition war für März geplant. Doch dann kam Corona. Das einzig Gute: das Survival-Zertifikat gilt auch noch heute, morgen und nächstes Jahr. Nun ist es also Ende August geworden.

Wir werden es heute ordentlich krachen lassen.“ Die Ansage klingt cool, macht aber wenig Mut. „Zur Abschlussübung wird richtig schlechtes Wetter sein.“ Thorsten, der Cheftrainer für diesen Überlebenskurs, ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, das Programm vorzustellen. Thorsten Lieb, Trainer, Rettungsschwimmer und Ausbilder von Rely On Nutec, macht die Forscher fit für das, was sie hoffentlich nie brauchen werden, nicht mal ansatzweise. „Aber sollte es zu einer Notlandung im Wasser kommen, dann gibt euch das eine Chance, zu überleben.“ 

Schon die halbe Rettung, der Überlebensanzug sitzt.
Schon die halbe Rettung, der Überlebensanzug sitzt. © Jürgen Lösel

Noch keine fünf Minuten geht der Kurs, da sind die drei grundlegendsten Dinge geklärt: Hier gibt’s nur das Du, kein Sie. Genau zuhören und nachmachen, Fehler könnten draußen den Tod bedeuten. Und immer: „Positiv denken. Das ist das Wichtigste überhaupt.“ Hier beim Training, vor allem aber draußen. Die große Halle ist kein Industrielager, hier drinnen befindet sich das Schwimmbecken fürs Überlebenstraining. Seeleute brauchen solche Kurse, Monteure von Windrädern im Meer auch. Und ebenso die Wissenschaftler. 

Notfall und Testfall

STCW A-VI/1-1 nennt sich das international gültige Zertifikat. Der Kurs soll herausfordern, ans persönliche Limit gehen. „Da kommt auch der eine oder andere Mittzwanziger an seine Grenzen“, macht Thorsten noch mal so richtig Mut. Das Durchschnittsalter im Kurs dürfte diesmal um die 50 liegen. Egal, jetzt geht’s los. Den vier Stunden Theorie folgen nun vier Stunden im Becken.

Fast wie vom andern Stern sehen die langen orangefarbenen Überlebensanzüge aus. Dutzende hängen dicht an dicht auf der Stange im Umkleideraum. Frankenstein heißen die Anzüge im Forscherjargon. Vielleicht auch, weil sie einen so unbeholfen und klobig wirken lassen. Nach dem Schwimmen, draußen am Beckenrand, falten sie sich zusammen und sehen dann aus wie ein Päckchen Vakuumkaffee.

Thorsten, der Trainer macht nicht nur Mut.
Thorsten, der Trainer macht nicht nur Mut. © Jürgen Lösel

Diese Anzüge retten Leben. Sie müssen schon beim Einsteigen ins Flugzeug angezogen sein. Alles andere wäre im Ernstfall zu spät. Nach einer Minute im Eiswasser gäbe es keine Reaktion mehr. Der Tod käme nach zehn Minuten. Der Überlebensanzug, gut isoliert und wasserdicht, kann indes über Stunden Leben erhalten. Wenn er denn richtig, sehr präzise angezogen sitzt. Neoprenschuhe gibt es dazu, Handschuhe mit drei Fingern, alles wasserdicht. Doch es reicht schon ein Stück Fleecejacke unter der Gummimanschette am Handgelenk, und das Wasser dringt ein. 

Das ist hier bei der Übung bei 20 Grad plus nicht so tragisch. Verhängnisvoll wäre es draußen. Die Wassertemperatur ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Notfall und Testfall, mal abgesehen davon, dass es nur eine Übung ist, bei der auch noch die drei Trainer dabei sind. „Sonst geben wir uns aber so richtig viel Mühe, alles so real wie möglich zu machen“, das Draußen nach drinnen in die Halle zu holen, sagt Thorsten.

Drei Stunden Paddeln im Wasser

Was es damit auf sich hat, zeigt die Abschlussübung. Da paddeln wir als Team schon drei Stunden durchs Wasser. Die fette gelbe Schwimmweste drückt gegen Kopf und Nacken. Die Tauchübung zum Fenster des im Becken versenkten Flugzeugrumpfs liegt hinter uns. Auch der Sprung von der gut vier Meter hohen Rampe gelingt, trotz dieser fetten gelben Schwimmweste vorm Gesicht, so dass nicht mal die Kante zu sehen ist, geschweige denn das Wasser. „Ihr müsst schnell sein, bei einem Notfall geht es immer auch um Zeit“, sagt Thorsten. Nein, er schreit es. Denn inzwischen ist das eigene Wort kaum noch zu hören. Die Trainer haben die Wellenmaschine im Becken angeworfen. Was im Spaßbad pure Freude aufkommen lässt, bringt hier Stress. Soll es auch. Und es gibt noch mehr davon.

Flugzeug versenken und durch die Luke auftauchen.
Flugzeug versenken und durch die Luke auftauchen. © Jürgen Lösel

Die Abschlussübung beginnt, nachdem unzählige auch Kraft kostende Übungen schon gemacht sind. Die Rettungsinsel zu erklimmen ist nicht einfach. Schwimmen und retten mit diesem Anzug, sich selbst ins Seil zu hängen und vom Kran, der normalerweise ein Helikopter ist, bis unters Hallendach hieven zu lassen. Da habe ich wohl mal nicht aufgepasst, und das wird unangenehm. Die rettende Schlinge am Seil vom Helikopter kommt über die Schwimmweste, nicht etwa darunter. 

Ich merke es zu spät, als es für mich bereits am Seil aus dem Wasser gezerrt nach oben geht. Der gelbe Schwimmsack drückt ziemlich krass gegen Kinn und Gesicht. Solche Fehler lassen die Trainer gern mal durchgehen, prägt sich halt besser ein. Lebensbedrohliche Situationen verhindert das Trainerteam beim Survival natürlich. Zu dritt stehen sie am Beckenrand, jederzeit bereit, jemanden aus dem Wasser zu fischen, dem es schlecht geht. Erst recht beim Abschlusstraining.

Erst Starkregen, dann der Orkan

Das wird noch mal speziell: Für Mann und Frau, für alle zwölf gleichzeitig, beginnt die Abschlussprüfung auf der Rampe. Der Plan ist klar. Springen, sammeln, schwimmen und die Rettungsinsel besetzen. Was nicht klar ist, was drumherum noch so alles passiert. Das Licht in der Halle ist schon mal aus. Nur kurze Blitze aus den Stroboskop-Lampen zerreißen mit gleißender Helligkeit immer wieder diese dunkel-düstere Szenerie. Inzwischen schaukeln sich im Becken auch die Wellen knapp einen Meter hoch. Aus den beiden Industriegebläsen am Beckenrand faucht ein künstlicher Sturm mit Windstärke 8 bis 9. Dazu kommt Starkregen, der nahezu waagerecht übers Becken pfeift und die fetten Tropfen ins Gesicht drischt. Die Lautsprecher dröhnen einen Orkan herbei. Nein, nun ist wirklich kein einziges Wort mehr zu verstehen. Es ist nicht mehr zu erkennen, wer gerade neben einem schwimmt. Es ist so laut, dass selbst die Trillerpfeifen nur wenige Meter weit zu hören sind.

Huddle nennt sich so ein Rettungs-Rudel im Wasser.
Huddle nennt sich so ein Rettungs-Rudel im Wasser. © Jürgen Lösel

Es ist die einzige Chance, um nach dem Sprung ins dunkle Becken, die Gruppe zu finden und ein Huddle zu bilden. Huddle? Fußballer machen es, Pinguine tun es auch, alle kommen sie zusammen auf einen Haufen sozusagen. Huddle bilden, heißt also, Schulter an Schulter schwimmen, den Nachbarn fest anpacken und einige in die Mitte nehmen. Ganz eng zusammen, Beine senkrecht nach unten. Das spart Kraft, wärmt und hält die Gruppe zusammen, erklärt Thorsten. Dann wird der Haufen zur Kette. Mehrere Runden im Becken schwimmen, aber nie einer allein für sich bei diesem nächtlichen Unwetter. Dann endlich rein in die Rettungsinsel. Es ist immer noch dunkel, es blitzt, stürmt, regnet. Und der Seegang hört nicht auf, warum auch.

Das Wichtigste: Positiv denken“

Die Chancen, in solch einer Situation als Gruppe gemeinsam von Rettern gefunden zu werden, seien ungleich größer als allein. Und so zählt bei dieser Abschlussübung nicht, wer am besten und schnellsten die Rettungsinsel erreicht, sondern wie es alle gemeinsam schaffen, dort hineinzukommen. Anpacken und reinzerren, Hauptsache rüber über die Wand der Rettungsinsel, egal wie und egal wen, hatten die Trainer gesagt. Zwölf Leute in der Notinsel sollten es sein. 

Im schwachen Mondlicht, simuliert von einer Taschenlampe irgendwo in der stürmischen Halle, ist selbst der Gegenüber in der Rettungsinsel nicht mehr zu erkennen. „Durchzählen“, ruft jemand. Wer auch immer. Einer muss den Ton angeben, einer muss den Notfall managen, hatten die Trainer gesagt. Und was, wenn jemand panisch wird? „Redet einfach mit ihm, egal was. Gebt ihm eine Aufgabe“, war am Morgen bei der Theorie ein Ratschlag von Thorsten. „Beschäftigt ihn, ganz gleich ob es Sinn macht. Das Wichtigste: Positiv denken.“ Da war sie wieder, die Zauberformel.

Noch fehlen Wellen, Wind und Blitze.
Noch fehlen Wellen, Wind und Blitze. © Jürgen Lösel

Der Platz zu zwölft in solch einer runden Rettungsinsel reicht gerade zum Sitzen. Die Beine aller zusammen treffen sich in der Mitte und verhaken sich zu einem undefinierbarem Knäuel. Es schaukelt, es dröhnt, es blitzt. Die Luft in dem Rettungsfloß wird irgendwie komisch. Auch das ist den Trainern bekannt. „Im Ernstfall nimmt daher jeder eine Tablette aus dem Notpack der Insel. Die nächste nach sechs Stunden. Die machen nicht lustig, eher sehr müde und sind gegen Seekrankheit.“ Soweit der Plan für den Ernstfall, nicht aber fürs Training. Und kann es sein, dass sich das Geschaukel schon nach zehn Minuten irgendwie auf dem Magen legt …

Ein bisschen Luft reinlassen, mal die Plane über dem Floß ein klein wenig lüften? Als hätten die Trainer nur darauf gewartet. Wahrscheinlich haben sie es geahnt: Sie stehen mit dem Schlauch am Beckenrand parat und pumpen jede Menge Wasser durch die illegal geschaffene Luftluke. Und so vergehen die Minuten, immer in der Hoffnung, dass niemandem wirklich schlecht wird. Das ergäbe dann wohl eine unangenehme Kettenreaktion.

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Licht an, Wellen aus. Die Gruppe hat sich letztlich hervorragend durch Wind und Wellen geschlagen. Thomas Reim, der Co-Trainer, nickt. „Kein Gemecker von mir ist Lob genug“, sagt er norddeutsch kurz und kühl. Und grient. Wir anderen zwölf am Beckenrand grinsen auch. Geschafft.

Jetzt kann der Polarflug beginnen.

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