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Tempo 30 für ganz Dresden?

Nach dem Unfall an der Reicker Straße, bei dem eine Radfahrerin ums Leben kam, gibt es Forderungen von vielen Seiten.

Von Julia Vollmer & Sarah Herrmann
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Am Sonnabend wurde an der Ecke Reicker/Wieckestraße ein weißes Fahrrad - ein sogenanntes Ghostbike - aufgestellt. Damit wird einer Radfahrerin gedacht, die dort am Freitagabend bei einem Unfall ums Leben kam.
Am Sonnabend wurde an der Ecke Reicker/Wieckestraße ein weißes Fahrrad - ein sogenanntes Ghostbike - aufgestellt. Damit wird einer Radfahrerin gedacht, die dort am Freitagabend bei einem Unfall ums Leben kam. © René Meinig

Die Trauer ist immer noch groß, nachdem am Freitagnachmittag eine Radfahrerin auf der Reicker Straße tödlich verunglückte. Woran könnte es gelegen haben? Was soll jetzt passieren? Sächsische.de hat mit verschiedenen Akteuren gesprochen.

Die Polizei: Unfallfahrer war viel zu schnell

Die Polizei untersucht noch immer, wie die Radfahrerin vor das Auto geriet. Bekannt ist, dass die 55-Jährige am Freitagnachmittag gegen 15 Uhr auf der Reicker Straße mit dem Fahrrad in Richtung Innenstadt fuhr. Auf Höhe der Wieckestraße wurde sie von einem Mercedes erfasst. Dessen 18-jähriger Fahrer, ein Mann irakischer Nationalität, hatte zuvor eine Kolonne von Fahrzeugen überholt. "Was wir auf jeden Fall sagen können, ist, dass er mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war", sagt Polizeisprecher Lukas Reumund. "Das zeigen die Spuren am Unfallort." Und auch die Folgen des Unfalls waren deshalb gravierend: Die Radfahrerin schlug wahrscheinlich auf dem Autodach auf, ihr Fahrrad wurde in zwei Teile gerissen. Der Rettungsdienst konnte ihr nicht mehr helfen. Sie verstarb noch am Unfallort. Unklar sei aber weiterhin, wie die Radfahrerin vor das Auto geriet.

Die Anwohner: Petition fordert schnelles Handeln

Die Anwohner sind erschüttert. Noch am Sonnabendnachmittag versammelten sie sich mit anderen Trauernden zu einer Mahnwache am Unfallort. Es wurden Kerzen und Kränze niedergelegt und ein sogenanntes Ghostbike aufgestellt. Mit den weiß lackierten Geisterrädern wird an im Straßenverkehr getötete Radfahrer erinnert. Zwölf davon stehen nun in Dresden und Umgebung - eines davon ganz in der Nähe des Neuen: An der Ecke Reicker/Cäcilienstraße, erinnert ein solches Mahnmal bereits an einen im Jahr 2014 umgekommenen Radfahrer.

Die Anwohner sind sich einig, warum die Straße so gefährlich ist. "Viele Autofahrer sind hier zu schnell unterwegs", sagt Heidi Störr. Nicht nur sie sieht das so, auch viele andere Anwohner beobachten immer wieder, dass gerast wird. "Außerdem fahren am Otto-Dix-Center viele bei Rot", so Störr weiter. Und auch riskante Überholmanöver sehe man oft. Dazu würden die überbreiten Fahrspuren einladen. "Umso unverständlicher ist es, dass es hier keine Radwege gibt."

Störr will das nicht weiter hinnehmen und hat nun eine Petition gestartet. Darin wird mehr Verkehrssicherheit auf der Reicker Straße gefordert. Das könne zum Einen durch die Markierung von Fahrradstreifen passieren. Damit verschmalere sich automatisch auch die Spur für die Autofahrer, welche dann womöglich weniger häufig überholen. Weitere Vorschläge der Anwohnerin sind stationäre Blitzer sowie die Umgestaltung der Haltestellen. Obwohl die Petition erst seit Montag unterzeichnet werden kann, sind schon über 100 Unterschriften zusammengekommen. Bis 24. Februar wird gesammelt.

Die Radfahrerin wurde mit so einer Wucht erwischt, dass ihr Gefährt in zwei Teile gerissen wurde. Die 55-Jährige verstarb noch am Unfallort.
Die Radfahrerin wurde mit so einer Wucht erwischt, dass ihr Gefährt in zwei Teile gerissen wurde. Die 55-Jährige verstarb noch am Unfallort. © Roland Halkasch

Die Radfahrer: Probleme nicht nur auf der Reicker Straße

„Man sieht auch hier auf der Reicker Straße, was an vielen Orten in Dresden schief läuft. Es gibt überbreite Fahrspuren, die zum Rasen und Überholen einladen, aber die Radfahrer sind nicht ausreichend geschützt", sagt Falk Schütze. Der Radfahrer, der dieses Mal bei der Geisterrad-Aktion mitgeholfen hat, ärgert sich über die aktuelle Verkehrspolitik.

Und auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) Dresden will das Problem nicht allein auf die Reicker Straße reduzieren. So gaben im Fahrradklima-Test 2018 80 Prozent der Dresdner Radfahrer an, regelmäßig von Autofahrern bedrängt zu werden, 75 Prozent fühlen sich gefährdet. Das teilt der ADFC in einer Pressemitteilung mit. "Es ist fast immer eine Kombination aus hoher Geschwindigkeit des Kraftfahrzeugs, für Fußgänger und Radfahrer unsicherer Infrastruktur und Rücksichtslosigkeit beziehungsweise Überforderung, die tötet. Die Geschwindigkeit der Kraftfahrzeuge muss auf ein sicheres Maß reduziert werden." sagt Vorstand Nils Larsen. Er fordert daher Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in der ganzen Stadt und ein Umdenken bei denjenigen, die überhöhte Geschwindigkeit als Lappalie betrachten. 

Im Falle der verunglückten Radfahrerin auf der Reicker Straße hätte ein Radfahrstreifen vielleicht geholfen, heißt es in der Pressemitteilung. Dieser sei bereits im Radverkehrskonzept eingeplant, aber immer noch nicht eingerichtet.

Die SZ-Leser: Auch Radler müssen Rücksicht nehmen

Für viele Leser von Sächsische.de wird das Thema zu einseitig betrachtet. Die meisten finden es nicht richtig, die Schuld nur bei den Autofahrern zu suchen. "Und trotzdem gibt es viele Radfahrer, die ohne Licht unterwegs sind und für die Verkehrszeichen und Ampeln nur als Empfehlung angesehen werden", schreibt beispielsweise Tommy van Kay bei Facebook. "Gegenseitige Rücksichtnahme ist sehr wichtig und auch Radfahrer sollten nicht rücksichtslos einfach drauf los radeln", pflichtet ihm Susanne Eichhorn bei. Auch viele Radfahrer seien zu schnell unterwegs oder würden Musik hören. Sabine Altmann fordert deshalb eine Prüfung für Radfahrer - ähnlich dem Führerschein bei Autofahrern. 

Die Politiker: Schnellere Verbesserung für Radler gefordert

Auch Linken-Stadtrat Tilo Wirtz spricht sich für Tempo 30 in der Stadt aus. Zumindest in der Innenstadt sei eine solche Begrenzung sinnvoll. Die Regelung würde Unfälle vielleicht nicht gänzlich vermeiden; wohl aber dafür sorgen, dass sie weniger oft tödlich enden. Darüber hinaus fordert Wirtz die Einführung von Abbiege-Assistenten in LKW sowie strengere Regeln für Autofahrer. Menschen mit Drogen- oder Alkoholproblemen sollten seines Erachtens ganz oder zumindest zeitweise aus dem Verkehr gezogen werden. Und auch die Stadt sieht Wirtz in der Verantwortung. So müssten Gefahrenstellen entschärft und für mehr Übersichtlichkeit an Kreuzungen gesorgt werden - notfalls müssen dafür Parkplätze wegfallen.

Auch die Grünen haben nach dem Unfall mehrere konkrete Forderungen. So hat der zuständige Bezirksbeirat Prohlis einen Antrag erarbeitet. Demnach soll der Oberbürgermeister bis Ende März prüfen, ob Tempo 30 im Abschnitt zwischen Otto-Dix-Ring und Altreick eingerichtet sowie ein Blitzer am Koitschgraben aufgebaut werden kann. Zudem soll die Errichtung von Ampeln in Haltestellenbereichen geprüft werden. Und vor allem sollten zeitnah Radwege markiert werden.

Das sehen auch die meisten anderen Politiker so. Immer wieder wird auf das Radverkehrskonzept verwiesen, in welchem diese Maßnahme bereits geplant ist. "Daher muss zügig das Radverkehrskonzept umgesetzt und auch mehr Augenmerk auf Gefahrenstellen gelegt werden", sagt CDU-Stadtrat Veit Böhm. 

Auch FDP-Stadtrat Holger Hase findet deutliche Worte: "Der Verkehrsbürgermeister hat für die Umsetzung des Konzepts eigens Mitarbeiter eingestellt. Dennoch verfehlen viele Maßnahmen, die bisher ergriffen wurden, ihre Wirkung." Er möchte die anderen Dresdner Parteichefs zeitnah zu einem Mobilitätsgipfel einladen, um gemeinsame Leitlinien zu entwickeln.

Mehr Kontrollen fordert SPD-Stadtrat Stefan Engel. "Insbesondere bei Tempoverstößen ist die Gefahr zu gering, wirklich erwischt zu werden. Der laufende Stellenzuwachs bei der Polizei muss auch bei der Verkehrsüberwachung ankommen. Auch zusätzliche stationäre Blitzer können eine Maßnahme sein."

Die Stadt: Lösung kommt nicht vor 2021

Auch Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) weiß, dass sich an der Stelle etwas tun muss. "Wir sehen uns durch den Unfall erneut darin bestärkt, wie wichtig es ist, sichere Radverkehrsanlagen zu haben", teilt er auf Anfrage von sächsische.de mit. "Für die Reicker Straße ist eine Maßnahme im Radverkehrskonzept beschlossen. An dieser Maßnahme wird bereits gearbeitet. Es soll künftig markierte Radfahrstreifen geben." Für den Abschnitt zwischen Rayski- und Gamigstraße laufe bereits die Vorplanung. Auf diesem Teil der Reicker Straße liegt auch die Unfallstelle. Sofort wird sich an der Lage trotzdem nichts verändern. Vor nächstem Jahr ist nicht mit einem Baustart zu rechnen.

Update, 15. Januar, 13.24 Uhr: In einer früheren Version dieses Textes fehlte die Nationalität des Unfallfahrers. Diese Information ist nach Nachfrage bei der Polizei Dresden ergänzt worden.

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