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Diebe stehlen Grabstein von totem Baby

Anja und Steffen Neubieser aus Oderwitz haben 2008 ihre Tochter verloren. Und vor ein paar Tagen den Stein von ihrem Grab. Wer tut so etwas?

Fassungslos stehen Anja und Steffen Neubieser vor dem Familiengrab auf dem Friedhof in Oberoderwitz. Die Grabplatte für ihre Tochter hinten rechts fehlt.
Fassungslos stehen Anja und Steffen Neubieser vor dem Familiengrab auf dem Friedhof in Oberoderwitz. Die Grabplatte für ihre Tochter hinten rechts fehlt. © Matthias Weber/photoweber.de

Sie haben ihr den schönen Namen Helene gegeben. Sie haben sie in den Händen gehalten nach ihrer Geburt. Da war das kleine Mädchen schon tot. Helenes Geburts- und Sterbeurkunde tragen dasselbe Datum: den 2. April 2008. Anja und Steffen Neubieser aus Oderwitz ist das Schlimmste widerfahren, das Eltern widerfahren kann. "Ein Kind zu verlieren, das lässt einen nie wieder los", sagt Anja Neubieser. "Das durchlebt man immer und immer wieder." 

Um so fassungsloser stehen die Neubiesers jetzt vor dem Familiengrab auf dem Friedhof in Oberoderwitz. Auch wenn sie inzwischen getrennt leben, das traumatische Erlebnis hat sie zusammengeschweißt. "Es wird immer Teil unserer Familiengeschichte sein", sagt Steffen Neubieser. Auch ihre zweite Tochter, die jetzt neun Jahre alt ist, weiß, dass sie eine Schwester im Himmel hat. Aber das, was jetzt hier geschehen ist, das soll die Neunjährige lieber nicht wissen. 

Materialwert von 350 Euro

Seit ein paar Tagen nämlich ist Helenes Grabstein verschwunden. Eine schöne Sandstein-Platte, graviert mit ihrem Namen, einem Regenbogen und einer goldenen Sonne. Rechts vom großen Familiengrabmal hat sie gelegen. Jetzt ist da nur noch eine offene Stelle Erde. Und dafür gibt es nur eine Erklärung. Die Grabplatte ist gestohlen worden.

Am Montag letzter Woche hat Steffen Neubiesers Vater festgestellt, dass der Stein fehlt. Am Donnerstag zuvor, als er das Grab für den Winter eingedeckt hatte, war er noch da.

"Mein Vater dachte, dass wir den Stein vielleicht vor dem Totensonntag zum Aufarbeiten zum Steinmetz gebracht haben, weil er schon ein bisschen verwittert war", erzählt der 55-Jährige. Gleich nach der Arbeit fährt Steffen Neubieser zum Friedhof. Als er die leere Stelle sieht, ist er entsetzt.

Wer tut so etwas? Und vor allem, warum? "Der Stein war doch nicht aus teurem Marmor, nur aus Sandstein, ein Materialwert von 350 Euro", sagt der Oderwitzer. "Aber für uns hat er einen unbezahlbaren Wert. Das ist unsere Erinnerung." Die Neubiesers kommen oft hierher, auch jetzt, nach über zehn Jahren noch. "Für uns ist das sehr wichtig, diesen Ort zu haben", sagt Steffen Neubieser. "Aber das weiß der ja alles nicht, der das getan hat."

Er fragt sich, was das für ein Mensch ist, der so etwas macht. "Was geht in so einem vor? Weiß der, wie sich Eltern, die ihr Kind verloren haben, fühlen? Denkt der überhaupt?" Das Wort "Grabschändung", sagt er, "wir wissen jetzt, wie sich das anfühlt."

In 30 Jahren nicht erlebt

Steffen Neubieser hat bei der Polizei Anzeige erstattet. Auch die beiden Polizeibeamten, die vor Ort kommen, sind entsetzt. Es kommt vor, dass Skulpturen von Gräbern gestohlen werden, Grabeinfassungen, Vasen, Pflanzschalen, Teile aus Kupfer. In Oderwitz haben Diebe auch mal Dachrinnen von der Trauerhalle gestohlen. Aber einen Grabstein? So einen Fall hatten die Polizisten noch nicht.

Steffen Neubieser hatte die Hoffnung, dass es vielleicht nur ein Akt von Vandalismus war und jemand den Stein irgendwo hingeworfen hat. "Der wiegt ja um die 40 Kilo, den kann man nicht einfach mal so unter den Arm klemmen", sagt er. Aber die Suche der Polizisten im Umfeld hat nichts ergeben.

Auch Elisabeth Böhmer kann nicht fassen, was hier passiert ist. Sei 30 Jahren arbeitet die 59-Jährige in der Friedhofsverwaltung von Oderwitz. Sie kennt hier jedes Grab und alle Familien, kaum eine Beerdigung in den 30 Jahren, die sie nicht begleitet hat. Noch niemals, sagt sie, ist so etwas passiert. Und es ist in ihren Augen auch vollkommen anstands- und pietätlos. "Einen Grabstein stehlen, nein, das geht überhaupt nicht."

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Anja Neubieser hat ein kleines Gesteck auf die leere Stelle gelegt, ein Herz aus Moos und Zweigen. Am Nachmittag waren sie beim Steinmetz. Sie haben zum Glück noch ein verblasstes Foto vom Tag der Beerdigung. Der neue Stein soll genauso aussehen wie der gestohlene - mit einem Regenbogen und einer goldenen Sonne. 

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